Paderborn Wozu heute noch beichten? Paderborner Dechant im Interview

"Vergebung vor Gott gibt es einfach so"

Paderborn. Wer sündigt muss beichten? Was früher selbstverständlich war, ist heute nicht mehr alltäglich. Viele Beichtstühle bleiben leer - doch kurz vor Ostern wollen einige Menschen wieder Vergebung vor Gott erfahren. Im Interview nw.de redet Benedikt Fischer, Dechant des Dekanates Paderborn und Pfarrer der beiden Paderborner Pfarreien St. Julian und St. Liborius, Klartext und spricht über die Gründe für ausbleibende Beichten. Und er stellt den Stellenwert der Beichte für die Katholische Kirche heraus. Dechant Benedikt Fischer, wann haben Sie zuletzt jemanden im Beichtstuhl begrüßt? Benedikt Fischer: Das war erst am Samstag. Wir haben regelmäßige Beichtzeiten in unseren Kirchen. In der Franziskanerkirche ist täglich Beichtgelegenheit, in den meisten anderen Kirchen, auch im Dom, jeden Samstagnachmittag. Warum sollte man beichten? Fischer: Die Frage ist vielleicht anders besser zu stellen. Es ist keine Pflicht, beichten zu gehen. Das ist kein Muss in dem Sinne, dass einen die Kirche verstoßen würde, ginge man nicht zur Beichte. Das Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen kann auch ohne Beichte auf einer guten Ebene sein, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Die Beichte ist ein Angebot wie die anderen Sakramente auch. Man kann und sollte nicht zur Beichte gezwungen werden. Denn Gott braucht die Beichte nicht, sondern vielmehr der Mensch. Die Themen loszuwerden, die man auf dem Herzen hat, indem man sie laut ausspricht, hat, wie wir alle wissen, eine enorme Wirkung. Sich den Satz zusprechen zu lassen: ,So spreche ich dich los von deinen Sünden? ist etwas völlig anderes, als mit sich selbst die Dinge auszumachen. Es gibt unterschiedliche Weisen, die Vergebung Gottes zu erbitten, in der Beichte erfahren wir die Annahme durch einen liebenden Gott besonders intensiv. Welchen Stellenwert hat die Beichte unter den Sakramenten in der Katholischen Kirche? Fischer: Wir sprechen da von sieben Sakramenten. Und man kann sicher sagen, dass die Beichte das Sakrament ist, das sich am meisten im Ab- oder besser im Umbau befindet. Warum? Inwieweit hat sich die Beichte verändert? Fischer: Früher, in meiner Kindheit, insbesondere vor Ostern, standen Menschen vor den Kirchen Schlange. Da waren teilweise zwei Beichtstühle besetzt und es standen jeweils knapp 35 Personen vor der Tür. Die Leute konnten sich beim Anstehen vorbereiten auf das Gespräch, wenn es etwas vorzubereiten gab. Heute ist das anders, der Andrang ist bei weitem nicht so groß. Auch nicht zu Ostern? Fischer: Vor allem vor Ostern ist der Zulauf rege. Es ist schwierig zu sagen, wie viele Menschen zur Osterzeit mehr kommen als sonst. Ich kann nur aus eigener Erfahrung sagen, dass vor Ostern Quantität und Intensität deutlich zunimmt. Mit Quantität meine ich die Anzahl an Beichtenden. Es sind oft vor Ostern, auch vor Weihnachten ist das so, intensive Gespräche, die ihre Zeit brauchen. Es kommen Menschen, die sich auseinandersetzen wollen mit den Themen ihres Lebens. Das ist eine andere Qualität, als es früher möglich war, als Mensche Schlange standen vor Beichtstühlen. Manche kommen einmal im Jahr zur Beichte, nehmen sich dafür viel Zeit, bereiten sich intensiv vor und erwarten zurecht einen guten Beichtvater, der zuhört und versucht zu verstehen. Eine schnelle Abfertigung ist da völlig fehl am Platz. Früher gab es also mehr zu beichten? Fischer: So kann man das auch sagen (lacht). Früher waren es einfach deutlich mehr Menschen, die gekommen sind. Aber die Intensität der Beichte, in Form eines wirklich ehrlichen Gesprächs, hat zugenommen. Durch die Fülle an Menschen vor den Kirchen früher, konnte die Gesprächsqualität ja gar nicht so hoch sein aufgrund der begrenzten Zeit. Es war im Grunde ein Aufsagen von Verfehlungen, denn es ging nicht allen immer darum, die eigenen Lebensthemen zu bearbeiten, sondern die Lossprechung durch den Priester zu erfahren. Das ist auch legitim und nicht zu beanstanden. Aber wenn es darum ging, ein