Im Bürgerhaus: Jürgen Sprick (M.), AfD-Bundestagskandidat 2017, beobachtete die Protestkundgebung auf dem Wilhelm-Kern-Platz und berichtete dem Landtagsabgeordneten Thomas Röckemann (r.) und dem stellvertretenden Sprecher des Kreisverbandes Minden-Lübbecke, Burkhard Brauns, davon - © Joern Spreen-Ledebur
Im Bürgerhaus: Jürgen Sprick (M.), AfD-Bundestagskandidat 2017, beobachtete die Protestkundgebung auf dem Wilhelm-Kern-Platz und berichtete dem Landtagsabgeordneten Thomas Röckemann (r.) und dem stellvertretenden Sprecher des Kreisverbandes Minden-Lübbecke, Burkhard Brauns, davon | © Joern Spreen-Ledebur

Espelkamp Von wegen Lügenpresse - Die AfD lügt selbst wie gedruckt

Frank Hartmann
10.11.2018 | Stand 23.01.2019, 15:24 Uhr

Christian Blex studierte, promovierte und unterrichtete Mathematik und Physik, bevor er für die AfD über die Landesliste in den Düsseldorfer Landtag kam, und wird am  morgigen Sonntag 43 Jahre alt. Blex ist Fan des thüringischen AfD-Rechtsaußen Björn Höcke („Ich will, dass Deutschland nicht nur eine tausendjährige Vergangenheit hat. Ich will, dass Deutschland auch eine tausendjährige Zukunft hat.") und seit März dieses Jahres auch Syrien-Kenner. Selbsternannter Kenner, wie seine einseitigen Ausführungen am vergangenen Montag im Bürgerhaus Espelkamp zeigten.

Dort sprach Blex auf Einladung des AfD-Kreisverbandes Minden-Lübbecke über die Eindrücke seiner einwöchigen Reise, bei der ihn unter anderem der Mindener Rechtsanwalt und NRW-Landessprecher der AfD, Thomas Röckemann, begleitet hatte. Titel des Vortrags: "Syrien - wie sieht es dort wirklich aus?" Unterlegt war das Plakat, das Blex ankündigte, unter anderem mit Bildern von unversehrten Häusern, einem Swimming Pool, einer Basar-Szene und einem Porträt des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Den hat die Reisegruppe um Blex nicht getroffen, dafür andere Vertreter der Regierung.

Alles nicht so schlimm in Syrien

Und siehe da, alles gar nicht so schlimm in Syrien wie in den "Systemmedien" berichtet, die Blex in Espelkamp wahlweise auch als "deutsche Qualitätsmedien" verspottete. Begriffe, die der stellvertretende Sprecher der AfD Minden-Lübbecke, Burkhard Brauns, durch "SPD-nahe Qualitätspresse", "Parteien und ihre Schreiber in den Medien" sowie "Fake News der Öffentlich-Rechtlichen" ergänzte. Im Zeichentrickfilm wären Blex und Brauns angesichts so dreister Lügen lange Nasen gewachsen. Im Bürgerhaus glaubten viele Zuhörer leider diesen Schwachsinn.

Apropos Zuhörer: Mein Kollege hat Brauns gefragt, wie viele zu dem Syrien-Vortrag gekommen seien. Brauns zufolge waren es 120. Ich selbst bin beim Durchzählen auf 80, wohlwollend auf 100 gekommen, die Polizei auf 70. Wer lügt denn hier? Die Kreispolizei, der NW-Reporter oder Herr Brauns?

Die Methode ist leicht zu durchschauen

Die Methode der AfD - glaubt nur uns, alle anderen lügen - ist leicht zu durchschauen. Jedenfalls dann, wenn man nicht völlig verblendet ist und glaubt, was Blex über angeblich fehlende Berichterstattung in deutschen Qualitätsmedien im Bürgersaal verbreitete. Ich habe mir im Nachgang die Mühe gemacht zu recherchieren: US-Truppen in Syrien, die Zerstörung der Stadt Rakka, gefährdete Wasserversorgung in Damaskus ... All das haben die angeblich politisch gesteuerten deutschen Medien lange vor Blex' Syrien-Reise berichtet. Ebenso die militärstrategischen und energiewirtschaftlichen Interessen des Westens an Syrien und der Region, die Blex im Bürgersaal größtenteils als eigene Enthüllungen verkaufte.

Vielleicht hätte er einmal deutsche Qualitätsmedien lesen sollen vor seine Reise nach Syrien. Aber das tut er nicht. Nach eigenem Bekunden verfolgt er die Syrien-Berichterstattung nur "in ausländischen Medien", weil die deutschen ja alle gesteuert sind. Mehr verschwörungstheoretischer Blödsinn geht nicht.

Demokratrie braucht freie Medien

Zurück zur AfD-Methode: Anders als behauptet, geht es in der AfD-kritischen Berichterstattung nicht darum, im Auftrag anderer Parteien einen unliebsamen politischen Gegner zu bekämpfen. Sondern es geht darum, demokratische Werte zu verteidigen, darunter eine freie Medienberichterstattung, ohne die keine Demokratie denkbar ist. Wohin es führt, wenn die freie Berichterstattung gefährdet oder gar unmöglich gemacht wird, erleben wir seit geraumer Zeit überdeutlich zum Beispiel in Russland, in der Türkei, in Ägypten und in den USA: Wer nicht regierungsfreundlich berichtet, dem wird die Akkreditierung entzogen, der wird eingesperrt oder umgebracht.

"Demokratien leben von öffentlicher Debatte und Kritik. Wer gegen unbequeme Journalistinnen und Journalisten polemisiert oder gar hetzt und die Glaubwürdigkeit der Medien pauschal in Zweifel zieht, zerstört bewusst die Grundlagen einer demokratischen Gesellschaft", sagt Katja Gloger, Vorstandssprecherin von Reporter ohne Grenzen. Und genau das will die AfD erreichen, um politisch davon zu profitieren.

Ein Spiel mit dem Feuer

Noch einmal Katja Gloger: "Hass und Verachtung gegen Journalistinnen und Journalisten zu schüren, ist in Zeiten des Vormarschs populistischer Kräfte ein Spiel mit dem Feuer. Leider erleben wir das zunehmend auch in Mitgliedsstaaten der Europäischen Union."

Leider war es dem Organisator der zeitgleichen Anti-AfD-Kundgebung auf dem Wilhelm-Kern-Platz, SPD-Ratsherr Hartmut Stickan, allein überlassen, darauf hinzuweisen. Espelkamps Bürgermeister Heinrich Vieker zum Beispiel und auch die CDU-Ratsmitglieder zogen es vor, andere Termine wahrzunehmen. Oder zu Hause zu bleiben. Bei der Kommunalwahl 2020 werden sie sehen, wohin das führt.

frank.hartmann@nw.de

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