Paderborn Erinnerung an Kardelen fünf Jahre nach dem Mord

Am 12. Januar 2009 wurde in Paderborn die Achtjährige getötet

12.01.2014 | Stand 12.01.2014, 15:36 Uhr

Paderborn. Am 16. Januar 2009 zieht ein gewaltiger Trauermarsch durch Paderborn. 7.000 Menschen haben sich versammelt, um ihre Anteilnahme am Tod der kleinen Kardelen (8) zu zeigen. Bis heute, fünf Jahre nach der Tat, sind die Auswirkungen spürbar. Deutsche und Türken in der Stadt ständen sich seitdem näher, sagt Ayhan Demir, Vorsitzender des Paderborner Integrationsrats. Vier Tage vor dem Trauermarsch, am 12. Januar, war Kardelen von einem Nachbarn missbraucht und getötet worden. Im Wunsch, den Eltern zu helfen, begann ein Stück Integration. Am Tag der offenen Moschee kämen heute viel mehr deutsche Besucher, sagt Demir. Und sie stellten viel mehr Fragen, etwa zum Opferfest oder zum Fastenbrechen. "Aus meiner Sicht hat Paderborn bei der Integration einen großen Schritt gemacht", sagt Demir. Auch Paderborns Bürgermeister Heinz Paus erinnert an den großen Zusammenhalt: "Das Schicksal des kleinen Mädchens hatte die gesamte Stadt und die Region tief erschüttert. Mehr als 1.000 Eintragungen in die Kondolenzbücher, der Gottesdienst vor dem Rathaus mit Vertretern der katholischen und evangelischen Kirche sowie der türkisch-islamischen Gemeinde sowie der Trauermarsch dokumentierten die große Betroffenheit über den grausamen Tod des Mädchens." Kardelens Eltern möchten dennoch heute nicht mehr über die Tat reden. In der türkischen Gemeinde in der Nähe der früheren Wohnung der Familie sagt ein Gemeindemitglied, das namentlich nicht genannt werden will: "Nach der Beerdigung wird drei Tage getrauert. Danach gibt man den Schmerz in Gottes Obhut." Der Fall aber ist vielen Menschen noch präsent. Etwa dem damals leitenden Ermittler der Staatsanwaltschaft, Ralf Vetter. Jede Fahrt an der Siedlung vorbei bringt ihn gedanklich zurück in den Winter vor fünf Jahren. "Das hinterlässt Spuren, da denke ich schon noch dran", sagt Vetter, mittlerweile Oberstaatsanwalt in Detmold. Dass ein Täter mit einer Leiche in einer Reisetasche per Taxi, Zug und Bus 60 Kilometer bis zum Möhnesee fährt, um diese zu verstecken, habe er bis dahin nie für möglich gehalten.Hilfe des Schwiegervaters Ungewöhnlich ist der Fall für Vetter aber auch, weil das Verfahren in Paderborn abgeschlossen wurde, ohne dass es hier eine Hauptverhandlung gab. Diese folgte in der Türkei, wohin der Täter geflüchtet war. Tatkräftig geholfen hatte damals dessen Schwiegervater. Der reiste in die Türkei, um ihn aufzuspüren – und vor allem, um die Ehre seiner Tochter zu retten. Zuvor hatte er sich bei Kardelens Eltern für die Tat seines Schwiegersohnes entschuldigt und geschworen, bei der Suche zu helfen. Mit Freunden und Privatdetektiven fand Kadir Ayaz heraus, wo sich der Täter versteckt hatte. Am 12. Februar 2009 konnte die Polizei den Mörder verhaften. Er habe gemacht, was er tun musste, sagt Ayaz, der eine Teestube betreibt, heute. Seine Tochter habe sich nach dem Fall von ihrem Mann getrennt. Kardelens Eltern sehe er regelmäßig, sie seien ihm dankbar. Am 24. Dezember 2009 wurde der Täter von einem Schwurgericht im türkischen Söke zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe und zusätzlich 18 Jahren wegen sexuellen Missbrauchs und Freiheitsberaubung verurteilt. Der Mann, so die Richter, solle nie wieder auf freien Fuß kommen.

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