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Singt bis kurz vor Mitternacht: Konstantin Wecker. - © Kulturbüro OWL
Singt bis kurz vor Mitternacht: Konstantin Wecker. | © Kulturbüro OWL

Lichtenau Konstantin Wecker begeistert im Kloster Dalheim

Sommerlieder: Der Sänger macht in Dalheim mobil gegen Nationalismus und Fremdenhass. An seiner Seite hat er ein hervorragendes Trio

Christel Rick
11.06.2018 | Stand 11.06.2018, 15:36 Uhr |

Lichtenau-Dalheim. Das Wetter wollte diesmal nicht so recht mitspielen beim Eröffnungskonzert der Reihe "Sommerlieder" im Innenhof des Dalheimer Klosters. Viele Besucher saßen schon lange vor Beginn in Regenponchos gehüllt und harrten eines Mannes, dessen Name bis heute nichts an Popularität verloren hat: Konstantin Wecker, Liedermacher der ersten Stunde. Braungebrannt und jugendlich agil, sieht man ihm die 70 Jahre nicht an und seine Fans sind auch (überwiegend) mit ihm alt geworden. Er begrüßt das Plenum in Regenkleidung mit "sieht aus wie eine Sekte". Zunächst greift er auf einen Oldie zurück, der heute immer noch aktuell ist: "Gestern hams den Willi Daschlogn", eine 68er-Hymne auf die Ungerechtigkeit. Schon da zeigt sich: Wecker ist noch immer ein Meister am Flügel und mit kraftvollem Gesang, bayrisches Idiomobligat. Mit missionarischem Eifer kämpft er in Wort und Ton gegen alle Unbilden im menschlichen Leben, denn "Widerstand ist Menschenrecht" und macht mobil gegen Obrigkeitsdenken, Nationalismus (er sei kein Patriot), Faschismus und Fremdenhass und vertritt die Parole, dass Zusammenstehen den Hass durch Zärtlichkeit überwinden kann. Inzwischen hat er ein Trio um sich geschart: die Cellistin Franzi Kammerlander - empfohlen durch Sting und Deep Purple - und den kongenialen Tasten-Partner Jo Barnickel. An den beiden Flügeln wird ein Feuerwerk an Eigenkompositionen und Improvisationen entfacht, das alle mitreißt. Aber auch leisere Töne schlägt Wecker an, denn er schwört auf Poesie und outet sich als gnadenlosen Romantiker. Aus der Konserve gibt es eine Kostprobe eines Opernduetts mit dem Vater Vieles zitiert er aus seinem neuen Buch über sein Leben, sein Glücksgefühl als später Vater mit 50, was zu seiner eigenen Jugend im behüteten Elternhaus überleitet. Bekanntlich war der Vater Opernsänger und hat den Knaben früh in die klassische Richtung geprägt und Klavier verordnet - sein Gehirn habe sich mit Tönen vollgesaugt -, von der Konserve gibt es eine Kostprobe eines Opernduetts mit dem Papa. Seine Hommage an den geliebten Vater und sein "Nessun dorma" - untermalt mit Puccini-Klängen - wird zum sehr persönlichen Moment, wobei ein intimerer Rahmen eher geeignet wäre, solche Gefühle zu transportieren. Sein großes Thema ist die Liebe in allen Facetten, auch die Liebe zur Klassik deshalb klaut er schon mal bei Beethoven. Sehr inspiriert worden sei er durch das umfangreiche Liedschaffen Franz Schuberts - dem größten "Liedermacher aller Zeiten" - und er singt mit klarer Stimme den "Leiermann", das letzte Lied aus Schuberts "Winterreise": Auch das ist möglich. Die Themen wechseln danach andauernd, ganz besonders gelungen und für seine Stimme wie gemacht ist der"Wehdam"-Blues - fast rockig kommt die Geschichte daher, da muss mitgeklatscht werden. Auf Italienisch (Toscana lässt grüßen) und Spanisch wird auch von seinen beiden Mitspielern spritzig gesungen, Wecker schreitet die Reihen ab und lässt sich feiern wie ein Star, der er irgendwie auch ist - allerdings ohne Allüren. Er fühlt sich wohl in der Rolle der Rampensau und des Ideengebers - macht sich viele Gedanken über die Verfasstheit der Welt, die "ohne Spiritualität gnadenloser Funktionalismus" sei, das sagt die von ihm verehrte Dorothea Sölle. Und wenn man glaubt, das war's: Weit gefehlt. Das Publikum verlangt immer mehr und er selbst hat offensichtlich keine Konditionsschwierigkeiten, immer noch einen Song auszupacken - denn Musik ist halt immer noch sein Leben. So ist es fast kurz vor Mitternacht, bis ein gehaltvoller Abend ausklingt.

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