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Ein Sitz wird getestet. Unter der Bodenplatte detoniert eine Mine. - © Svenja Ludwig
Ein Sitz wird getestet. Unter der Bodenplatte detoniert eine Mine. | © Svenja Ludwig

Lichtenau Seltener Einblick: Was hinter den Toren von IABG in Lichtenau geschieht

Das Unternehmen IABG arbeitet unter anderem für Bundeswehr, Rheinmetall und Hyundai

Svenja Ludwig
16.05.2019 | Stand 16.05.2019, 18:50 Uhr

Lichtenau. Etwa zwei Kilometer hinter Lichtenau liegt links der Langen Straße eine höchst mysteriöse Firma. Hohe Zäune riegeln das Areal ab. An der Einfahrt hindern Schranken und Kameras daran, neugierige Blicke hinein zu werfen. Was wird denn da bloß gemacht in dem Unternehmen IABG, das sich da in die Lichtenauer Hügellandschaft schmiegt?

"Die Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft mbH (IABG) führt an ihrem Standort Lichtenau, Ostwestfalen, Technologieuntersuchungen mit dem Ziel durch, den bestmöglichen Schutz für Soldatinnen und Soldaten im Einsatz zu gewährleisten" - so viel verrät die Firma in einer Pressemitteilung anlässlich des 50-jährigen Standort-Geburtstages. "Wir sind ein hidden champion für militärische Fragestellungen", stellt Geschäftsführer Rudolf Schwarz sein Unternehmen vor. "Unsere Arbeit verdichtet sich in zwei Begriffen: Schutz und Sicherheit."

Armeen und Rüstungsfirmen zählen zur Kundschaft

Engelbert Waßmuth, Ressortleiter am Standort Lichtenau - © Svenja Ludwig
Engelbert Waßmuth, Ressortleiter am Standort Lichtenau | © Svenja Ludwig

Das Gelände umfasst 172 Hektar Weide, Wald, Wiese und Moor - rund 1.500 Festmeter Holz und vier bis sechs Hirsche eingeschlossen. Die Tiere hätten sich mittlerweile daran gewöhnt, dass nicht sie beschossen werden, erklärt Karsten Deiseroth, Bereichsleiter der IABG, mit einem Augenzwinkern. Es wird geschossen? Ja. Und gesprengt.

Die IABG hat weltweit mehr als 150 Kunden. Darunter die Bundeswehr, aber auch beispielsweise die Armeen Norwegens oder Australiens. Zudem Firmen wie Rheinmetall oder Hyundai. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Ottobrunn bei München stellt nichts her, testet und prüft jedoch.

Panzerungen kommen in den Extremtest

"Seit 20 Jahren haben wir alle Fahrzeuge der Bundeswehr betreut", erklärt Engelbert Waßmuth, Chef am Lichtenauer Standort. Zum Beispiel lassen die Lichtenauer Minen oder Sprengstoff unter den Militärfahrzeugen detonieren, um sicherzugehen, dass Soldaten im Einsatz so einen Ernstfall in dem jeweiligen Modell überleben würden. Denn eine Explosion würde die Bodenplatte heben und ausbeulen, erklärt Waßmuth. Deshalb würden die Sitze zum Beispiel an der Fahrzeugdecke angebracht und nicht auf dem Boden montiert.

Auf Panzerschutz und Panzerglas wird ebenfalls gefeuert. Dafür hat das Unternehmen eigens eine Schießbahn. "Das ist ein klassisches Beschussmuster", sagt Waßmuth und deutet auf eine dicke Scheibe, in die ein Projektil zwar ein-, aber nicht durchgedrungen ist. Derart werden nicht nur Militärfahrzeuge gesichert, sondern auch geschützte Fahrzeuge für VIPs, die Polizei oder Spezialeinsatzkräfte. Für das Prüfverfahren nutzen die Lichtenauer spezielle Testladungen. "Wir haben aber nicht alles im Einsatz, was weltweit verfügbar ist", sagt Waßmuth. Trotzdem verbirgt sich auf dem Areal einiges, was unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fällt - was die hohen Sicherheitsmaßnahmen erklärt.

Gelantine statt Hühner für die zivile Flugsicherheit

Zum Beispiel Panzer. Das Modell, das den rund 170 Gästen bei der Jubiläumsfeier vorgeführt wird, darf auf keinen Fall fotografiert werden. Sachkundige könnten anhand der Beschädigungen Rückschlüsse darauf ziehen, was mit dem Marder angestellt wurde.

Nicht alles, was in Lichtenau getestet wird, hat mit dem Militär zu tun. Die IABG prüft etwa auch Fangnetze, die Felswände sichern, Batterien von Elektroautos oder Flugzeuge. Seit Anfang der 70er Jahre hatten die Wissenschaftler nach eigener Aussage wohl jeden Airbus auf dem Prüfstand.

In speziell entwickelten Verfahren und mit Spezialgeräten testen die Lichtenauer beispielsweise, was passiert, wenn ein Vogel mit 100 Metern pro Sekunde auf die Oberfläche eines Flugzeugs trifft. Entgegen einem anscheinend kursierenden Gerücht verwenden die Forscher dafür keine gefrorenen Hühnchen, sondern Gelatineblöcke. Denn Hühner seien ja nicht genormt, weiß Pascal van Overloop von der IABG in Ottobrunn, für Tests unter Laborbedingungen seien sie daher nicht geeignet.

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