Gastgeber: Im Schlafraum der Herberge von Petra Schumacher und Ewald Reichstein stehen sieben Betten. Das Ehepaar hat sich durch Erfahrungen bei eigenen Wanderungen für die Einrichtung des Betriebes inspirieren lassen. - © Jens Reddeker
Gastgeber: Im Schlafraum der Herberge von Petra Schumacher und Ewald Reichstein stehen sieben Betten. Das Ehepaar hat sich durch Erfahrungen bei eigenen Wanderungen für die Einrichtung des Betriebes inspirieren lassen. | © Jens Reddeker

Lichtenau Immer mehr Gäste besuchen das Pilgercafé in Lichtenau-Kleinenberg

Petra Schumacher und Ewald Reichstein leiten ihr Café mit angeschlossenem Herbergsbetrieb

Jens Reddeker

Lichtenau-Kleinenberg. Der Aussteiger-Traum hat 200 Quadratmeter Grundfläche auf zwei Etagen, eine moderne Küche und eine kuschelige Sonnenterrasse. Das Pilgercafé mit Herberge ist ein Herzensprojekt von Petra Schumacher (57) und Ewald Reichstein (58). Sie wollen damit sich und ihrem Heimatort Kleinenberg etwas Gutes tun. Dafür nehmen sie derzeit auch ein Leben mit wenig Freizeit in Kauf. Luftlinie 80 Meter entfernt von der Bundesstraße 68 liegt das gelbe Gebäude im Schatten der St.-Cyriakus-Kirche. Schumacher und Reichstein haben das Haus, das über Jahrzehnte als Stall und Abstellraum diente, 2015 gekauft. Sie wollten schon immer eine eigene kleine Gastronomie, haben dafür einen Kredit aufgenommen - und spitz gerechnet. "Uns war klar, dass wir zusätzlich erstmal noch würden arbeiten müssen", sagt Reichstein, der als Ur-Kleinenberger jeden Stein im und um den Wallfahrtsort kennt. Spezialität des Hauses ist Reichsteins "Hessische Apfelweintorte" Aus Erzählungen und von alten Fotos weiß er, dass noch in den 1920ern tausende Pilger regelmäßig zu Marienhochfesten an den heutigen Ostrand des Kreises Paderborn kamen. "Heute sind es manchmal auch noch ein paar Hundert, doch damit allein ließe sich der Betrieb nicht am Leben halten", ist Petra Schumacher ehrlich. Trotz Stammgästen und Familienfeiern arbeitet SPD-Ratsherr Reichstein daher weiter in einer Apotheke in Warburg-Scherfede und Petra Schumacher in einem Seniorenheim in Willebadessen. Da das Geschäft mittlerweile aber immer besser läuft, reduziert die gebürtige Hannoveranerin ihre Stunden im Job kontinuierlich. Noch ist das Café nur sonntags geöffnet, dann gibt es selbst gebackene Torten und Kuchen (Spezialität des Hauses: Reichsteins "Hessische Apfelweintorte"). Ab Januar sollen auch freitags und samstags die Türen öffnen. 40 Plätze drinnen und 20 draußen stehen zur Verfügung. Einmal im Monat bietet Petra Schumacher schon jetzt Großmutters Kaffeetafel an. Senioren aus Kleinenberg und Umgebung klönen dann und trinken Kaffee stilecht aus jahrzehntealten Sammeltassen. "Manche Dame bringt sogar noch ihre eigene Sammeltasse mit", freut sich die Chefin. Vor einem Jahr kam zum Kaffee-und-Kuchen- auch das Übernachtungsgeschäft. Eine Herberge entstand direkt über dem Café. "Das hatten wir von Beginn an im Kopf", verrät Reichstein. Für die bauliche Umsetzung war seine Frau zuständig, die als gelernte Architektin, nicht nur das Café von außen und innen gestaltete, sondern auch die Planung der außergewöhnlichen Unterkunft zu Papier brachte. "Uns hat bei einer Wanderung eine Herberge in Traben-Trarbach inspiriert", erinnern sich beide bei der Vorführung ihres großzügigen Herbergszimmers: sieben Schlafplätze, zum Teil durch Tücher abgetrennt, dazu eine Sitzecke mit Blick auf die Egge, ein Essbereich und jede Menge Raum zum Durchatmen. Hier schlafen Gäste nicht allein, sondern mit ihren Mitreisenden oder anderen Besuchern. Auch Gruppen können sich einmieten. Das praktisch aber hochwertig designte Herbergsgefühl kostet 21 Euro pro Person und Nacht, sieben Euro kommen fürs selbst gemachte Frühstück obendrauf. Das Kleinenberger Gruppengefühl kommt offenbar an. Die Unterkunft profitiert von Empfehlungen unter Wanderern, die den Eggeweg von Detmold nach Marsberg unter die Füße nehmen, oder von solchen, die das südliche Paderborner Land erlaufen. "Wir gehen gerne auf Menschen zu" Im Haus der spätberufenen Gastronomen und Herbergseltern erfahren Gäste gemütlich, unkompliziert und günstig westfälische Gastlichkeit. "Wir gehen gerne auf Menschen zu", sagt Ewald Reichstein, der durch Café und Herberge auch Gelegenheit zur Kommunikation schaffen will. Die Bedingungen dafür sind ideal in der Kleinenberger Idylle: klare Luft, eine herrliche Aussicht und ganz viel Ruhe. Auf ein Fernsehgerät haben die Vermieter bewusst verzichtet, kostenloses WLAN ist aber im Preis inbegriffen.

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