Beliebte Veranstaltung mit Einkaufsmöglichkeit am Sonntag: der Lübbecker Wurstmarkt in der Innenstadt - © Sandra Spieker-Beutler
Beliebte Veranstaltung mit Einkaufsmöglichkeit am Sonntag: der Lübbecker Wurstmarkt in der Innenstadt | © Sandra Spieker-Beutler

Lübbecke Sonntags-Shopping - Vom Kirchgang zur Schnäppchen-Jagd

Wer regelmäßig öffentliche Sitzungen des Stadtrates im Lübbecker Rathaus verfolgt - NW-Leser Friedhelm Bussiek gehört dazu und hat seine Verwunderung in einem Leserbrief an die Lokalredaktion niedergeschrieben - war erstaunt, wie die jüngste Sitzung ablief: praktisch ohne Beteiligung der Fraktionen. Nichts wurde gefragt, geschweige denn hinterfragt, kein Vorsitzender machte die Haltung seiner Fraktion deutlich.

Als Einziger meldete sich Arnold Oevermann (SPD) und bat Dezernent Rolf Kleffmann, er möge die eingegangenen Stellungnahmen zusammenfassen. Sie waren doch im Ratsinformationssystem der Stadt hinterlegt. Warum hatte Oevermann - und er wird nicht der einzige Ratsherr gewesen sein  - die nicht gelesen, obwohl das Thema verkaufsoffener Sonntag doch von so überragender Bedeutung für den örtlichen Einzelhandel ist?

Katholische Kirche blieb still

Allein durch ihre einstimmige Verabschiedung der beiden neuen Verordnungen über Ladenöffnungszeiten am Wurstmarkt- und am Weihnachtsmarkt-Sonntag ließen die Parteien im Rathaus erkennen, dass sie der Lübbecker Geschäftswelt unter die Arme greifen wollen. Das ist ja verständlich. Auch die um eine Stellungnahme gebetenen Interessensvertretungen Handelsverband, Handwerkskammer und Industrie- und Handelskammer haben keine Einwände erhoben, was zu erwarten war.

Während die katholische Kirche überhaupt nicht reagiert hat, so als würde sie der Schutz des "heiligen Sonntags" nichts angehen, haben die evangelische Kirchengemeinde Lübbecke und die Gewerkschaft Verdi deutlich umfassender und inhaltlich interessanter geantwortet, als die Vertreter der Wirtschaft. So griff Pfarrer Eberhard Helling auf die zehn Gebote in der Bibel zurück, um das "Gebot der Feiertagsheiligung" als eine "wesentliche Grundlage unserer Zivilisation" darzulegen. Alle Menschen hätten das Recht, unabhängig von ihrer Leistungsfähigkeit und ihrer gesellschaftlichen Stellung, das Leben zu genießen. "Gerade dies soll durch das Einhalten des Ruhetags sichergestellt werden", so Helling in seinem Schreiben an die Stadt.

Vom Bibelverweis zum Online-Handel

Den Sprung in die Neuzeit und damit weltlicher wird der Pfarrer im nächsten Absatz, in dem er auf den grundgesetzlich geschützten Rhythmus von Arbeit und Ruhe hinweist, der den Menschen in der Gemeinde zudem den Besuch der Gottesdienste ermögliche. Vier verkaufsoffene Sonntage in Lübbecke seien "genug", zumal "nicht nachweisbar" sei, dass der Online-Konkurrenz durch eine Erweiterung der Ladenöffnung am Sonntag angemessen begegnet werden könne. Helling: "Wäre es nicht eine ausgesprochend lohnende Aktivität der Stadt, den hiesigen Einzelhandel darin zu unterstützen, auf die Gefahren eines solchen Kaufverhaltens für den lokalen Einzelhandel und damit für das Erscheinungsbild der Stadt aufmerksam zu machen?"

Verdi verteidigt den freien Sonntag

Auch die Gewerkschaft Verdi, die wegen ihrer Klage gegen die veralteten Verordnungen in Lübbecke bei Politik, Verwaltung, Stadtmarketing und Einzelhändlern derzeit ganz schlechte Karten hat, sogar mit Austritten konfrontiert ist, erwähnt in ihrer Stellungnahme: Nur ein gemeinsamer freier Sonntag sei ein Garant für die Wahrnehmigung von Grundrechten, die der Persönlichkeitsentfaltung dienten, wie das Bundesverfassungsgericht festgestellt habe. Fazit: "Wir werden den freien Sonntag verteidigen!"

Argumenten wie Standortstärkung, Kaufkraft aus dem Umland anziehen und zusätzlichen Umsatz begegnet Verdi so: "Verlängerung der Öffnungszeit bringt nur Mehrbelastung, keine Absatzsteigerung." Der Gesamtumsatz werde nicht verändert

Uns interessiert Ihre Meinung

Im Zeitungsgeschäft läuft das übrigens so: Jeder Lokalredakteur arbeitet etwa an 20 Sonn- und Feiertagen im Jahr, denn unsere Leser möchten ja auch am Montag informiert sein. Lokalsportredakteure sind noch deutlich häufiger sonntags im Einsatz. Begeisterung für den Sonntagsdienst bei den Kolleginnen und Kollegen, die Familie haben, habe ich bislang nicht feststellen können.

Wie geht es Ihnen, Leser? Wollen oder müssen Sie sonntags arbeiten? Ist es Ihnen wichtig, vier Mal im Jahr sonntags das Geschäft zusätzlich öffnen beziehungsweise als Kunde sonntags einkaufen zu können?

Wie immer erreichen Sie uns direkt per Mail unter luebbecke@nw.de. Sie können auch gern einen Online-Kommentar auf der Seite nw.de/blog-luebbecke schreiben sowie auf unserer Facebook-Seite www.facebook.com/nwluebbecke

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