Eva-Maria Seng in ihrem Universitätsbüro. Sie ist Professorin am Lehrstuhl für materielles und immaterielles Kulturerbe in Paderborn. - © FOTO: CHRISTINE PANHORST
Eva-Maria Seng in ihrem Universitätsbüro. Sie ist Professorin am Lehrstuhl für materielles und immaterielles Kulturerbe in Paderborn. | © FOTO: CHRISTINE PANHORST

Paderborn Eva-Maria Seng: "Das Schützenwesen trägt zur Bildung von Identität bei"

Die 52-Jährige erforscht immaterielles Kulturerbe

Paderborn. Seit Ende Juni ist es offiziell: Das Schützenwesen ist eingetragenes immaterielles Kulturerbe des Landes Nordrhein-Westfalen und damit schützenswertes Brauchtum. Zur Jury im NRW-Bewerbungsverfahren gehörte auch Eva-Maria Seng von der Universität Paderborn. Die Kulturerbe-Expertin erklärt im Gespräch mit NW-Volontärin Christine Panhorst, was immaterielles Kulturerbe genau ist und warum die Schützen den NRW-Listenplatz geschafft haben. So kann man Schützen auch sehen: Männer in grünen Jacken, die auf Holzvögel schießen und volltrunken im Festzelt Frauenpos zwicken. Warum ist das NRW-Kulturerbe? Eva-Maria Seng: Erstens weil sich die Schützenverbände darum beworben haben. Zweitens, weil immaterielles Kulturerbe definiert wird als mündlich überlieferte Traditionen oder als Fertigkeiten, gesellschaftliche Gebräuche, Rituale, Künste, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Das trifft auf das Schützenwesen in NRW sicherlich zu. Inwiefern? Seng: Hunderttausende Menschen engagieren sich in NRW in Schützenvereinen und das über soziale Schranken hinweg. Das heißt, Lehrlinge und Unternehmer sitzen im Festzelt nebeneinander. Sie teilen gemeinsame Rituale, wie das Vogelschießen, die Umzüge. Das Schützenwesen trägt für viele Menschen zur Bildung von Identität bei. Schützenvereine gibt es so bereits seit dem 19. Jahrhundert. So alt ist das Schützenwesen damit ja nicht. Den Rheinischen Karneval, der es auch auf die NRW-Liste geschafft hat, gibt es seit dem Mittelalter, den Osterräderlauf in Lügde seit rund 800 nach Christus. Seng: Das stimmt, aber die Kriterien für immaterielles Kulturerbe sind beim Schützenwesen trotzdem erfüllt. Manche Traditionen sind eben jünger oder werden später nach Jahrhunderten wiederbelebt. Oder sie verändern sich, werden in andere Länder und Kulturen weitergetragen. Zeitliche und räumliche Dimensionen variieren. Die Definition für immaterielles Kulturerbe lautet "weitergegeben von Generation zu Generation", demnach würden schon zwei genügen. Die Ursprünge des Schützenwesens zum Beispiel liegen im Mittelalter. Worauf gründet sich das Brauchtum? Seng: Das heutige Schützenwesen gründet sich auf Tradition der Gilden und Schützenbruderschaften, die es seit dem 12. Jahrhundert gibt. Später verloren diese Wehren ihre Funktion und leben heute in ritualisierter Form fort, die sich weiter verändert hat und verändern wird. Die Schützen sind heute ein gut vernetzter Verband, der die Chance sich zu bewerben ergriffen hat und damit die Voraussetzung NRW-Kulturerbe zu werden, aktiv mit geschaffen hat. Ein starkes Kriterium. Jeder, der sich um einen Listenplatz engagiert bewirbt, kann also einen Brauch zum NRW-Kulturerbe machen? Seng: Theoretisch ja. Man muss das Bewerbungsformular ausfüllen, dazu benötigt man zwei Gutachten von Fachexperten, die den jeweiligen Brauch, das Wie und Was darstellen, und die Bewerbung begründen. Und es gibt Ausschlusskriterien. So darf ein Brauch den Menschenrechten nicht widersprechen. Er sollte kulturelle Vielfalt fördern und im Respekt und mit Achtung gegenüber anderen Gemeinschaften, Gruppen und Personen ausgeübt werden. Gerade gab es Streit, weil ein Werler Schützenkönig, der kein Christ ist, nicht auf den Thron darf. Seng: Das geht natürlich gar nicht. Aber der Vorfall ist nicht repräsentativ für das Schützenwesen insgesamt, das es übrigens auch in