Jahr für Jahr bestätigen Umfragen und Studien die hohe Glaubwürdigkeit besonders regionaler Tageszeitungen bei ihren Lesern - © BDZV
Jahr für Jahr bestätigen Umfragen und Studien die hohe Glaubwürdigkeit besonders regionaler Tageszeitungen bei ihren Lesern | © BDZV

Lübbecker Land Glauben, was in der Zeitung steht - Relotius und die Folgen

Die "Drehscheibe" ist das Forum für Ideen und Konzepte im Lokaljournalismus, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung. In ihrer jüngsten Ausgabe greifen die  Kolleginnen und Kollegen die Frage auf: "Wirkt sich der Fall Relotius aufs Lokale aus?"

In einem ersten Reflex möchte man antworten: Nein, natürlich nicht - was hat die NW Lübbecke mit dem Spiegel zu tun? Aber so einfach ist es nicht. Leider. Die Lokalredaktion wird schon manchmal mit gewissem Misstrauen des einen oder anderen Lesers konfrontiert. Das war zwar auch schon so, bevor der mehrfach mit dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnete Spiegel-Redakteur Claas Relotius "die Leser und die Redaktion des Spiegel mit gefälschten Artikeln getäuscht und das Haus in eine Krise gestürzt" hat. Aber in letzter Zeit mehren sich Aussagen, die uns zu denken geben, geben müssen. Und zwar nicht nur, weil für den Verlegerpräsident und Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner wegen der Relotius-Affäre das Vertrauen in die gesamte Branche auf dem Spiel steht.

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit

Mehrere Aussagen, die ich selbst gehört und gelesen habe, beziehen sich auf unsere Lokalberichterstattung: In einem Fall sagte ein Bürgermeister in öffentlicher Ratssitzung sinngemäß: Nur weil ein bestimmter Artikel in der Zeitung gestanden habe, sei das für ihn noch lange kein Anlass zu handeln. Nicht erklärt hat er, dass er damit die formalen Vorgaben meinte, die erfüllt sein müssen, damit er als Verwaltungs-Chef tätig werden muss. Weil er das nicht klarstellte, kam als Botschaft bei den Zuhörern an: Der Bürgermeister glaube nicht alles, was in der Zeitung steht. Und da der Artikel, auf den er sich bezog, nur bei uns stand, konnten nur wir gemeint sein.

Immerhin ist er nicht so weit gegangen, unsere Berichterstattung als "einseitig" und "rot gefärbt" zu verunglimpfen. Das hat vor längerer Zeit ein ehemaliger Amtskollege behauptet und lieber eine Rathaus-Postille herausgegeben. In der stand dann angeblich immer die Wahrheit. Wohl gemerkt: seine Wahrheit.

In einem anderen Fall postete ein Ratsherr auf der Facebook-Seite der NW Lübbecke ein Foto mit folgendem Spruch: "Wer Zeitung liest weiß, was in der Welt passiert. FALSCH! Er weiß nur, was in der Zeitung steht." Das ist einerseits richtig, weil die Zeitung einen begrenzten Seitenumfang hat, in dem täglich natürlich nicht alles unterzubringen ist, was in der Welt geschieht. Aber dafür sind wir ja da: Nachrichten sichten, professionell bewerten, einordnen, auswählen und veröffentlichen. Das ist unser Beruf, das haben wir gelernt.

Facebook-Post gelöscht, Person gesperrt

Die Warnung, die mit großer Wahrscheinlichkeit hinter dem Facebook-Post steckte, war: Seid misstrauisch gegenüber der Berichterstattung. Ihr bekommt nur zu lesen, was - mehr oder weniger unfähige, unvoreingenommene, beeinflusste, interessensgesteuerte und wer weiß was noch alles - Redakteure ausgewählt haben. Ich habe diesen Post deshalb gelöscht und die Person, die dafür verantwortlich war, für diese Seite gesperrt.

