Facetten eines Wahlabends: Burkhard Blienert erhält ein Geschenk für seinen engagierten Wahlkampf, Carsten Linnemann spricht zu seinen Unterstützern, bei der FDP checkt man die Ergebnisse auf dem Smartphone und die Grünen freuen sich über ihr überraschend gutes Abschneiden. - © Kosbab, Gröbing, Gröneweg, Berbüsse
Facetten eines Wahlabends: Burkhard Blienert erhält ein Geschenk für seinen engagierten Wahlkampf, Carsten Linnemann spricht zu seinen Unterstützern, bei der FDP checkt man die Ergebnisse auf dem Smartphone und die Grünen freuen sich über ihr überraschend gutes Abschneiden. | © Kosbab, Gröbing, Gröneweg, Berbüsse

Kreis Paderborn Nach der Wahl: Carsten Linnemann sieht Jamaika-Koalition kritisch

Nach dem Ausscheiden von Burkhard Blienert und Karl-Heinz Wange ist Linnemann letzter verbliebener Bundestagsabgeordneter aus Paderborn

Birger Berbüsse

Kreis Paderborn. Das bundesweite Wahl-Beben hat auch den Kreis Paderborn durchgeschüttelt: Es gab deutliche Verluste für CDU und SPD und gleichzeitig erhebliche Gewinne für die AfD. Das Abschneiden der beiden Volksparteien lässt auch die Paderborner Fraktion in Berlin schrumpfen. Weil die Listenplätze von Karl-Heinz Wange (CDU) und Burkhard Blienert (SPD) nicht zogen, ist Carsten Linnemann nun wieder einziger Vertreter des Kreises. Dafür kommt er aber trotz Stimmenverlusten mit mächtig Rückenwind: Mit 53,3 Prozent fuhr Linnemann das landesweit beste Erststimmen-Ergebnis ein und ist auch bundesweit in der Top 5. Das sei ein Zeichen der „Wertschätzung" freut sich Linnemann, der aber auch sagt: „Am Bundesergebnis gibt es nichts schön zu reden." Einer möglichen Jamaika-Koalition steht er kritisch gegenüber. „Vor allem wegen des Themas der Inneren Sicherheit". Da sieht er in den Verhandlungen mit Grünen und FDP Probleme. Linnemann fordert, dass im nächsten Koalitionsprogramm „unsere Handschrift klar erkennbar" sein muss. Wange und Blienert räume ihre Büros Während Linnemann in seine dritte Legislaturperiode geht, ist die Zeit in Berlin für Karl-Heinz Wange nach zwei Jahren schon wieder vorbei. Er verspüre aber keine Wehmut, es sei eine „super Zeit" gewesen, so Wange, der bereits mit der Abwicklung seines Büros begonnen hat. Die hat auch bei Burkhard Blienert Priorität, der nach vier Jahren aus dem Bundestag ausscheidet. Seine dringendste Aufgabe sei es jetzt, dafür zu sorgen, dass seine Mitarbeiter unterkommen, sagt der Sozialdemokrat. Dass seine Arbeit so plötzlich beendet sei, ist für ihn immer noch „irreal". Das zu verstehen brauche noch Zeit. Wange und Blienert, die beiden Kreisvorsitzenden ihrer jeweiligen Partei, bewerten auch das Wahlergebnis in ihrer Heimat. Für Wange ist Paderborn weiterhin eine CDU-Hochburg. „Wir müssen uns aber in Zukunft mehr anstrengen, um beim Bürger zu bleiben", sagt er. Blienert weist daraufhin, dass der Kreis „eine wichtige Region für die AfD" geworden sei. Alle Parteien müssten darüber nachdenken, wie nun die richtige Strategie aussehe. Den Bürgern müsse durch gute Kommunalpolitik ein Angebot gemacht werden. Bei den Grünen hatte sich die Gemütslage im Laufe des Wahlabends etwas verändert. Nach dem überschwänglichen Jubel über die 9,5 Prozent der ersten Prognose klang Kreisvorsitzende Norika Creuzmann mit Blick auf die letztlich 8,9 Prozent deutlich nüchterner. „Wir haben minimal zugelegt und sind nicht den Bach runter