Belgien und der Schweiz gibt. Da gibt es viel Varianz. Einige Schützenvereine stammen von alten Bürgerwehren ab, andere von katholischen Bruderschaften, die früher gesellschaftliche Aufgaben übernommen haben, wie das zu Grabe tragen. Hier in Paderborn war Emin Özel Schützenkönig. Und er ist Muslim. Gerade solche Reibungspunkte erhalten durch einen Listenplatz als immaterielles Kulturerbe mehr Aufmerksamkeit und können wichtige Denkprozesse anstoßen. Zum Beispiel? Seng: Durch den offiziellen Eintrag wird ein Brauch sichtbarer und damit aufgewertet. Gleichzeitig stellt sich die Frage, was gehört auf so eine Liste und warum? Auf was kann sich unsere Gesellschaft als wichtige materielle oder immaterielle Kulturerbe verständigen? Wie und womit identifizieren wir uns, was ist bewahrenswert? Für den einen in Paderborn ist es das Schützenwesen, für einen anderen vielleicht der Paderborner Dom. Das ist ein fortlaufender, sich verändernder Prozess. Aber der Paderborner Dom ist ein Bauwerk und damit doch materielles Erbe. Seng: Ja, wenn Sie den Dom als Bau aus Steinen betrachten ist er materiell. Aber erst dadurch, dass ihm Bedeutung als kunsthistorisches Bauwerk zugeschrieben wird, wird der Dom zum kulturellen Erbe und diese Bedeutungszuschreibung ist immateriell. Auch die Handlungen, die in ihm stattfinden, die Messen, die Rituale, wie die Erhebung des Liborischreins, geben dem Dom zusätzlich Bedeutung und sind immateriell. Jedes Materielle, jedes Ding, hat damit also auch immer eine immaterielle Seite. Wieso gibt es dann getrennte Listen? Seng: Damit wurde sozusagen bei der Kulturerbe-Definition nachträglich nachgebessert. Das ist unserer europäischen Kultur geschuldet, in der die Denkmalpflege eine große Rolle spielt. Das heißt Kulturerbe sind in der Regel Kirchen, Brücken, Bauwerke eben. In der außereuropäischen Kultur ist das anders. Dort sind schon seit langem immaterielle Kulturrituale und -techniken wie Tänze als schützenswerte Bräuche anerkannt, die es zu erhalten gilt. China, Korea und Japan stellen so heute die meisten Einträge auf der neueren Unesco-Liste für immaterielles Kulturerbe, die es erst seit 2003 gibt. Diese globale Liste wirkt jetzt auch zurück in regionale und lokale Räume. Die Menschen fragen sich: Was sind unsere wichtigsten Bräuche. Was gehörte ihrer Meinung nach denn auf eine Liste für Paderborn? Sollte sich Libori bewerben? Seng: Angenommen, es gäbe so eine stark lokalisierte Liste, Libori könnte sicherlich ein Anwärter sein. Es gibt aber ein Ausschlusskriterium, das besagt, dass ein Brauch nicht zu kommerziell geprägt sein darf. Das müsste man prüfen. Idealerweise sollten Bräuche von den Menschen vor Ort von innen und Fachexperten von außen betrachtet, erforscht und gegebenenfalls für einen Listenplatz aufgestellt werden. In der Schweiz wird das so gehandhabt. Ich halte das für das besseres Verfahren. Denn das Bewerbungsverfahren, das wir anwenden für Landeslisten und Bundesverzeichnis, verliert kulturelle Erscheinungsformen aus dem Blick, die keine starke Lobby haben. Nicht alle Kreise der Gesellschaft werden erreicht. Wann waren Sie zuletzt auf einem Schützenfest? Seng: Noch nie. Da habe ich nur professionelles Interesse. Im Paderborner Stadtbild sind mir die Schützen natürlich schon begegnet. Zu Festzeiten herrscht hier Ausnahmezustand. Was wäre denn für Sie einen ganz persönlichen, identitätsstiftenden Kulturerbe-Eintrag wert? Seng: Da gibt es viele Orte und Dinge. Zum Beispiel, die "Seelen" aus meiner Geburtsstadt Ulm. Was ist das? Seng: Das sind herzhafte Gebäckstangen mit Salz und Kümmel, außen kross und innen ganz fluffig. Als ich neulich in Ulm war, habe ich schon vorher immer daran gedacht, dass ich sie unbedingt dort essen möchte. Aber dann habe ich’s leider vergessen. Schade.

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