Sorgenkind Sennelager: Zwischen Bahnhof und Bielefelder Straße liegt das Kleingewerbe bald noch mehr darnieder, wenn die britischen Kunden fehlen. - © Holger Kosbab
Sorgenkind Sennelager: Zwischen Bahnhof und Bielefelder Straße liegt das Kleingewerbe bald noch mehr darnieder, wenn die britischen Kunden fehlen. | © Holger Kosbab

Paderborn Abzug der Briten in Paderborn macht Sennelager zum Sanierungsfall

Der Ortsteil muss sich neu erfinden. Untersuchungen sollen die Voraussetzungen für eine geordnete Entwicklung schaffen

Paderborn. Ohne das Militär gäbe es den Stadtteil im Norden von Paderborn so nicht: Erst 1851, also vor gut 150 Jahren, wurde Sennelager gegründet, und zwar als preußisches Kavallerie-Übungslager im fast menschenleeren Teil der Senne bei Neuhaus. Im Kaiserreich wurde der Truppenübungsplatz ausgebaut. Er blieb auch danach eine feste Stütze militärischer Infrastruktur. Nach dem zweiten Weltkrieg ließen sich die britischen Streitkräfte dort nieder. Doch ihre Tage sind gezählt: Bis 2020 wollen sie, so der Informationsstand bei der Stadt Paderborn, die Kasernen dort geräumt haben. Und mit ihnen die über 800 Wohnungen, in denen heute noch britische Soldaten und ihre Familien in Sennelager leben. Ein für den Stadtteil riesiger Verlust an Wohnbevölkerung mit Auswirkungen bis in örtliche Gewerbe steht bevor. Die größte Zäsur in der Geschichte des kleinen Paderborner Ortsteils will professionell gemanagt sein: Weite Teile Sennelagers rund um die Normandy-Kaserne könnten dazu unter Sanierungsrecht gestellt werden. Der Stadtrat soll deshalb in seiner nächsten Sitzung am 2. Juni auf Vorschlag von Bürgermeister Michael Dreier sogenannte vorbereitende Untersuchungen beschließen. Geklärt werden soll damit, ob dafür das besondere Städterecht ein geeignetes Instrument für die Neuerfindung des Stadtteils sein kann - und wenn ja, ob ein vereinfachtes oder umfassendes Sanierungsverfahren zur Anwendung kommen soll. Das Sanierungsrecht, geregelt in den Paragraphen 136 und folgende im Baugesetzbuch ist ein starkes Steuerungsinstrument für die Kommune. In offiziellen Sanierungsgebieten sind nämlich auf bestimmte Zeit befristet alle Vorhaben - auch Verkäufe - genehmigungspflichtig. Eigentümer sind zu umfassenden Auskünften auch über ihre Vermögenssituation verpflichtet. Für spätere Wertsteigerungen können sogar Ausgleichsbeträge erhoben werden. Miet- und Pachtverhältnisse können von der Stadt aufgehoben werden. Viele Wohnungen taugen nicht mehr viel Ziel der nun anstehenden Untersuchungen ist ein integriertes Handlungskonzept für Sennelager mit konkreten Ansätzen und Maßnahmen auch für den unmittelbar an das Untersuchungsgebiet angrenzenden Teil der noch militärisch genutzten Normandy-Kaserne. Vorläufige Ziele für ein mögliches Sanierungsverfahren sind neben der Sicherung bzw. Schaffung und Modernisierung von Wohnraum bei sozial verträglicher Mischung auch eine Aufwertung des Wohnumfeldes und die Sicherung der historischen Bausubstanz sowie die Ausbildung eines Ortsmittelpunktes. Entlang der Bielefelder Straße soll die handels- und dienstleistungsorientierte Nutzungsstruktur erhalten bleiben verbunden mit einer behutsamen Entwicklung auch des Gebietes westlich davon bis zu den Bahnschienen. Klar scheint schon jetzt, dass womöglich etwa jede zweite heute von Briten genutzte Wohnung womöglich am besten abgerissen würde, weil sie aktuellen Standards nicht mehr entspricht. Viele davon sind allerdings in privater Hand. Hier seien steuernde Instrumente gefragt, um "frühzeitig städtebaulich nachhaltige, sozial verträgliche und wirtschaftliche sinnvolle Nachnutzungsperspektiven" zu entwickeln, wie es in der Begründung des Bürgermeisters heißt. Zwar gehe man insgesamt für Paderborn in den nächsten Jahren von einem Bedarf von bis zu 900 zusätzlichen Wohneinheiten pro Jahr aus, doch werde sich die Nachfrage eher auf Kernstadtbereiche konzentrieren. Für Sennelager gelte es also, ein angemessenes Angebot zu forumlieren, so der Bürgermeister. Die vorbereitenden Untersuchungen soll ein in solchen Angelegenheiten erfahrenes, externes Büro übernehmen. Mit dem Beschluss darüber sollen von der Sanierung Betroffene möglichst früh zur Mitwirkung angeregt und in diesem Zusammenhang beraten werden, heißt es. Wenn dann in der nächsten Stufe das Sanierungsrecht gilt, sind Eigentümer, Mieter und Pächter sowie sonstige Nutzer sogar auskunftspflichtig gegenüber der Stadt in allen die Sanierung betreffenden Fragen. Dazu können auch persönliche Lebensumstände wie Berufs-, Erwerbs- und Familienverhältnisse, das Lebensalter, die Wohnbedürfnisse sowie soziale Verflechtungen und örtliche Bindungen erfragt werden. Wer solche Auskünfte verweigert, dem droht sogar ein Zwangsgeld.

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