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Paderborn Theologen feiern älteste Hochschule

Fakultät am Kamp besteht seit 400 Jahren / Festakt und Gottesdienst zum Jubiläum

VON HOLGER KOSBAB
14.10.2014 | Stand 13.10.2014, 20:51 Uhr

Der Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann (v. l.), Josef Meyer zu Schlochtern (Rektor der Theologischen Fakultät), Nikola Eterovic (Apostolischer Nuntius) und Paderborns Erzbischof Hans-Josef Becker feiern mit vielen Gästen das Jubiläum zum 400-jährigen Bestehen der Theologischen Fakultät. - © FOTO: HOLGER KOSBAB
Der Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann (v. l.), Josef Meyer zu Schlochtern (Rektor der Theologischen Fakultät), Nikola Eterovic (Apostolischer Nuntius) und Paderborns Erzbischof Hans-Josef Becker feiern mit vielen Gästen das Jubiläum zum 400-jährigen Bestehen der Theologischen Fakultät. | © FOTO: HOLGER KOSBAB

Paderborn. Die neuen Studenten an der Theologischen Fakultät starten zwar erst heute ins akademische Leben. An der Hochschule am Kamp wurde aber schon einen Tag vorher mächtig gefeiert: Denn vor 400 Jahren ist die älteste Hochschule Westfalens gegründet worden. Mit einem Gottesdienst und einem Festakt würdigten der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker und viele Gäste die Hochschule, darunter Festredner Karl Kardinal Lehmann, Bischof von Mainz.

Information

Daten zur Geschichte

Im Jahr 1604 hatte Fürstbischof Dietrich von Fürstenberg am Kamp ein Jesuitenkolleg gestiftet, die Grün-dung der Jesuitenuniversität folgte 1614: Am 10. September des Jahres wurde die Gründungsurkunde unterzeichnet. 1773 wurde der Jesuitenorden durch Papst Clemens XIV. aufgehoben und die Jesuitenuni in eine bischöfliche Hochschule umgewandelt. 1818 verfügte Friedrich Wilhelm II. von Preußen die Aufhebung der Fakultät, der Beschluss wurde dabei nie ausgeführt, aber erst 1836 offiziell zurückgenommen. 1917 wurde die Hochschule in Bischöfliche Philosophisch-Theologische Akademie umbenannt. Bei Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg werden die Gebäude zerstört, der Lehrbetrieb startet wieder 1950. 1966 verleiht Papst Paul VI. der Hochschule den Rang einer Theologischen Fakultät, seitdem trägt sie zugleich diesen Namen.

Rektor Josef Meyer zu Schlochtern sagte, dass die Theologische Fakultät seit 400 Jahren ein Ort des Glaubens sei, an dem der Glaube reflektiert und systematisch betrachtet werde. Dies zeige sich in dem Jubiläumsmotto "Glauben denken, Menschen bilden". Zugleich betonte er die Offenheit der Hochschule für die Fragen der Gegenwart und erinnerte daran, dass sie während der Nazizeit aus dem Hochschulverzeichnis gestrichen war.

Lehmann sprach in seinem Festvortrag "Die Sendung der Kirche in Gegenwart und Zukunft – eine Herausforderung an die Theologie" über Glaube und Theologie. Differenziert schlüsselte er das Verhältnis von Lehramt und Theologie, Kirche und theologischer Wissenschaft auf. Theologie sei "denkender Glaube", knüpfte er an das Motto der Festlichkeiten – "Glauben denken, Menschen bilden" – an. Die Theologie könne dabei nie Glauben schaffen, sie zeige aber ihre Strukturen auf und begründe die Inhalte. Lehmann kam dabei zu dem Schluss, dass auch die moderne, pluralistische Gesellschaft mindestens erkennen kann, "dass ihr Theologie bei der Aufklärung über sich selbst, ihre Herkunft, und bei der Bewältigung ihrer Lebens- und Gestaltungsprobleme, ihre Gegenwart und Zukunft, ,nützlich’ sein kann".

