Eine Familie im Laufstall: Sophia Smith hat June, die am Sonntag ihren ersten Geburtstag feiert, auf dem Schoß, Pierre Reinhardt Liv. - © Holger Kosbab
Eine Familie im Laufstall: Sophia Smith hat June, die am Sonntag ihren ersten Geburtstag feiert, auf dem Schoß, Pierre Reinhardt Liv. | © Holger Kosbab

Paderborn Nach dem Paderborner Zwillingswunder: Besuch bei der Familie

An diesem Sonntag feiert June ihren ersten Geburtstag. Damit ist sie ihrer Schwester Liv 38 Tage voraus. Ansonsten aber erleben Sophia Smith und Pierre Reinhardt den ganz normalen Alltag junger Eltern

Holger Kosbab
05.03.2016 | Stand 04.03.2016, 22:20 Uhr

Paderborn. Zwei junge Eltern, zwei kleine Kinder: Wer Sophia Smith und Pierre Reinhardt mit June und Liv sieht, der denkt sich: Zwillinge, doppelte Freude, aber auch doppelte Arbeit. Das ist noch völlig normal. Ungewöhnlich ist dagegen ihre Geschichte. Die beiden Mädchen sind zwar Zwillinge, doch während Liv erst am 13. April Geburtstag hat, wird June schon an diesem Sonntag eins. Für die Mediziner des St.-Vincenz-Krankenhauses in Paderborn grenzte es im vergangenen Frühjahr an ein Wunder: Denn nach der Frühgeburt von June (nach 23 Wochen und vier Tagen) schloss sich der Muttermund wieder. Und da jedes Kind eine eigene Fruchtblase hatte, gab es für Liv keinen Zwang, um schon heraus zu kommen. Erst 38 Tage später wurde sie geboren. Zeit, in der sie sich gut entwickeln konnte. Seit der ersten Ultraschalluntersuchung am 20. Oktober 2014 wussten Sophia Smith (27) und Pierre Reinhardt (35) aus Paderborn, dass es Zwillinge erwarte. Lange verlief alles ganz wunderbar. Bis am 2. März die Fruchtblase aufgrund einer Infektion fast 17 Wochen zu früh platzte. Mit den Ärzten gelang es dann, die Geburt von June noch vier Tage hinaus zu zögern. Sie kam am 6. März zur Welt, 490 Gramm leicht und 30 Zentimeter groß. Am 13. April folgte Liv, in der 29. Schwangerschaftswoche, 38 Zentimeter groß und mit 960 Gramm fast doppelt so schwer wie ihre Schwester. Ab dem 6. März glich das Leben der jungen Familie einer Achterbahnfahrt mit gesundheitlichen Aufs und Abs. Vor allem June war schwach, musste künstlich beatmet werden und erhielt verschiedene medikamentöse Therapien. Das änderte sich auch nicht, als es am 1. Juli nach Hause ging. Noch bis Mitte Oktober bekam June zusätzlich Sauerstoff. Liv musste bis Januar zur Physiotherapie, bei June wird dies wohl noch das ganze Jahr nötig sein, um ihren Bewegungs- und Muskelapparat zu stärken. Hinzu kommen tägliche Turnübungen mit dem Papa, der froh ist, dass er derzeit nur halbtags arbeitet und viel mitbekommt vom Alltag und vom Heranwachsen der Kinder. Wickeln gehört natürlich dazu. "Zu Hause war alles anders", sagt Sophia Smith. Die Töchter haben anders geschlafen und weniger getrunken. Die Krankenschwestern waren nicht mehr da, die bekannte Umgebung fehlte. "Als wir danach das erste Mal wieder in der Klinik waren, hat der Geruch sie sofort beruhigt", sagt sie. Hinzu kam wie bei allen jungen Eltern, nicht zu wissen, was auf einen zukommt. "Zu Anfang haben wir eine Stunde gebraucht, um die Kinder anzuziehen und die Tasche zu packen, ehe wir los konnten", sagt Sophia Smith. Mittlerweile sind sie routiniert und haben das ganze Programm mitgemacht wie Koliken oder Zahnen. Bis auf Kleidung hat das Paar viele Dinge gebraucht gekauft. Schließlich brauchen sie sechs Betten, sechs Hochstühle und drei Laufställe, um auch bei den Großeltern alles zu haben. Auch drei Kinderwagen haben sie: einen Doppel- und zwei Einzelwagen. Ob Mama oder Papa: Jeder kann mit beiden Kindern auch allein losschieben - so gut fluppt es. An einem ändert das nichts: "Mit Zwillingen funktioniert es nur im Team", sagt Sophia Smith. Und beide sind perfekt eingespielt. So wechseln sie sich etwa alle zwei Tage darin ab, wer nachts welches Mädchen versorgt, falls es nötig ist. Wichtige Hilfe bekamen die jungen Eltern aber auch von ihren Familien. "Ohne die wäre es nicht gegangen", sagen sie. Zum Alltag von Sophia Smith und Pierre Reinhardt gehört auch, sich stets der Realität gestellt zu haben: "Wir haben immer gesagt, wissen zu wollen was Sache ist." Die beiden wissen, was alles passieren kann bei Frühchen, die in einem solchen Stadium wie June geboren werden: "Man kann nicht sagen, es ist alles super, alles toll." Da könne noch viel kommen. So sei nicht klar, wie sich etwa das Sprechen entwickelt. "Aber heute ist es gut. All das, was im Krankenhaus auffällig war, das ist jetzt gut", sagt Pierre Reinhardt und ist wie Sophia Smith froh, dass es derzeit keine Probleme gibt. June und Liv seien eben "zähe Biester", sagen die Eltern - mit einem Lächeln, das wohl nur Mütter und Väter haben können, die so etwas erlebt haben.

realisiert durch evolver group