Fahnen im Wind: Bei Pegida-Kundgebungen wie hier in Dresden ist immer wieder auch die von Josef Wirmer entworfene Fahne zu sehen. Sie zeigt ein schwarz-goldenes Kreuz auf rotem Grund. - © Foto: imago/Sebastian Willnow
Fahnen im Wind: Bei Pegida-Kundgebungen wie hier in Dresden ist immer wieder auch die von Josef Wirmer entworfene Fahne zu sehen. Sie zeigt ein schwarz-goldenes Kreuz auf rotem Grund. | © Foto: imago/Sebastian Willnow

Paderborn/Warburg Bei Anti-Islam-Demos wehen Fahnen des Paderborner NS-Gegners Josef Wirmer

Nachfahren sind entsetzt

Hans-Hermann Igges

Paderborn/Warburg. Josef Wirmer, 1901 in Paderborn geborener und in Warburg aufgewachsener Jurist und Politiker, wurde als Mitglied des deutschen Widerstandes nach dem missglückten Attentat auf Adolf Hitler von dessen Regime ermordet. Sein Vorschlag für eine Nationalflagge nach der NS-Zeit erlebt derzeit eine Renaissance - ausgerechnet auf Kundgebungen der Pegida-Bewegung. Ein demokratisch-christlicher Vorkämpfer für den Rechtsstaat und Widerstandskämpfer gegen das Nazi-Regime als Gallionsfigur für eine rechtspopulistische Bewegung, die auf Ausgrenzung und Diskriminierung weiter Teile der in Deutschland lebenden Bevölkerung setzt - wie passt das zusammen? "Pegida maßt sich das Erbe des 20. Juli an" titelte unlängst Sven Felix Kellerhoff, Leitender Redakteur der Tageszeitung Die Welt. Die fremdenfeindliche Bewegung vereinnahme den Entwurf eines "im Sinne des Wortes christlichen Demokraten (...), der für ein Bündnis mit der SPD eintrat". Offenbar genügt den Pegida-Anhängern die einfache Tatsache, dass Wirmer sich ausdrücklich zum Christentum bekannte, um ihn für ihre Anti-Islam-Propaganda zu missbrauchen.Entsetzen in der Familie In der Familie Wirmers ist man jedenfalls entsetzt: "Mein Onkel Josef Wirmer, katholischer Widerstandskämpfer und mitbeteiligt an dem gescheiterten Attentat gegen Hitler, drehte sich sicherlich im Grabe um, wenn er von dem Missbrauch der von ihm entworfenen Flagge - gedacht für einen neuen deutschen, demokratischen Staat - durch die Pegida erfahren könnte. Was die Pegida bewogen hat, diesen Entwurf bei ihren Demonstrationen zu zeigen, weiß ich nicht", sagt Matthias Wirmer, Neffe des Widerstandskämpfers und Paderborner Kinderarzt. Im Besitz der Familie - auch ein Bruder Josef Wirmers lebt noch - befänden sich noch Zeichnungen mit Flaggen-Entwürfen des 1944 hingerichteten Widerstandskämpfers. Schwarz und rot und goldfarben sollte sie sein, in Anlehnung an die demokratischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts, die Fahne für das neue Deutschland nach den Nazis. Der Jurist Josef Wirmer war von den Widerständlern rund um Claus Graf Schenk von Stauffenberg für den Fall eines geglückten Umsturzes als neuer Justizminister vorgesehen. Als Zentrumspolitiker war es der Katholik Wirmer, der nach dem Urteil von Historikern maßgeblich so verschiedene Widerstandsgruppen wie Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Adlige und Christen zusammen führte. Wirmer nutzte für seine neue Deutschland-Fahne zwar die traditionellen Farben, stellte sie aber anders als bis 1933 und dann wieder ab 1949 gebräuchlich zusammen. Die drei dicken Querbalken schienen ihm als Symbol der gescheiterten Weimarer Republik diskreditiert. Die neue Form des schwarzen Kreuzes mit goldenem Rand auf rotem Grund soll Wirmer auf Grund seiner religiösen Überzeugung gewählt haben.Vorschlag wurde nur knapp abgelehnt Nach der Darstellung des Tübinger Politikwissenschaftlers und Staatsrechtlers Theodor Eschenbug ("Geschichte der Bundesrepublik Deutschland") hatte die CDU/CSU 1948/49 als Bundesflagge Wirmers Entwurf nach dem Muster skandinvischer Flaggen vorgeschlagen, auch weil der alte Streit in der Weimarer Nationalversammlung um die Reichsfarben nicht vergessen war. Betont wurde laut Eschenburg, "dass uns daran liegt, (...) das Zeichen des Kreuzes zu verankern, das uns ein Symbol abendländischer Kultur in Jahrhunderten der Geschichte der Menschheit gewesen ist". Dieser Antrag unterlag jedoch mit 34 zu 23 Stimmen in der Dritten Lesung des Plenums des Parlamentarischen Rates. Der Antrag der SPD, die ausdrücklich an die demokratische Tradition anknüpfenden Farben Schwarz-Rot-Gold zu wählen, wurde mit 49 zu 1 Stimmen angenommen. Tatsächlich wehen auf Kundgebungen der Pegida-Bewegung in Dresden und anderswo alle möglichen Fahnen: Neben der offiziellen deutschen Nationalfahne wird dort auch gern die russische gezeigt. Oder diverse stolze Adler, Löwen und sonstige hoheitliche Symbole einzelner Bundesländern.Fahne in der rechten Szene verbreitet Die Wirmer-Fahne als Symbol für den Widerstand gegen das NS-Regime rund um das Hitler-Attentat am 20. Juli 1944 wurde laut Recherchen, die auf der Internetseite Netz-gegen-Nazis.de veröffentlicht wurden, in der rechten Szene schon im Zusammenhang mit der Fußball WM 2012 als Alternative zur offiziellen Deutschlandflagge empfohlen. Auch im Umfeld der rechtsextremen Partei Pro NRW und anderer Gruppierungen der Szene tauche sie auf.

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