Völlig zerstört: Das zerbombte Haus Otte, Mühlenflöß 7, interessierte auch die Kinder aus der Nachbarschaft. - © Klaus Karenfeld
Völlig zerstört: Das zerbombte Haus Otte, Mühlenflöß 7, interessierte auch die Kinder aus der Nachbarschaft. | © Klaus Karenfeld

Bad Lippspringe Erster Luftangriff auf Bad Lippspringe

15. Juli 1940: Als die Nacht plötzlich taghell war

Bad Lippspringe. Der 14. Juli 1940 war ein sommerlich warmer Tag. Für einige Stunden vergaßen die Menschen den nunmehr zehnmonatigen Kriegsalltag. Als sich die Badestädter schlafen legten, ahnten sie nicht, welch unheilvolle Nacht ihnen bevorstehen sollte. Vor genau 70 Jahren wurde Bad Lippspringe erstmals Ziel eines britischen Luftangriffs. Fliegeralarm hatte es in den Monaten zuvor bereits mehrfach gegeben. Doch nur wenige Einwohner nahmen die unüberhörbaren Warnungen ernst. "Was soll hier schon passieren?", dachten sie. Immerhin verfügte die ostwestfälische Kleinstadt über keine militärischen Anlagen. Besorgte Badestädter zog es dennoch in die Keller, die meist provisorisch als Schutzraum hergerichtet waren. In jener Nacht zum 15. Juli 1940 war alles anders als sonst. Gegen 0.30 Uhr heulten erstmals die Sirenen. Und nicht einmal 20 Minuten später war das ohrenbetäubende Brummen zu hören, das immer Gefahr bedeutete. "Es werden wohl 20 feindliche Flugzeuge gewesen sein, die anfangs über Lippspringe Leuchtfallschirme abwarfen, so dass alles taghell war" erinnerte sich der Zeitzeuge Fritz Rüschenpöhler. "Dann folgte eine Serie Bomben nach der anderen." Am nächsten Morgen waren die Folgen des knapp 90-minütigen Angriffs deutlich sichtbar. An der Sakristei der katholischen Pfarrkirche St. Martin zum Beispiel schlug eine Bombe ein.Die Fensterscheiben der Kirche und auch der Gebäude in direkter Nachbarschaft wurden fast restlos zertrümmert. Der Altar blieb dagegen unversehrt. Unübersehbare Spuren hinterließ der britische Luftangriff auch in den Verkaufshallen im Kurpark. Wie durch ein Wunder wurde niemand ernsthaft verletzt. Laut amtlicher Schadensbilanz der Stadtverwaltung sind in jener Nacht vier Bauernhöfe ein Raub der Flammen geworden. 30 Wohnhäuser wurden schwer, 200 weitere mittelschwer oder leicht beschädigt. 321 Menschen verloren ihr Hab und Gut und mussten evakuiert werden. Etwa 200 von ihnen konnten bei Verwandten und Nachbarn untergebracht werden. Die restlichen 120 fanden vorübergehend in der Postschutzschule (Altes Kurhaus/Arminiuspark) eine zeitweilige Bleibe. Dieser erste größere Angriff auf einen Ort im Paderborner Raum lockte in den folgenden Tagen zahlreiche Schaulustige an. Allein am ersten Sonntag nach der Bombardierung Bad Lippspringes konnte die Pesag 6000 zusätzliche Fahrkarten verkaufen und organisierte mehrere Sonderfahrten der Straßenbahn in die Badestadt. Bis heute wird über die Frage spekuliert, warum Bad Lippspringe bereits zu diesem frühen Zeitpunkt des Krieges Ziel eines Luftangriffs wurde. Lokalhistoriker lenken den Blick auf den benachbarten Flugplatz Bad Lippspringe (Truppenübungsplatz Senne). Von dort aus waren am 10. Mai 1940 etwa 50 JU-Transportflugzeuge mit Luftlandetruppen zum Einsatzziel Rotterdam gestartet. Elfried Naumann mutmaßt deshalb: "Es ist denkbar, dass die Engländer nach dem Westfeldzug von diesem Einsatzflughafen Lippspringe Kenntnis bekommen haben und vielleicht in der damaligen Postschutzschule eine Kaserne vermuteten."

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