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Heiner Geißler beim Caritastag. - © FOTO: FLÜTER
Heiner Geißler beim Caritastag. | © FOTO: FLÜTER

Paderborn Geißler fordert neues ethisches Fundament

Prominenter Gastreferent lobt Caritas und Diakonie als "Speerspitze des Evangeliums"

Von Karl-Martin Flüter
30.05.2014 | Aktualisiert vor 0 Minuten

Paderborn. Den CDU-Politiker Heiner Geißler finden Konservative, Kirchenkritiker und Gegner des Neoliberalismus gut, sogar Spontis gehören zu seinen Fans. Entsprechend groß war das Interesse, als der 84-Jährige jetzt beim Caritasverband Paderborn als Gastredner auftrat. Caritasvorstand Patrick Wilk begrüßte den früheren Bundesminister und CDU-Generalsekretär im Bürgerhaus Elsen zum Studientag des Verbandes.

"Die soziale Dimension des Evangeliums" lautete das Thema des Vortrags und Geißler machte schnell klar, wo seine Vorliebe liegt: beim radikalen Neuerer Jesus, der mit seiner Forderung der bedingungslosen Nächstenliebe die Verhältnisse ins Wanken brachte. Mit der Realität der Kirchen, aber auch dem Zwang zur Wirtschaftlichkeit, dem der Wohlfahrtsverband Caritas unterworfen ist, hat das nur wenig zu tun. Aber Geißler, unbequem und eigenwillig wie eh und je, erlaubt es sich, radikal zu denken. Bei den Mitarbeitern des Caritasverbandes kam er damit an. Immer wieder brandete spontaner Beifall auf, etwa als er das "Prinzip des Wettbewerbs" in der Pflege kritisierte und mehr Zeit für Pflege forderte. Pflegebedürftige seien keine "Kunden", auch keine "Maschinen und Schrauben", sondern "Menschen, die andere Menschen brauchen".

Die Wurzeln des Geißler?schen Denkens liegen in der katholischen Soziallehre der Nachkriegsjahre, als christliche Politiker maßgeblich an der Entwicklung der "Sozialen Marktwirtschaft" beteiligt waren. Ihren Untergang beklagt Geißler: Mit dem Siegeszug der Neoliberalen in den 1990er Jahren habe die Gesellschaft ihr "ethisches Fundament" verloren. Es sei auch die Aufgabe der Kirchen, sich an der Erneuerung des Sozialen zu beteiligen und dabei auf die praktizierte Nächstenliebe zu bauen. Mit Caritas und der Diakonie hätten die Kirchen zwei "Speerspitzen des Evangeliums": "Die Caritas ist nicht eine Nebensache, sondern die Hauptsache der Kirche."

Die Umsetzung in der Realität ist die Sache von Menschen wie dem Caritasdirektor Josef Lüttig und der Landtagsabgeordneten Sigrid Beer (Grüne). Beide saßen nach Geißlers Rede mit ihm auf dem Caritas-Podium und beide betonten, dass die wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen nicht nur eine Last seien, sondern eine Funktion haben. Die Caritas wolle hohe Qualität in der sozialen Arbeit, sagte Lüttig. Das sei aber nur möglich, wenn man sich der Frage nach den Mitteln und Maßstäben aussetze. Man müsse soziale Werte in politisches Handeln transformieren, pflichtete ihm Sigrid Beer bei.

Heiner Geißler ficht das kaum an, er hält sich an die Worte des Evangeliums - was schon an sich unbequem sein kann. Vor einigen Jahren habe er einem Bischof von seinem Buch über Jesus erzählt, erinnerte sich Geißler, doch der habe ihn nur angeschaut und gesagt: "Immer dieser Jesus."