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Streitfall Streik: Nicht immer gilt ein Ausstand als höhere Gewalt. - © picture alliance / imageBROKER
Streitfall Streik: Nicht immer gilt ein Ausstand als höhere Gewalt. | © picture alliance / imageBROKER

Klagewelle Skurrile Flugrechts-Fälle: Höhere Gewalt und eine gepfändete Bordkasse

Nicht immer sind Zahlungsverweigerungen der Airlines im Falle einer Verspätung rechtens. Ein Fachanwalt für Verkehrsrecht gibt Einblicke.

Lukas Brekenkamp
21.10.2019 | Stand 22.10.2019, 19:39 Uhr

Lichtenau. Immer mehr Fluggäste klagen gegen Airlines wegen Flugverspätungen oder gar gestrichenen Flügen. Auch Thorsten Fust, Fachanwalt für Verkehrsrecht aus Lichtenau, merkt einen solchen Anstieg. „Man spürt, dass immer mehr Leute klagen wollen." Er erklärt: Bei gestrichenen Flügen und bei Verspätungen von mehr als drei Stunden stehen den Fluggästen nach der Fluggastrechteverordnung 250 bis 600 Euro zu. Die Höhe der Zahlung hänge jedoch auch von der Flugstrecke ab. „Lange Zeit kannten viele Leute diese europäische Richtlinie aus dem Jahr 2004 nicht. Jetzt wird das Thema immer mehr publik", nennt der Anwalt als einen der Gründe für die Klagewelle. Weitere Gründe sieht er in einem generellen Anstieg der Verspätungen und Ausfälle. Außerdem würden Fluggesellschaften häufig auf Höhere Gewalt verweisen (darunter fallen beispielsweise schlechte Wetterbedingungen, Terrorgefahr oder Naturkatastrophen) und so eine Zahlung verweigern sowie Portale wie Flightride, die den Rechtsstreit der Fluggäste übernehmen. Der Anwalt hat alleine 2018 etwa für 400 Mandanten Klagen eingereicht. Auch 2019 rechne er mit einer ähnlich hohen Klagezahl. Dabei gibt es auch so manchen skurrilen Fall. Anwalt nennt fünf Fälle So wurde in einem Fall ein Flug von München nach Paderborn gestrichen. Der Grund: An jedem Tag wurde in Paderborn eine Bombe entschärft. Die Airline nannte höhere Gewalt als Grund für den Ausfall. Doch Fust klagte trotzdem. Sein Verdacht: Die Maschine sei nicht ausgelastet gewesen. Die Airline zahlte letztendlich eine Entschädigung von 250 Euro pro Person. In einem weiteren Fall kam eine Maschine aus der Türkei mit deftiger Verspätung am Düsseldorfer Flughafen an. Obwohl seine Mandantin ein Recht auf Geld hatte, zahlte die Fluglinie nicht. „Da habe ich einen Gerichtsvollzieher in die Maschine geschickt", erzählt Fust. Dieser hat sich an der Bordkasse bedient, um die Schulden zu begleichen. Und auch wegen Hitze aufgeplatze Betonplatten auf dem Flughafen Hannover müssen nicht unbedingt höhere Gewalt darstellen. Immerhin sei laut Fust der Betrieb des Flughafens auch Aufgabe der Airline – und der Flughafen habe bereits seit Jahren die selbe Landebahn, obwohl immer heißere Temperaturen bekannt sein sollten. Vor Gericht kam es zum Vergleich. Wind auf Madeira ist keine höhere Gewalt Schlechtes Wetter sei normalerweise höhere Gewalt. Doch wie sieht es aus, wenn an Reisezielen generell schwere Wetterverhältnisse gelten? Weil ein Flug nach Madeira wegen starken Windes gestrichen wurde, klagte Fust vor Gericht. Die Begründung: „Schlechte Wetterverhältnisse und starker Wind sind dort normal – und keine höhere Gewalt", sagt Fust. Das Gericht gab ihm Recht – die Airline ging jedoch in Berufung. Und auch Streik ist nicht immer ein Grund für das Gericht, eine Zahlung der Airline abzulehnen. Zumindest, wenn es nur eine Streikandrohung ist: "Eine Airline hat einen Flug gestrichen, weil in Frankreich Streiks angekündigt wurden." Eine Entschädigungszahlung verweigerte das Unternehmen. Fust reichte Klage ein - sein Mandant hat am Ende doch Geld bekommen.

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