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Provokation als Stilmittel: Lisa Eckhart testet mit Vorliebe die Grenzen ihres Publikums aus. - © Dietmar Gröbing
Provokation als Stilmittel: Lisa Eckhart testet mit Vorliebe die Grenzen ihres Publikums aus. | © Dietmar Gröbing

Borchen So lief Lisa Eckharts erster Auftritt im Kreis Paderborn

Die Österreicherin wird in Borchen ihrem Ruf als momentan angesagteste Unterhalterin gerecht

Dietmar Gröbing
09.09.2019 | Stand 09.09.2019, 17:58 Uhr

Borchen. Der Österreicher ist von Hause aus ein bescheidener Mensch. Sagt Lisa Eckhart, die sich in der Folge alles andere als bescheiden gibt. Eigentlich meint die Kabarettistin fast immer das Gegenteil von dem, was sie sagt. Das ist Teil ihres künstlerischen Konzepts. Obgleich sie dies mit der ihr innewohnenden Verschmitztheit negiert: „Ich bin kein Künstler, ich bin Kunst." Eine geballte Ladung charmanter Anmaßung gab es am Sonntag in Borchen zu erleben. In den Abendstunden hatten die Kabarett- und Kulturfreunde die Öffentlichkeit zur ersten Veranstaltung der neuen Saison geladen. Rund 100 Interessierte nahmen die Einladung an und kamen in den ausverkauften Mallinckrodthof. Zu erleben gab es eine gertenschlanke, androgyne wie blondierte Dame, die bereits anhand ihres Outfits signalisierte: Ich bin anders. Provokante Note Zu künstlich verlängerten Fingernägeln, modischem Undercut und Plateaustiefeln gesellte sich eine provokante Note, die bisweilen ins Geschmäcklerische abkippte. So sparte Eckhart nicht mit Unflätigkeiten, nannte den Stuhlgang „Scheißen", das Wasser lassen „Pissen" und eine Ohrfeige „in die Fresse hauen." Sittsam geht anders. Konventionell auch. Was durchaus positiv gemeint ist, denn unkonventionelles Verhalten ist ein unterschätztes Gut. Genau davon hatte Lisa Eckhart eine Großportion in den Kreis Paderborn importiert. Veräußert wurden die Extravaganzen in österreichischer Mundart und damit in einem unwiderstehlichen Schmäh, der jede noch so harsche Beleidigung wie eine Heiligsprechung klingen lässt. Apropos: Gott ist ein Spielverderber, „weil er uns alle Laster verboten hat". Sinnlose Errungenschaften Also setzen wir auf Kompensation, auch Ersatzbefriedigung genannt. Nein, es geht nicht um Masturbation, sondern um sinnlose Errungenschaften wie Halbfettmargarine, alkoholfreies Bier, E-Zigaretten und die „grüne" Cola Life („Schmeckt nach Ursünde, ist aber leer"). Auch dem „Menopausen-Marshallplan" namens Pilates sprach Lisa Eckhart die Berechtigung ab. Überhaupt: Sport. Zeitverschwendung und verletzend. Ein Gegenmodell muss her. „Ich plädiere für die absolute Bewegungslosigkeit", redete die 27-jährige Grazerin der Nicht-Regung das Wort. Gar nicht leicht, einfach da zu liegen und faul zu sein. Wir wollen nicht rasten, sondern rasen, geschäftig und produktiv sein. Für Lisa Eckhart lässt dies nur eine Schlussfolgerung zu: „Der Mensch ist ein Idiot und erträgt seine Freiheit nicht."

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