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Der Unterkiefer der mittelalterlichen Nonne: Der Zahnstein enthält Lapislazuli-Pigmente, die darauf hindeuten, dass die Frau an der Erstellung wertvoller religiöser Bilderhandschriften arbeitete. - © Christina Warinner/Max-Planck-Institut
Der Unterkiefer der mittelalterlichen Nonne: Der Zahnstein enthält Lapislazuli-Pigmente, die darauf hindeuten, dass die Frau an der Erstellung wertvoller religiöser Bilderhandschriften arbeitete. | © Christina Warinner/Max-Planck-Institut

Lichtenau/Jena Was der Zahnstein einer Nonne aus Dalheim verrät

Forscher untersuchen die Mundhygiene im Mittelalter und stoßen auf etwas Verblüffendes.

Martin Fröhlich
12.01.2019 | Stand 12.01.2019, 16:31 Uhr

Lichtenau/Jena. Sie lebte vor rund 900 Jahren, doch erst jetzt haben die Zähne einer Nonne aus dem Kloster Dalheim ihr Geheimnis verraten. Und sie sorgen damit für eine kleine wissenschaftliche Sensation. Denn offenbar haben nicht nur Mönche wertvolle Handschriften angefertigt, sondern auch Nonnen. Auf die Spur kamen die Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena dieser Geschichte, weil sie im Zahnstein der Nonne auf etwas stießen - auf Partikel von Lapislazuli. Und dieser kostbare Stein wurde im Mittelalter für die Herstellung des leuchtenden Blaus in Handschriften gebraucht. Schlussfolgerung: Die Nonne aus Dalheim war an der Herstellung solcher Handschriften beteiligt. Schrieben nur Mönche Bücher? Bücher konnte man damals noch nicht drucken. Sie wurden von Hand geschrieben und das fast ausschließlich in den Klöstern. Doch ging man bislang davon aus, dass das hauptsächlich eine Tätigkeit war, die Mönchen vorbehalten war. Denn um bedeutende Handschriften zu kopieren, bedurfte es einer hohen Bildung. Außerdem musste man lesen und schreiben können. Ursprünglich hatten die Jenaer Forscher gar nicht nach solchen Hinweisen gesucht. Die amerikanische Molekular-Archäologin Christina Warinner vom Max-Planck-Institut in Jena beschäftigte sich eigentlich mit der Mundhygiene und Parodontose im Mittelalter. Rückstände im Kiefer können Aufschluss über Ernährung und Schadstoffe geben. Doch dann fand sie zu ihrer Überraschung im Zahnstein der Ordensfrau die blauen Pigmente. Für das internationale Forschungsteam aus Thüringen und England ein klarer Hinweis auf die Tätigkeit der Frau. Mehrere Skelette aus Dalheim Das Team hatte die Skelette von Mönchen und Nonnen untersucht, die auf einem Friedhof beim Frauenkloster Dalheim in Lichtenau begraben liegen. Die Frau mit dem Blauzahn muss zwischen dem Jahr 1.000 und dem Jahr 1.200 gelebt haben und im Alter zwischen 45 und 60 Jahren gestorben sein. "Wir haben hier den direkten Beleg für eine Frau, die nicht nur malte, sondern dies mit einem äußerst seltenen und wertvollen Pigment tat und das an einem sehr abgelegenen Ort", erklärt Studienleiterin Christina Warinner. Die Wissenschaftler vermuten, dass die Nonne die Pinselspitze beim Arbeiten immer wieder anleckte oder das Puder beim Herstellen der Farbe einatmete. Zunächst war Warinners These großer Skepsis ausgesetzt: "Ich habe mit einigen Historikern gesprochen, die gesagt haben, das wäre lächerlich! Sie müsse wohl eine Putzfrau gewesen sein - sie konnten das überhaupt nicht ernst nehmen", erzählt sie. Auch andere Möglichkeiten wurden deshalb durchgespielt - und verworfen: So hätte die Nonne etwa religiöse Gemälde geküsst haben können - doch ist dieser Brauch erst drei Jahrhunderte später nachgewiesen. Als sehr unwahrscheinlich gilt auch die Möglichkeit einer Einnahme von Lapislazuli als Arznei. Dafür gab es im 11. und 12. Jahrhundert zwar einige Beispiele - allerdings alle aus den islamisch geprägten Regionen. Einzige Quelle viele tausend Kilometer entfernt "Die geringe Sichtbarkeit des Beitrags von Frauen an der Herstellung der Bilderhandschriften hat zu der Annahme geführt, dass Frauen hierbei kaum eine Rolle spielten", so die Wissenschaftler. Lapislazuli war im Mittelalter enorm wertvoll - es gab nur eine bekannte Quelle in Afghanistan. Das Pigment musste also Tausende von Meilen nach Westfalen zurücklegen. Aus dem Stein das reine Farbpigment Ultramarin-Blau zu gewinnen, war ein aufwendiges Verfahren. Das kleine Dalheimer Nonnenkloster bestand von kurz nach der Jahrtausendwende bis ins 14. Jahrhundert, als es aufgegeben wurde. Erst ab 1429 entstand dann an selber Stelle das Augustinerkloster für Mönche, das es bis 1803 gab. (Mit Informationen von KNA)

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