Aus diesem Beispiel ergibt sich die Frage: Wo kann ich mich noch so verlässlich über das Geschehen in meiner Stadt informieren, außer in der lokalen Tageszeitung - einschließlich ihrer digitalen Angebote? Antwort: Nirgendwo sonst. Weder Twitter, Facebook oder andere soziale Netzwerke, noch Gemeinde- und Anzeigenblätter, noch die Internetseiten von Unternehmen, Verbänden, Vereinen und sonstigen Gruppierungen bieten eine so aktuelle, vielseitige, kritische und überparteiliche Berichterstattung.

Ist das überhaupt noch gewünscht? Glücklicherweise ja. Spitzenreiter bei der Glaubwürdigkeit sind seit Jahren die Zeitungen, allen voran die regionalen Tageszeitungen, wie aus Ergebnissen der Forschungsgruppe Wahlen hervorgeht. Kein anderes Medium wird laut Bundesverband der Deutschen Zeitungsverleger  so aufmerksam genutzt.

Fehler korrigieren wir am nächsten Tag

Um so bedauerlicher ist, wenn ein Bürgermeister - ein anderer als der eingangs erwähnte - die Frage stellt, ob man mehr der Verwaltung oder der Berichterstattung der NW Lübbecke glaube. Das hat uns so ein Leser berichtet. Wenn der Bürgermeister das wirklich so gesagt hat, dann ist das nicht nur unverantwortlich. Dann muss er sich zudem fragen lassen, ob seine Verwaltung sich nicht parteipolitisch zusammensetzt, ob die Sitzungsvorlagen für die Ausschüsse und den Rat immer fehlerfrei und frei von Interessen Dritter zum Wohl der Bürger formuliert sind. Wohl kaum.

Natürlich unterlaufen auch Lokalredakteuren gelegentlich Fehler. Weil sie kurz abgelenkt waren, überarbeitet, weil sie etwas übersehen oder falsch verstanden haben ... . Wenn uns ein inhaltlicher Fehler auffällt oder wir von Lesern darauf aufmerksam gemacht werden, steht am nächsten Tag eine Bericht(igung) im Blatt. Das ist selbstverständlich. Und das bleibt auch so. Gegenfrage: Wann haben Sie zuletzt von einem Verwaltungs-Chef, einem Lokalpolitiker, einem Unternehmens-Chef, einem Landrat, einem Chefarzt etc. gehört, dass er oder sie einen Fehler gemacht hat und um Entschuldigung bittet?

Ein letztes Beispiel, das mich auch wieder zum Fall Relotius zurückführt, der bei uns übrigens schon deshalb nicht passieren, kann, weil wir viel zu dicht dran sind an unseren Lesern, die jede Erfindung eines Autors sofort entdecken würden: Wir haben dieses Jahr beim Heiligmittag-Treff in Lübbecke unter jungen Leuten herumgefragt, ob sie nach dem Studium wieder in ihre alte Heimat zurückziehen wollen. Einer der Befragten, Mitte 20, sagte mir nach unserem Gespräch sinngemäß: Nach der Relotius-Affäre bin ich gespannt, was Sie aus meinen Antworten machen. Die versteckte Botschaft lautete wohl: Die schreiben ja sowieso, was sie wollen - egal, was ich gesagt habe. Haben wir nicht. Natürlich nicht. Wir schreiben was ist und nicht, was wir gern hätten.

Lassen Sie sich nicht verunsichern

Selbst in Kommentaren, schreiben wir nicht einfach unsere Meinung runter. Sondern wir führen Argumente an und begründen, warum wir etwas so oder so sehen. Wenn die Kritisierten dann dazu eine Stellungnahme schicken oder einen Leserbrief, veröffentlichen wir die selbstverständlich auch. Denn wir möchten, dass Sie, unsere Leserinnen und Leser, sich selbst Ihre Meinung bilden. Anhand der Fakten und der verschiedenen Perspektiven, die es zu jedem Thema gibt und die wir abbilden.

In diesem Sinne hoffe ich, dass Sie sich nicht durch haltlose Behauptungen, die bis zu Schmutzkampagnen führen können ("Lügenpresse", "Systempresse" und Co.), verunsichern lassen. Sondern dass Sie uns weiterhin Ihr Vertrauen schenken.

Ihr Frank Hartmann

frank.hartmann@nw.de

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