intensives Gespräch zu führen, dafür war der Andrang dann zu groß. Meist konnte nur ein kurzes Gespräch stattfinden. Heute kann man sich mehr Zeit für jeden einzelnen nehmen. Und das ist gerade vor Ostern auch gefragt. Und warum gehen heute weniger Menschen zur Beichte? Fischer: Den meisten Menschen erschließt es sich nicht, warum sie einem Priester ihre Sünden sagen sollen. Die Beichtpraxis der Vergangenheit hat offensichtlich auch nicht dazu geführt, den großen Wert erfahrbar werden zu lassen, versöhnt mit Gott, mit den Mitmenschen und sich selbst zu leben. Die Beichte ist ein Erfahrungsraum für Versöhnung. Deshalb wird es heute meist auch als ,Sakrament der Versöhnung? bezeichnet. Wer dieses Sakrament als solches erfahren kann, wird es nicht mehr missen wollen. Viele erzählen, dass sie die Beichte früher als angstmachend erlebt haben. Gründe waren sicher dafür auch die Dunkelheit des Beichtstuhles, das Beichtgitter und die damit vorherrschenden eigenartigen Kommunikationsräume. Diese Erfahrungen sind absolut bedauerlich, denn sie haben dann nicht dazu geführt, eine Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes zu machen. Bis heute ist das hinderlich für manche, den Faden neu aufzunehmen. Wie sehen dann moderne Beichten aus? Fischer: Die neuen Beichtstühle, die gebaut werden, sind heller und freundlicher, früher waren das funktionale Holzkisten. Heute sind sie wie eine Art Raum gestaltet, in den man hinein gehen kann. Dann kann man entscheiden: ,beichte ich anonym, so dass ich nicht gesehen werde von den Priestern oder gehe ich um das Gitter herum und setze mich an einen Tisch?. Dort findet ein persönliches Gespräch wie gerade zwischen uns statt. Man erkennt den Gläubigen im Zweifel aber an der Stimme? Fischer: Das ist richtig. Aber dennoch: Für einige ist allein das Gefühl, nicht erkannt zu werden, besser. Man fühlt sich anonymer. Welche Maßnahmen kann die Kirche ergreifen, damit mehr Gläubige zur Beichte kommen? Fischer: Das steht im großen Kontext der Entwicklungen in der Kirche. Wir verlieren zur Zeit auch weiterhin viele Kirchenmitglieder, einfach auf Grund der demografischen Entwicklung. Um Menschen in den Gottesdienst zu bewegen, können wir nicht wie der Stargeiger David Garret in Halle auftreten. Das kann es nicht sein. Natürlich hat ein Gottesdienst immer eine gewisse Dramaturgie, das liegt in der Natur der Liturgie. Wir müssen uns fragen, wie wir durch Gestaltung den Menschen deutlicher machen können, dass wir in der Liturgie vor Gott stehen, er in unserer Versammlung präsent ist und an uns handeln will. Gibt es eine Art Strafenkatalog für Sünden? Fischer: Das gibt es schon sehr lange nicht mehr. Man kann ja keine Sünde durch eine Buße aufwiegen. Die Vergebung vor Gott gibt es einfach so. Ich muss dafür keine Gegenleistung erbringen. Wenn es ein Bußgebet zu verrichten gilt, ist das keine Strafe. Vielmehr geht es darum, sich noch einmal Zeit zu nehmen und das Gespräch nachwirken zu lassen. Ich versuche meist ein Gebet zu finden, was das Thema des Gesprächs aufgreift - es wäre gut, wenn das passt. Das klappt nicht immer. Aber sich nach der Beichte im Gebet an Gott zu wenden, hat auf jeden Fall einen hohen Wert. Sie sagen, die Intensität der Beichtgespräche sei heute eine andere als früher - inwieweit ist ein Pfarrer auch Therapeut? Fischer: Der eigentliche Therapeut ist ja Gott selber. Der Priester gibt dem Raum, indem er zuhört und versucht, die Themen in den Horizont Gottes zu stellen. Dabei kann dem Beichtenden durchaus der Himmel ein bisschen mehr aufgehen. Wann haben Sie zuletzt gebeichtet? Wo tun Pfarrer das? Fischer: Als Pfarrer hat man natürlich auch seine Orte, wo man zur Beichte gehen kann. Es ist immer angeraten, dass man einen geistlichen Begleiter hat, der einen gut kennt. Das muss nicht gleichzeitig der Beichtvater sein, aber das wäre vielleicht angeraten. Ich beichte in regelmäßigen Abständen, das ist doch klar. Gerade vor Ostern, wenn viele Menschen zu mir kommen - das motiviert mich auch selbst beichten zu gehen.

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