Im Gespräch: (v. l.) Andrea Ruhlig und Anastasia Trenin tauschen sich mit Mohammed Kasemagah und Taufiek Sharba aus. - © Marco Schreiber
Im Gespräch: (v. l.) Andrea Ruhlig und Anastasia Trenin tauschen sich mit Mohammed Kasemagah und Taufiek Sharba aus. | © Marco Schreiber

Paderborn Auf der Quatschcouch kommen Migranten mit Paderbornern ins Gespräch

In einer Paderborner Kneipe treffen sich Geflüchtete mit Muttersprachlern, um in lockerer Atmosphäre ihre Sprachkenntnisse zu verbessern

Marco Schreiber
19.12.2016 | Stand 19.12.2016, 08:15 Uhr

Paderborn. Andrea Ruhlig kommt meist etwas später. Die 52-Jährige unterrichtet Deutsch an der Volkshochschule und trifft sich jeden Mittwoch mit ihren Schülern in der Akka, einer urigen Kneipe in der Paderborner Innenstadt. Seitdem Andrea Ruhlig nicht mehr am Pelizaeus-Gymnasium unterrichtet, sondern am anderen Ende der Stadt, braucht sie etwas länger zum Stammtisch für alle, die ihre Sprachkenntnisse verbessern wollen. "Viele haben keinen Kontakt zu Muttersprachlern", sagt die Frau, die alle nur Eo nennen. Deshalb hat sie im September die Quatschcouch ins Leben gerufen, einen Ort zum Schwatzen und Lernen in lockerer Runde. Mohammed Kasemagha hat vor drei Monaten mit seinem Sprachkurs begonnen. Der 42-jährige Syrer beantwortet die meisten Fragen auf Englisch. Das Deutschlernen falle ihm schwerer als dem 33-jährigen Taufiek Sharba, der neben ihm am Tisch sitzt. "Er hat ein Computergehirn", sagt Kasemagha und zeigt auf Taufiek Sharba. Auch Sharba stammt aus Syrien, er gehört einer religiösen Minderheit an und hat in seiner Heimat als Buchhalter bei einer Versicherung gearbeitet. Hier in Deutschland würde er alles machen, sagt er. Fast noch wichtiger als Arbeit ist ihm seine Familie, er möchte sie gern nach Deutschland holen. Allerdings ist seine Aufenthaltsgenehmigung auf ein Jahr befristet. "Ich verstehe das nicht", sagt Sharba. Der Stand ihrer Asylverfahren und Schwierigkeiten mit den Behörden, darüber wird oft gesprochen, wenn sich die Teilnehmer der Quatschcouch treffen. "Wie geht's, wie war die Woche, das sind so unsere Themen", sagt Anastasia Trenin. Sie ist die Muttersprachlerin in der Runde, die einzige bislang. "Wir suchen noch Verstärkung", berichtet die 27-Jährige. Die Paderborner Ehrenamtsbörse hatte die Betreuerin an der Ganztagsschule Elsen vermittelt, als VHS-Lehrerin Ruhlig nach Mitstreitern suchte. "Ich freue mich jedes Mal, man erfährt auch viel Persönliches", sagt Anastasia Trenin. Manchmal spielen sie zusammen Karten, manchmal werden Witze erzählt, manchmal wird über Filme gesprochen und über Musik. Heinrich Schneider (Name geändert) fühlt sich unwohl mit dem Besuch eines Reporters. So viele Jahre sei er schon in Deutschland und komme trotzdem hierher, Arbeitskollegen und Bekannte sollen davon nicht erfahren. "Ich suche nach Möglichkeiten, deutsch zu sprechen", sagt der 60-Jährige und verdrückt sich, als der Reporter die Kamera auspackt. Mohammed Kasemagah, er wohnt um die Ecke, hat inzwischen seinen Laptop geholt. Bilder aus Syrien will er zeigen, manche Fotos sind wie aus tausendundeiner Nacht. Heute habe er sich im Kurs kaum konzentrieren können, sagt er. Seine Frau hat in einer Whatsapp von den Bomben geschrieben, die auf Aleppo fielen. Mit ihren drei Kindern harrt sie in der umkämpften Stadt aus. Weil Kasemagah die nächsten drei Jahre in Deutschland bleiben darf, kann er seine Familie bald zu sich holen. Andrea Ruhlig legt einen Zettelblock und einen Kuli auf den Tisch, um neue Wörter aufzuschreiben. "Die Besucher der Quatschcouch wollen Unterstützung und dass ihre Fehler korrigiert werden", sagt sie. Es sind weniger geworden, seit es früher dunkel wird und das Wetter schlecht ist. Dabei ist noch viel Platz an dem langen Holztisch. "Wir suchen Mitstreiter", die mit lernwilligen Zuwanderern ins Gespräch kommen wollen", sagt Ruhlig.

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