gegangen", lautet ihre Bilanz. Sie bedauert, dass mit diesem Ergebnis nur eine statt zwei Abgeordnete aus OWL im Bundestag vertreten sein wird. Paderborner FDP ganz stark in OWL Über ein „sensationelles Ergebnis" freut sich der FDP-Landtagsabgeordnete Marc Lürbke. Was eine Jamaika-Koalition angeht, bleibt er reserviert. „Wir haben klar gesagt, dass wir unsere Inhalte zur Bedingung für eine Koalition machen", sagt Lürbke. Die Partei müsse sich mit ihren Positionen wiederfinden. Dann müsse man schauen, ob es passt. „Es gibt sicherlich Gemeinsamkeiten, aber auch Punkte, die uns trennen." Als Kreisvorsitzender verweist er stolz darauf, dass die FDP im Kreis Paderborn das stärkste Zweitstimmen-Ergebnis in OWL geholt habe. Die erhebliche Diskrepanz zwischen Zweit- und Erststimme (13,4 zu 5,5 Prozent) liegt für ihn am großen Zuspruch für Carsten Linnemann. Eine Regierungsbeteiligung ist für die Linke zwar außer Reichweite. Beim Kreisverband freut man sich dafür über ein Stimmenplus von 1.900 Stimmen und ein Ergebnis von 8,2 Prozent in der Stadt Paderborn. Völlig „frustriert" zeigt sich hingegen Sabine Martiny von den Piraten, die als Direktkandidatin von 3,2 auf 1,0 Prozent abgerutscht ist. Das Ergebnis sei aber absehbar gewesen, verweist Martiny auf den Bundestrend. AfD will flächendeckend antreten Grund zur Freude gab es natürlich beim Kreisverband der AfD. Dort ging der Blick aber auch sofort nach vorn. Direktkandidat Andreas Kemper zeigte sich am Wahlabend sehr zufrieden. Das kreisweite AfD-Ergebnis zeige: „Es bedarf in Paderborn einer bürgerlichen Alternative, die die Nöte und Ängste der Bürger politisch abdeckt." Man wolle nun daran arbeiten, bei der Kommunalwahl im Jahr 2020 flächendeckend in den Gemeinden anzutreten. Diese Aussicht sorgt bei den anderen Parteien für unterschiedliche Reaktionen. Karl-Heinz Wange bereitet die Ankündigung keine Sorgen. „Wir haben noch viel Zeit und sind gut aufgestellt, um die AfD im Kreis klein zu halten." Auch für Burkhard Blienert spielt die Kommunalwahl erstmal noch keine Rolle. Marc Lürbke hält es mit dem Sprichwort: „Nach der Wahl ist vor der Wahl" und fordert, nun klare Ideen nach vorne zu bringen. Pessimistischer ist Norika Creuzmann. „Ich gehe davon aus, dass die AfD in mehrere Rathäuser einziehen wird", befürchtet sie auch in drei Jahren einen Erfolg der Rechtspopulisten. SPD und CDU kämpferisch „Es gibt viel zu tun", folgert daraus auch der Paderborner SPD-Fraktionschef Franz-Josef Henze. Der AfD-Erfolg, aber auch das „Federlassen" der CDU geben ihm zu denken. Er stellt sich die Frage, ob seine Partei in der Opposition im Rat alles richtig gemacht habe. Vielleicht müsse man in Zukunft „weniger kompromissbereit sein", überlegt Henze, damit die Sozialdemokraten vor Ort wieder erkennbarer werden. „Kein gutes Ergebnis, gerade bei den Zweitstimmen" sieht CDU-Fraktionschef Markus Mertens in Paderborn. Er verweist allerdings auf den Bundestrend und glaubt nicht, dass die Hochburg Paderborn bröckelt. Mertens ist sicher: „Bei der Kommunalwahl wird es anders sein." Dann werde auch die AfD nicht die gleiche Tragweite erreichen. „Ich habe meine Zweifel, ob ihr kommunalpolitisches Wissen über dumpfe Parolen hinausgeht", sagt Mertens. Er wünscht sich deshalb mehr Auseinandersetzung mit der Partei, „um sie packen zu können".

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