Dieses Gemälde von Dietrich von Fürstenberg hängt in der Theologischen Fakultät Paderborn. - © FOTO: MARC KÖPPELMANN
Dieses Gemälde von Dietrich von Fürstenberg hängt in der Theologischen Fakultät Paderborn. | © FOTO: MARC KÖPPELMANN

Nikola Eterovic, ständiger Vertreter des Papstes (Apostolischer Nuntius) in Deutschland, sagte, dass die Hochschule nur in ihren Gebäuden alt sei, durch das Wissensbegehren der Studenten aber jung bleibe. Er blickte auf die Geschichte und bekannte Absolventen. Unter ihnen seien nicht nur fünf aktuelle Bischöfe, sondern etwa auch Alois Andritzki, der im Konzentrationslager Dachau gestorben sei, und Franz Stock: Dessen Wirken in Pariser Gefängnissen zeige, dass das Christentum keine Feinde habe, sagte Eterovic.

Staatssekretär Thomas Grünewald betonte in Vertretung für NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze die Bedeutung der Theologischen Fakultät. Die Hochschule sei ein Traditionsort und gehöre zum Traditionsbestand, auf den das Land stolz sei. In ihren 400 Jahren hätten die Hochschulleitungen dabei ihre Offenheit für Veränderungen bewiesen, sagte Grünewald. Eine Offenheit, die beibehalten werden sollte – auch für neue Kooperationen, so wie es sie mit der Uni Paderborn gibt. In einer Zeit, in der Fundamentalisten Religion missbräuchten, sei religiöse Bildung wichtig. Erst dadurch entstehe Toleranz, und erst dadurch seien eigene Standpunkte klar darstellbar. Grünewalds Expertise ist eindeutig: Auch nach 400 Jahren sei die Theologische Fakultät "unverzichtbar".

Die Uni Paderborn sei vor zwei Jahren zwar erst 40 geworden, sagte ihr Präsident Nikolaus Risch. Die Zusammenarbeit mit der Hochschule in der Paderborner Innenstadt sei aber schon sieben Jahre nach der Gründung vereinbart worden. Nach der Kooperation in Religionslehre und praktischer Philosophie kam zuletzt die Wirtschaftswissenschaft hinzu. Sich besser gegenseitig verstehen über Fachgrenzen hinaus: Dies sei das Ziel dieser besonderen Kooperation, sagte Risch.

Dieser Kupferstich aus dem Jahr 1616 zeigt das Jesuitenkolleg, die Vorgängerhochschule der Theologischen Fakultät.
Dieser Kupferstich aus dem Jahr 1616 zeigt das Jesuitenkolleg, die Vorgängerhochschule der Theologischen Fakultät.

Paderborns Bürgermeister Michael Dreier unterstrich, dass die Hochschule am Kamp "ein wichtiger Teil der Paderborner Bildungslandschaft" sei.

Für den Paderborner Erzbischof und Magnus Cancellarius der Fakultät, Hans-Josef Becker, sei es nicht selbstverständlich, ein solches 400-Jahr-Jubiläum zu feiern. So sei im Bistum Osnabrück fast zu gleicher Zeit eine Jesuitenuniversität gegründet worden, die nach nur drei Jahren ihren Betrieb wieder einstellen musste. Den jüngsten Sprösslingen der hiesigen Hochschullandschaft – darunter die Uni Paderborn – könne er zwar nicht zu ihrem Alter gratulieren. Dafür beglückwünschte Becker sie zu ihrer Jugend. "Der Blick auf die Geschichte unserer Hochschule legt zugleich den inneren Kern frei, der das Motiv ihrer Gründung und das Ziel ihrer 400-jährigen Arbeit war: Durch das theologische Studium sollte sie Einsicht in und über den christlichen Glauben vermitteln", sagte Becker. ⋌⋌¦ Lokale Kultur

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