Ulrich von Schwartzenberg mit dem Schulbuch Terra 1. - © Svenja Ludwig
Ulrich von Schwartzenberg mit dem Schulbuch Terra 1. | © Svenja Ludwig

Borchen Was ganz NRW von Borchen lernt

Am Beispiel von Paderborn und Borchen lernen Schüler den Unterschied von Stadt- und Landleben

Svenja Ludwig
15.05.2019 | Stand 14.05.2019, 18:06 Uhr

Borchen. Nordrhein-Westfalen lernt von Borchen. Wenigstens im Erdkundeunterricht. Der Gemeinde im Dunstkreis der Großstadt Paderborn ist nämlich ein Kapitel in einem Lehrbuch für die Unterstufe gewidmet. Am Beispiel von Borchen und Paderborn sollen Schüler die Unterschiede vom Leben auf dem Land und in der Stadt kennenlernen. Warum ausgerechnet Borchen? "Die Gemeinde ist zweigeteilt: Es riecht nach Landleben, ich gehe ein paar Meter und sehe Kühe und Rapsfelder, gleichzeitig habe ich auch sehr viel Infrastruktur", erklärt Ulrich von Schwartzenberg, Autor des Kapitels Nummer 3 im Geografiebuch "Terra 1" des Klett-Verlags, Erdkunde- und Französischlehrer und mittlerweile stellvertretender Schulleiter am Gymnasium Theodorianum. Zwei Jahre lang hat der Pädagoge recherchiert Das Lehrwerk für Schulen in NRW soll thematisch das gesamte Bundesland abbilden. Das Ruhrgebiet, das Rheinland, aber auch Ostwestfalen-Lippe, wie von Schwartzenberg erklärt. Borchen bot sich als Repräsentant für das Ländliche in der Region an. "Die Siedlungsform Dorf gibt es noch", beschreibt der Pädagoge die Besonderheit der Gemeinde, "sie wird aber städtisch überformt durch zum Beispiel Zugezogene - wie mich". Kinder aus den Ballungsgebieten NRWs würden so etwas nicht kennen, glaubt von Schwartzenberg, selbst in Bonn geboren. Zwei Jahre lang trug der Lehrer Material zusammen. "Ich habe seinerzeit bei der Gemeinde den Wälzer '1.000 Jahre Borchen' gekauft, Leute befragt und recherchiert", erzählt von Schwartzenberg. Fotos, Texte, Zeichnungen und Diagramme fügte er per Hand zu einem 23-seitigen Kapitel zusammen. "Ich dachte, ich bekomme zum Layouten ein super Redaktionssystem", erinnert sich der 53-Jährige und lacht. Das war nicht der Fall. Ausschneiden und Aufkleben sei stattdessen angesagt gewesen. Die Kunst des Schulbuchschreibens ist es, das Interesse der Kinder zu wecken. Ulrich von Schwartzenberg hat deshalb ganz besondere Protagonisten für sein Kapitel entwickelt. Zum Beispiel die Familie Düsing. Den Namen habe er erst in Ostwestfalen-Lippe kennengelernt. "Ich fand den witzig", sagt der Lehrer, "im Rheinland heißen die Menschen irgendwie anders". Die Düsings in von Schwartzenbergs Kapitel sind Zugezogene in Borchen und pendeln für die Arbeit in die Stadt - wie der Autor selbst. Die Protagonisten sind an reale Personen aus der Region angelehnt Auch andere Charaktere scheinen reale Vorbilder zu haben. Bauer Lappe, der im Buch etwas wehmütig die Entwicklung seines Borchen betrachtet, ist an einen Landwirt angelegt, der von Schwartzenberg das Feuerholz gebracht habe. Die Supermarktleiterin Frau Biermann trägt den Namen "eines ganz lieben Kollegen". Etwa 15 Jahre hat das Kapitel mittlerweile auf dem Buckel. Jetzt wird das Schulbuch zum dritten Mal neu aufgelegt, auf den neuesten Stand gebracht und überarbeitet. Dass Borchen eine didaktische Berühmtheit ist, hat Bürgermeister Reiner Allerdissen "mit Amüsement zur Kenntnis genommen". Und immer noch können die Schüler etwas von Borchen lernen, meint er. Denn seine Gemeinde hat den Spagat geschafft: "Die Entwicklung im Schatten einer Großstadt, ohne die eigene Identität zu verlieren." Ein Verdienst vor allem des Ehrenamts, findet der Rathauschef. Und irgendwie ja auch lehrbuchreif.

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