NS-Opfer: Die Stolpersteine vor dem Haus Hillebrand erinnern an zwei Frauen der Familie Schnellenberg. - © Jens Reddeker
NS-Opfer: Die Stolpersteine vor dem Haus Hillebrand erinnern an zwei Frauen der Familie Schnellenberg. | © Jens Reddeker

Lichtenau Stolpersteine erinnern in Lichtenau an NS-Opfer

Erinnerungs- und Kunstprojekt: Die Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig erinnern an Juden, die von den Nazis ermordet wurden. Die Fortsetzung des Vorhabens ist schon in Vorbereitung

Lichtenau. Hagai Tal kam nur für diesen einen Tag aus Israel nach Lichtenau. Der Geschäftsmann ist Nachfahre der jüdischen Familie Buchdahl, die einst im Ort zu Hause war. An das Schicksal von Tals Familie in der NS-Zeit und das Schicksal anderer früherer Lichtenauer Juden erinnern seit Dienstag acht so genannte Stolpersteine aus Messing. Diese zehn mal zehn Zentimeter großen Erinnerungsfelder im Boden tragen die Namen von Juden, die durch Nationalsozialisten getötet wurden. Verlegt werden sie meistens vor den Häusern, in denen die Menschen bis vor der Deportation lebten. Die ersten beiden Steine platzierte als Schöpfer des europaweiten Stolpersteine-Projekts der Kölner Künstler Gunter Demnig. Vor dem Haus Hillebrand (Lange Straße 43) sind nun die Namen Lieselotte und Wilhelmine Schnellenberg zu lesen, die 1941 deportiert und in Riga umgebracht wurden. Opfern einen Namen geben "Wenn man die Inschrift lesen will, muss man eine Verbeugung vor den Steinen machen", sagt Demnig, der seit dem Jahr 2000 Stolpersteine verlegt und dafür allein im Vorjahr 270 Tage auf Achse war. Rund 69.000 NS-Opfern in 21 Ländern habe er seitdem wieder einen Namen geben können, sagt er. Aus dem Ein-Mann-Projekt ist mittlerweile ein neunköpfiges Team geworden, das sich um Organisation und Verlegung kümmert. Seine Bilanz für Lichtenau: "Hier gibt es viel Unterstützung für das Vorhaben." Auslöser war zuletzt der Besuch von Hagai Tal aus Israel in der Stadt. "Seine Ahnenforschung hat den Anstoß gegeben, dass wir uns für die Stolpersteine entschieden haben", sagt Matthias Preißler, der im Rathaus für die kulturellen Belange zuständig ist. Als Tal in der Energiestadt nach den Wurzeln seiner Familie fahndete, berichtete er Bürgermeister Josef Hartmann vom Stolperstein vor dem früheren Haus seiner Familie in Dortmund. "Ich bin begeistert, wie die Menschen hier die Aktion angenommen haben. Es gab nur Zustimmung", ist Hartmann auch bei der kleinen Feierstunde am Haus Hillebrand noch immer angetan von der Unterstützung der Lichtenauer. Jeder der acht Stolpersteine kostet 120 Euro, das Geld haben private Paten bezahlt. "Und wir hätten auch 20 Steine problemlos finanziert bekommen", freut sich der Bürgermeister. In Kooperation mit den Paten will die Stadt auch klären, wie die Stolpersteine in Zukunft gereinigt werden. Das Projekt nahm mittlerweile soweit Fahrt auf, dass Stolpersteine zur Erinnerung an getötete Juden auch in Husen und Atteln verlegt werden sollen. Aufkeimen von Antisemitismus Neben den äußeren Zeichen der Erinnerungssteine mahnt Hartmann, auch im ländlichen Raum gegen das Aufkeimen von Antisemitismus mit klarer Haltung vorzugehen, gerade "weil die AfD ihn wieder salonfähig macht". Gunter Demnig setzt sich fast jeden Tag für Erinnerungskultur ein. Damit er gestern noch in Brilon und Gelsenkirchen Steine verlegen konnte, übernahm die Platzierung der sechs weiteren Stolpersteine am Nachmittag die Stadt. Demnig markierte die Verlegestellen, das Einlassen in den Boden übernahm Bauhofmitarbeiter und Schützenoberst Uli Wigge.

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