Glücklich: Sophia Smith hält Liv im Arm, Pierre Reinhardt die kleine June. - © Holger Kosbab
Glücklich: Sophia Smith hält Liv im Arm, Pierre Reinhardt die kleine June. | © Holger Kosbab

Paderborn Seltenes Zwillingswunder in Paderborn

Zwischen den Geburten der Mädchen June und Liv liegen 38 Tage

Holger Kosbab
29.06.2015 | Stand 29.06.2015, 19:21 Uhr

Paderborn. Oft sind es nur wenige Minuten: Bei Zwillingen ist einer immer ein bisschen älter. Erzählen die beiden Mädchen June und Liv aus Paderborn in Zukunft mal über ihr Alter, dann sind ungläubige Gesichter garantiert. Niemand wird ihnen glauben, dass zwischen ihren Geburten 38 Tage liegen. Und auch für die Eltern Sophia Smith (27) und Pierre Reinhardt (35) sowie die Ärzte des St.-Vincenz-Krankenhauses ist das, was sie in den vergangenen Wochen erlebt haben, glattweg ein Wunder. Seit der ersten Ultraschalluntersuchung am 20. Oktober 2014 wusste das Paar, dass es Zwillinge erwarte. Lange verlief alles ganz wunderbar. „So ganz ohne Komplikationen“, erzählt Sophia Smith. „Das habe ich noch am Tag vor dem Blasensprung gesagt.“ Bis am 2. März die Fruchtblase aufgrund einer Infektion fast 17 Wochen zu früh platzte. Da sie selbst Arzthelferin in einer Paderborner Gynäkologenpraxis ist, musste sie auf einen Untersuchungstermin nicht warten. Deshalb war auch gleich klar: Es ist wirklich Fruchtwasser. Mit den Medizinern des St.-Vincenz-Krankenhauses gelang es dann, die Geburt von June noch vier Tage hinaus zu zögern. Am 6. März kam June zur Welt, 490 Gramm leicht, 30 Zentimeter groß.Erste Geburt  - und der Muttermund schloss sich wieder Alle hatten damit gerechnet, dass wenig später die Schwester folgen würde. Wie üblich, war ein zweites Geburts- und Versorgungsteam eingeteilt, sagt, Björn Beckers, Oberarzt auf der Intensivstation der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin: „Dann ist das Besondere passiert: Der Muttermund hat sich wieder geschlossen.“ Glücklicherweise hatte jedes Kind eine eigene Fruchtblase, so dass es für Liv keinen Zwang gab, ebenfalls schon heraus zu kommen. Beckers hatte die Eltern auf alle Möglichkeiten vorbereitet. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind, das schon nach 23 Wochen und vier Tagen zur Welt kommt, stirbt, beträgt 50 Prozent. Nur das Herz ist schon ausgebildet, das Gehirn ist ebenso wenig ausgereift wie die Lungen und die Verdauungsorgane. Umso erstaunlicher war es, dass June zwar unterstützend beatmet wurde, aber zugleich sehr schnell von sich aus weiter geatmet habe. „June hatte einen Lebenswillen“, betont Beckers. „Sie hat sich bewegt und da war klar, dass sie versorgt wird.“ Gesetzlich verpflichtend sind lebenserhaltende Maßnahmen ab der 25. Woche.Massiver Einsatz von Wehenhemmern „Dass sich der Muttermund wieder schließt, hat von uns noch niemand erlebt“, sagt Beckers. Es gebe zwar hin und wieder so genannte „zweizeitige Geburten“, doch dann lägen dazwischen meistens höchstens 14 Tage. „Entscheidend ist, dass das zweite Kind drin geblieben ist“, sagt Christine Schmücker, Leitende Oberärztin der Gynäkologie und Geburtshilfe. Zu Beginn wurden ganz massiv Wehenhemmer eingesetzt, um die Zeit zu verlängern – ehe nach zwei Wochen komplett darauf verzichtet werden konnte. Mit einem Gewicht von 960 Gramm kam Liv dann am 13. April in der 29. Schwangerschaftswoche zur Welt. Bei ihr verteilten sich 960 Gramm auf 38 Zentimeter. Eigentlich hätte für die Eltern da alles wunderbar sein können. Doch es folgte eine Achterbahnfahrt. Denn zu dieser Zeit war June ganz schwach.Künstliche Beatmung, Medikamente Ab ihrer dritten Lebenswoche musste sie künstlich beatmet werden und erhielt verschiedene medikamentöse Therapien – unter anderem mit Stickstoff, um einzelne Lungenbereiche zu öffnen. „Da standen wir mit dem Rücken zur Wand: Es durfte nicht einen Zentimeter mehr zurück gehen“, sagt der Vater Pierre Reinhardt. Wäre da noch etwas dazugekommen, wäre die Kleine gestorben, sagt Beckers. Doch es ging wieder bergauf. Heute sind beide Kinder mit 2.800 Gramm – durch Stillen und Zufüttern – gleich schwer und ohne erkennbare Fehlentwicklung. Und langsam ist die Ruhe zurückgekehrt in das Laben von Sophia Smith, Pierre Reinhardt, June und Liv. Dass die Eltern jetzt mit ihren Kindern nach Hause können, ist für ihn – und Björn Beckers meint es ehrlich – ein Wunder.

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