Hüllhorst ist und bleibt bunt, wie diese traumhaft schöne Blumenwiese - © pixabay.com
Hüllhorst ist und bleibt bunt, wie diese traumhaft schöne Blumenwiese | © pixabay.com

Hüllhorst Alles nur geträumt - Die AfD gibt`s gar nicht

Glosse

Frank Hartmann
24.01.2019 | Stand 28.01.2019, 17:59 Uhr

Gesamtschule Hüllhorst, Montagabend. Man geht nichtsahnend am Lienenkamp spazieren und wundert sich über die vielen hilfsbereiten Polizisten. Deren Zahl wird nur noch übetroffen von einer gemischten Menschengruppe, die versucht, mit leuchtenden Knickstäben, bunten Luftballons, Mützen und Schals in Regenbogenfarben und Länderfähnchen ihre eigentliche Identität zu kaschieren. In Wahrheit sind es nämlich "politisch bedenkliche", "linke Bazillen", die unter "Wahrnehmungsstörungen" leiden und die "Realität leugnen". Die älteren von ihnen wurden "70 Jahre trainiert" - vom "Links-Staat". Die jüngeren sind typische Beispiele der "Merkel-Jugend", also auch nicht besser. Und ich mittendrin. Jetzt aber weiter, es ist sowieso viel zu kalt hier draußen.

Bürgerdialog statt Märchenstunde

Behagliche Nestwärme, man ist ja unter sich, bietet die vorgeheizte Ilex-Halle. Bevor die erste Zeile ins Notizbuch geschrieben ist, kommt der Satz, auf den ich bei jeder dieser Märchenstunden, Entschuldigung Bürgerdialoge, warte: Falsch geraten, es ist kein Satz mit "Lügenpresse", "System-Presse" oder "Pinocchio-Presse". Das könnte nämlich den Verfassungsschutz interessieren. Andererseits: Dass die Partei der Veranstalter dieses Abends bereits zum Prüffall erklärt wurden ist ja "nichts". Sekunden später fällt der erlösende Satz: "Medien berichten verzerrt." Vielen Dank dafür, jetzt kann ich mich endlich entspannt den Rednern widmen, die topaktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse verbreiten.

"Im Winter schneit es" - damit räumt der erste Redner mit dem schlimmen Vorurteil auf, dass wir Menschen irgend etwas mit dem Klimawandel zu tun hätten. Selbst wenn, wäre unser "Einfluss sehr gering". Ich habe das sowieso nie geglaubt. Das ist reine Propaganda der "Lieblingsgegner" des Redners: die Grünen, weil von denen "der meiste Unsinn kommt". Verstehe, deshalb brauchen wir also auch kein Tempolimit, "das lehnen wir ab". Ich ab sofort auch.

Mit Professor Doktor wird es ernst

Jetzt wird es richtig ernst. Der zweite Redner tritt ans Mikrofon. Ich verneige mich vor seinem Professoren- und seinem Doktortitel und erwarte tiefe Einblicke in die weltwirtschaftlichen Zusammenhänge. Die folgen auch und stürzen mich unvorbereitet in eine entsetzliche Loyalitätskrise. Dass die EU beim Freihandel völlig versagt und deutsche Entwicklungshilfe zum Beispiel in Burkina Faso nichts bringt, hat man ja immer schon geahnt. Aber "verbranntes Geld in Griechenland"? Wie soll ich das nur meinem griechischen Kollegen beibringen?

Bisher hatte ich immer damit argumentiert, dass wir ein großer Profiteur der Milliardenhilfen waren, die Griechenland gerettet haben. Immerhin hat Deutschland seit 2010 an Hellas fast drei Milliarden Euro an Zinsgewinnen verdient. Aber wenn Professor Doktor sagt, dass wir Deutschen für alle Welt immer nur Zahlmeister sind und ausgenutzt werden, kann das mit den Zinsgewinnen ja nicht stimmen. War wahrscheinlich wieder so eine verzerrte mediale Gehirnwäsche-Info, der ich aufgesessen bin. Wenn ich meinem Kollegen diese neuen Fakten schildere, wird er wohl nie den deutschen Pass beantragen und den Eid auf unsere Verfassung schwören. Darf er dann überhaupt im alternativen Deutschland bleiben? Womöglich ist er nur zum Schein eingereist, um die deutschnationalen Werte ...

Schweißgebadet wache ich auf, blicke auf eine herrliche Blumenwiese und denke: Hüllhorst ist so schön bunt. Alles andere habe ich hoffentlich nur geträumt - wahrscheinlich gibt's die AfD gar nicht.

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