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Sammelstelle: Der sogenannte "Möbelfriedhof" wurde von Rudi Langer fotografiert. Möbelstücke, die die Bad Oeynhausener in ihren Wohnungen und Häusern zurücklassen mussten, wurden später lieblos entsorgt.
Sammelstelle: Der sogenannte "Möbelfriedhof" wurde von Rudi Langer fotografiert. Möbelstücke, die die Bad Oeynhausener in ihren Wohnungen und Häusern zurücklassen mussten, wurden später lieblos entsorgt.
Bad Oeynhausen

Mit Bollerwagen das Haus ausgeräumt

Zeitzeugen: Luise Flottmann (95) schmuggelte Matratzen aus Architekten-Haushalt

Nicole Sielermann
04.05.2015 | Stand 05.05.2015, 17:19 Uhr

Bad Oeynhausen. Ein verschmitztes Lächeln überzieht das Gesicht von Luise Flottmann. So manche Anekdote aus schweren Zeiten ist ihr in Erinnerung geblieben. Zum Beispiel, als sie mit Bollerwagen sämtliche Matratzen des Hauses aus der besetzten Stadt schmuggelte. „Ich hätte noch viel mehr eingepackt“, winkt die 95-Jährige ab, die damals, im Mai 1945 im Haushalt einer Architekten-Familie arbeitete. Aber die Frau des Hauses habe sich nicht getraut.

Vom 4. bis 12. Mai 1945 hatten die Bad Oeynhausener Zeit, ihre Wohnungen und Häuser in der besetzten Zone zu räumen. „Mitnehmen durften wir nicht viel“, erzählt Luise Flottmann. Schon gar keine Möbel oder Elektrogeräte. „Aber die Waschmaschine hatten wir schon vorher heimlich über den Stacheldraht gehievt“, sagt sie. Und damit vorausgedacht. 25 Jahre war Luise Flottmann damals alt. Gearbeitet hat sie im Haushalt der Architektenfamilie Stieghorst an der Schützenstraße. Während der Architekt mit der Verlegung seines Büros beschäftigt war, musste sich Luise um alles kümmern.

Viele Erinnerungen: Luise Flottmann erinnert sich an viele Anekdoten aus der Zeit des Kriegsendes 1945.
Viele Erinnerungen: Luise Flottmann erinnert sich an viele Anekdoten aus der Zeit des Kriegsendes 1945.

„Seine Ehefrau hatte noch eine alte Kopfverletzung aus dem Ersten Weltkrieg und klappte zusammen, als sie von der Räumung erfuhr.“ Also trug die junge und zarte Luise die Verantwortung. „Es durften nur persönliche Sache mitgenommen werden. Und Kinderbetten.“ Kurzerhand lieh sie Bollerwagen aus und packte das Hab und Gut darauf. Zuoberst lag jeweils eine Matratze. „Damals waren die Matratzen ja alle dreiteilig. Also habe ich aus allen Matratzen Kinderbetten gemacht“, sagt sie verschmitzt. Und weil Luise Flottmann jeweils eine andere Passierstelle wählte, fiel sie nicht auf.

Möbel stapelten sich an Passierstellen

„Die Familie wohnte kurz bei uns Gohfeld, danach beim Bruder des Architekten, bei Pfarrer Stieghorst im Gohfelder Pfarrhaus.“ Dort war aber nicht nur eine Familie sondern noch drei weitere Schwestern untergekommen. „Sie führten die Pension Stieghorst am Westkorso. Und weil von den Arbeitsstellen mehr mitgenommen werden durfte, schleppten sie auch Pensionszubehör nach Gohfeld.“ Das war offenbar so viel, dass sich Architekt Stieghorst zwischenzeitlich um die Statik des Dachbodens gesorgt habe.

Verzweifelt seien viele Bad Oeynhausener damals gewesen. Alle versuchten, so viel wie möglich aus der Sperrzone bekommen. „An den Passierstellen stapelten sich die Elektrogeräte und die Möbel.“ Später warfen die englischen Besatzer Möbel offenbar auch einfach aus den Fenstern auf die Straße. „Das wurde gesammelt und zum Möbel-Friedhof nach Rehme gebracht.“ Luise Flottmann erinnert sich, dass ein Arztehepaar nach dem Räumungsbefehl so verzweifelt gewesen sei, dass sie sich das Leben genommen hätten. „Die wussten nicht, wo sie hin sollten.“

Luise Flottmann lernte vor dem Krieg Näherin bei Elsbach in Herford. Vom Elternhaus am Schmalen Weg in Gohfeld machte sie sich täglich auf den Weg. Später dann absolvierte sie bei der Architekten-Familie ihr Haushaltspflichtjahr – und blieb. Denn Kinder waren all die Jahre ihr Ein und Alles. „Ich erinnere mich an viele Dinge“, sagt die 95-Jährige. Vor allem die netten Anekdoten erzählt sie immer wieder gern. Auch Luis (12), der Sohn ihrer Großnichte, mit deren Familie sie sich ein Haus teilt, ist ein guter Zuhörer. So kennt er auch die Geschichte vom Bombenangriff auf die Weserhütte am Karfreitag, 30. März 1945.

Bomben fielen direkt nach dem Alarm

„Zur Mittagszeit gab es Fliegeralarm. Wir hatten gerade das Essen auf dem Tisch“, erinnert sich Luise Flottmann. Fliegeralarm tagsüber – für die Kriegszeit eher ungewöhnlich: „Meistens kamen die nachts.“ Weil die Flieger aber aufgrund der guten Sicht so niedrig waren, wurden sie von der Flak nicht erkannt. „Deshalb fielen unmittelbar nach dem Alarm die ersten Bomben.“ Sie weiß von einem Essener Ehepaar, das wegen der Bombardierung im Ruhrgebiet den Sohn zur Oma ins sichere Bad Oeynhausen schickte. „Der arbeitete in der Lehrwerkstatt der Weserhütte.“ Der Teil der Hallen, wo es den „Volltreffer“ gab. Der junge Mann war im sicher geglaubten Kurort gestorben.

Luise Flottmann erinnert sich auch noch an die ersten Begegnung mit einem dunkelhäutigen Menschen: „Das war eher lustig, als gefährlich“, sagt sie. Wenige Tage nach dem Einmarsch der Amerikaner am 3. April 1945 war das junge Mädchen gerade im Keller des Architekten-Hauses. „Ich wollte eines der wenigen verbliebenen Gläser mit Kompott holen.“ Als es energisch an die Kellertür klopfte. „Ich hielt den Atem an. Hatte Angst, zitterte am ganzen Leib, aber als es weiter bollerte machte ich brav die Tür auf.“ Und stand einem schwarzen Soldaten gegenüber. „Das war schon ein Schreck“, sagt sie. „Aber er wollte kein deutsches Fräulein. Er wollte Wein. Wein, man stelle sich vor, in dieser Zeit“, sagt sie kopfschüttelnd.

Und er hatte Glück. Eine Flasche war noch da. Für besondere Gelegenheiten gehütet und versteckt. „Der Soldat entdeckte den Wein und Flaschen, die genauso aussahen.“ Glücklich und zufrieden sei er davon gezuckelt. „Und die Familie gönnte ihm den ziemlich sauren Stachelbeermost“, sagt sie schmunzelnd.

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