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Das parteiübergreifende Europafest lockte nach Angaben der Polizei 300 bis 350 Menschen auf dem Lübbecker Marktplatz - © Joern Spreen-Ledebur
Das parteiübergreifende Europafest lockte nach Angaben der Polizei 300 bis 350 Menschen auf dem Lübbecker Marktplatz | © Joern Spreen-Ledebur

Lübbecke Ja zu Europa - AfD, nein danke

Frank Hartmann
19.03.2019 | Stand 05.04.2019, 11:40 Uhr
Joern Spreen-Ledebur

Karsten Schulz

Brüssel als Synonym für Europa ist weit weg. Alice Weidel als Synonym für Europakritik in Berlin ist aber auch weit weg. Warum also lockt ein - noch dazu parteiübergreifendes - Bündnis aus Politikern, aus Schülen der weiterführenden Schulen, CVJM- und Mitgliedern der örtlichen Pfadfinder nur 300 bis 350 Menschen auf den Lübbecker Marktplatz. Also etwas mehr als ein Prozent der Lübbecker Bevölkerung, während Weidel und die AfD in der Lübbecker Stadthalle gut 450 Menschen hören wollten?

Okay, der Vergleich hinkt, weil sich auf dem Marktplatz fast nur Lübbecker einfanden, um ihr "Ja zu Europa" deutlich zu machen, während die Besucher der AfD-Veranstaltung fast alle von weit außerhalb kamen, um zu hören, wie die AfD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag den Dexit ins Spiel bringt, wenn sich bestimmte Fehlentwicklungen nicht ändern. Ist das schon die Erklärung? Ist es die Lust an der Spaltung, an der Ausgrenzung, am Spiel mit dem Feuer, die zu stehenden Ovationen in der Stadthalle führten, als Weidel vom möglichen Ausstieg Deutschlands aus der EU sprach?

Erfolgreich ist die AfD hier bislang nicht

Oder sind es Träume von 'Wir holen uns unser Land zurück und richten es wieder so deutschnational her, wie es einmal war', Aufstiegs-Fantasien grauer Mäuse, die glauben, mit einer starken AfD könnten sie es der Katze endlich einmal zeigen? Etwa so wie bei Tom und Jerry.

Ich erinnere mich noch gut an frühere Veranstaltungen der AfD in Lübbecke, Hüllhorst und Espelkam.  Tenor: 'Holen wir uns unser Land zurück'. Was für eine absurde Vorstellung, die AfD will sich ein Land zurückholen, das sie nie hatte - und nie haben wird. Auch wenn es der Röckemann-Wagner-Connection im Düsseldorfer Landtag immer wieder gelingt, AfD-Granden wie Gauland, Weidel und Reil ins Lübbecker Land zu holen. Erfolgreich ist die AfD hier bislang nicht. Abgesehen von Rahden hat es bisher in keiner anderen Stadt und Gemeinde zur Gründung eines Ortsverbandes gereicht.

Wahrheit weniger wichtig als Melodie

Ob sich das bis zur Kommunalwahl 2020 ändert, liegt in der Hand von Nationalisten, Extremisten, Rassistenten und den schon erwähnten grauen Mäusen. Die waren in der Stadthalle mal wieder unter sich. Den Mäusefängern am Mikrofon  hörten die Claqueure der AfD gern zu. Der Wahrheitsgehalt der Reden spielte dabei ganz offensichtlich deutlich weniger einer Rolle als die gefällige Melodie. So kennt man das.

Die Organisatoren der Pro-Europa-Kundgebung auf dem Marktplatz und der Demo vor der Stadthalle müssen sich in diesem Zusammenhang fragen lassen, warum sie nicht wechselseitig an beiden Veranstaltungen teilgenommen haben. Mehr Menschen auf dem Marktplatz, mehr Demonstranten vor der Stadthalle. Beides hätte der AfD Minden-Lübbecke und darüber hinaus viel deutlicher gezeigt: Lübbecke sagt Ja zu Europa und Nein danke zur Alternative für Deutschland - weil sie keine ist.

frank.hartmann@nw.de, joern.spreen-ledebur@nw.de

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Bei aller Zustimmung der Zuhörer wurde bei der Lübbecker AfD-Veranstaltung eins deutlich: Die Partei ist ein Sammelbecken unterschiedlichster konservativer Strömungen. Sie reichen von leicht rechts von der aktuellen AKK-CDU bis hin zur extremen Rechten.

Schon äußerlich wurden diese doch sehr unterschiedlichen Haltungen sichtbar in Form von Tätowierungen, Kleidung und Haarlängen. Doch auch inhaltlich wird eine große Bandbreite deutlich. Alice Weidel als Vorzeige-AfD’lerin auf Bundesebene gab sich betont sachlich. Fast eine Art Schmusekurs auf zukünftige Koalitionsfähigkeit? Die nächsten Wahlen stehen vor der Tür.

Dagegen schienen ein Burkhard Brauns oder Thomas Röckemann eher diejenigen zu sein, die mit ihren Themen das ultrarechte Klientel bedienen. Eine bemerkenswerte Aufgabenteilung.

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