Abstand muss sein: Der elfjährige Cedric Ulbricht versucht, Trainer David Stolla auf Distanz zu halten. - © Andreas Götte
Abstand muss sein: Der elfjährige Cedric Ulbricht versucht, Trainer David Stolla auf Distanz zu halten. | © Andreas Götte

Bad Lippspringe Im Sportcamp soll jeder Angriff ins Leere laufen

Kinder lernen beim Paderborner Verein Wing-Martial-Arts Selbstverteidigung und Selbstbewusstsein

Andreas Götte

Bad Lippspringe. Der Mann in Schwarz steht bedrohlich vor Cedric Ulbricht. Doch der Elfjährige lässt sich nicht so leicht einschüchtern. Er macht sich groß und hält den Angreifer mit lauter Stimme und klaren Ansagen erst einmal auf Abstand. Zum Glück ist das Szenario nur eine von vielen Übungen beim Wing Tsun während des Sportcamps in Bad Lippspringe. 26 Jungen und Mädchen lassen sich von den beiden Paderborner Trainern David Stolla, von Beruf Personenschützer, und Daniel Ziegler vom Verein Wing Martial Arts aus Paderborn auf unterhaltsame Weise in die Geheimnisse der altchinesischen Kampfkunst einführen, um sich im Alltag besser gegen Gleichaltrige und Ältere wehren zu können. „Der Legende nach wurde Wing Tsun von einer Frau entwickelt“, sagt IT-Systemengineer Ziegler. Die Kampfkunst diene zur Selbstverteidigung und sei nicht mit dem Boxen zu vergleichen, erläutert der 40-Jährige. Entsprechend gebe es auch keine Regeln und keine Schiedsrichter. Bei Ziegler und Stolla soll neben Achtsamkeit und Disziplin auch der Spaß nicht zu kurz kommen. „Wir führen mit den Kindern die Kampfeskunst in Vollkontakt im sogenannten weichen Stil aus“, sagt Ziegler, „auf diese Weise vermeiden wir die Kollision von Kräften.“ Die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen schließlich etwas lernen, aber sich nicht dabei verletzen. Im Kampf mit einem Erwachsenen haben Kinder zwar keine Chance, durch Wing Tsun haben sie jedoch die Chance, dass es erst gar nicht dazu kommt. „Wir lernen kämpfen, um nicht kämpfen zu müssen“, heißt das passende fernöstliche Sprichwort dazu. Ziegler und Stolla vermitteln ihnen dafür Selbstbehauptung gegenüber Älteren, Aufmerksamkeit, eine bessere Koordination, die Wahrung von Distanz und sich gar nicht erst bedrängen zu lassen. Bei einem möglichen Angriff mit einer lauten und beherzten Stimme Aufmerksamkeit von der Umgebung zu bekommen, gehört auch dazu. Auch der eine oder andere Überraschungseffekt wird während des Trainings eingebaut. „Ein gezielter Tritt gegen das Schienbein kann genutzt werden, um anschließend schnell wegzulaufen“, weiß Daniel Ziegler. Sollte ein Angreifer die Hände oder Arme des Kindes ergreifen oder einen Würgegriff anwenden, stehen den Kindern beim Wing Tsun verschiedene Lösetechniken zur Verfügung, die sie ganz geschmeidig ohne viel Muskelkraft anwenden können. Auch das Befreien aus einer Bodenlage wird trainiert. Viel Geduld wird von den Kindern verlangt, damit nach wiederholtem Üben das Gelernte schließlich in einen Reflex übergeht. Während des Trainings schlüpfen die Kinder auch in unterschiedliche Rollen, sind mal Angreifer, mal das Opfer, um Erfahrungen zu sammeln. „Die Kinder fühlen sich danach sicherer, treten selbstbewusster auf“, weiß Daniel Ziegler. Sein Ziel ist es auch, spielerisch die kognitiven und motorischen Fähigkeiten der Kinder zu stärken. Cedric Ulbricht hat längst eine Wirkung festgestellt. „Ich bin zum dritten Mal dabei und fühle mich durch das Training einfach sicherer“, sagt der Elfjährige. Auch Simon Gödecke ist ganz begeistert. „Es macht sehr viel Spaß. Ich habe ein paar Abwehrtechniken gelernt und bin jetzt selbstbewusster“, sagt der Bad Lippspringer. Der Neunjährige kann sich vorstellen, auch Unterricht im Verein zu nehmen. „Kinder sind sehr gute Trainingspartner. Sie sind im Vergleich zu Erwachsenen weniger gestresst und stehen unter weniger Anspannung“, beschreibt Daniel Ziegler. Nach den Übungen werden noch ein paar spielerische Entspannungsübungen eingelegt. Zum „Cool Down“ vermitteln Stolla und Ziegler noch Atemtechniken zur gezielten Entspannung von Körper und Geist. Ziegler und sein Team bieten auch gezielt Einzeltrainings für introvertierte und/oder hyperaktive Kinder an, die in der Schule gemobbt und unterdrückt werden. Die Selbstverteidigung gibt es auch als Lehrgänge für Kinder. Das reguläre Kindertraining findet jeden Donnerstag um 17 Uhr in der Realschule in der Paderborner Südstadt, Querweg 140, statt. Damit der Mann in Schwarz keine Angst und Schrecken mehr verbreitet.

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