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Sie führten das Interview: Hans-Joachim Hitzemann (vorn v.l.), Marion Finke, Frank Hartmann (Gast). Erik Bolz (hinten v.l.) Tim Hölscher, Miriam Karl, Michael Dräger (Sozialarbeiter in der Werkstatt) und Lars Devermann. - © Anja Schweppe-Rahe
Sie führten das Interview: Hans-Joachim Hitzemann (vorn v.l.), Marion Finke, Frank Hartmann (Gast). Erik Bolz (hinten v.l.) Tim Hölscher, Miriam Karl, Michael Dräger (Sozialarbeiter in der Werkstatt) und Lars Devermann. | © Anja Schweppe-Rahe

Lübbecker Land Bad News - Warum wir manchem Leser die Laune verderben

Frank Hartmann
14.09.2018 | Stand 08.11.2018, 10:44 Uhr

Sehr spannend ist das Konzept einer "Katastrophen-Sendung" der 13-köpfigen Radiogruppe „Die Aufnehmer", ansässig in den Lübbecker Werkstätten der Lebenshilfe am Osterbruch. Ich hatte am Donnerstag die Ehre, dort Gast zu sein und Fragen zur Verantwortung von Medienmachern zu beantworten, die mir so entweder noch gar nicht oder sehr selten gestellt worden sind. Aus dem Ärmel schütteln ließen sich die Antworten jedenfalls nicht.

Hier einige Beispiele: Machen Medien die Politik?
Wer prüft die eingehenden Nachrichten auf ihren Wahrheitsgehalt? Welche Fake-News sind Ihnen im Blatt schon untergekommen? Warum steht so viel Schlimmes in der Zeitung und so wenig Schönes? Wie gehen Sie damit um, wenn Ihnen ein Artikel geschickt wird, den Sie inhaltlich für Bullshit halten? Wenn Sie mit Menschen ein Interview führen müssen, aber Bauchschmerzen haben, solchen Menschen ein Sprachrohr zu geben, was tun Sie dann?

Es gibt nichts Schlimmeres als langweilige Fragen

Sehr kritische Fragen mit Tiefgang, wie sie eigentlich nur professionelle Journalisten stellen (sollten), und die ich nicht unbedingt für eine Sendung erwartet hatte, die als Bürgerfunk-Sendung bei Radio Westfalica ausgestrahlt wird - voraussichtlich im November. Aber um so besser. Denn für einen Interviewten gibt es nichts Schlimmeres als langweilige, belanglose Fragen.

Eine Frage, die wahrscheinlich nicht nur die von Anja Schweppe-Rahe geleitete Radiogruppe bewegt, ist die nach dem vermeintlichen Überhang "schlechter" Nachrichten. Ich habe den Interviewern geantwortet, das tägliche Vermelden, dass wieder alle Schulbusse die Schüler pünktlich an ihrer Schule abgesetzt haben, würde die Leser vermutlich entsetzlich langweilen. Anders sieht es aus, wenn durch eine Busverspätung Schulstunden ausfallen, Eltern sich darüber beschweren und das Busunternehmen sich überlegt, wie so etwas künftig vermieden werden kann. Der Klassiker hierzu ist übrigens: "Hund beißt Mann" wird auf Dauer niemanden interessieren, anders sieht es mit "Frau beißt Hund" aus, oder?

Wir wollen die Welt ein bißchen besser machen

Im Übrigen ist es die Aufgabe von Journalisten, Missstände öffentlich zu machen, Dinge, die nicht rund laufen zu benennen und zu kritisieren. Nicht, um ihren Lesern die Laune zu verderben, sondern als kleinen Beitrag, die Welt ein bißchen besser zu machen. Würden wir nur noch Positives bringen - der Anteil guter Nachrichten im Blatt ist übrigens erheblich - würde kein Verantwortlicher die Notwendigkeit sehen, etwas zu verändern beziehungsweise zu verbessern. Denn es ist ja offensichtlich alles in Ordnung, zumindest hat nichts Gegenteiliges in der Zeitung gestanden.

Und auch dies bitte ich, nicht zu vergessen: Gelegentlich wird uns vorgeworfen, wir würden mit dem Leid von Menschen Geld verdienen. Nämlich dann, wenn wir über schwere Autounfälle, Großbrände, Verbrechen und andere Ereignisse berichten, die wir unter "Blaulicht" zusammenfassen. Das sei außerdem rücksichtslos gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen.

Das kann man durchaus so sehen und es ist uns auch bewusst. Trotzdem müssen wir auch abwägen zwischen dem Interesse einer Familie und den Tausenden anderer Abonnenten. Und dass Blaulicht-Themen um ein Vielfaches häufiger gelesen werden, als nahezu alle anderen Themen, wissen wir aus Online- und Print-Untersuchungen. Sollen wir also den 99,99 Prozent unserer anderen Leser diese Informationen vorenthalten?

Wir beeinflussen Politik, aber wir machen sie nicht

Das führt mich zum nächsten Stichwort: Wir überbringen die schlechten Nachrichten nur, indem wir sie veröffentlichen. Aber wir sind nicht verantwortlich, denn wir sind nicht die Ursache, genau so wenig wie wir Politik machen - eine Frage, die mir von den Radiomachern auch gestellt wurde. Gleichwohl haben wir durch unsere Berichterstattung Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung, was wiederum zu Reaktionen in der Politik führen kann. Insofern gibt es eine Wechselwirkung. Aber Politik machen im eigentlichen Sinn tun wir nicht.

Ich halte es auch für unvereinbar - Journalist und gleichzeitig Politiker zu sein oder einer Partei anzugehören. Dann nämlich würde die Distanz und Unabhängigkeit verloren gehen, die ein guter Journlist braucht, um frei von Verpflichtungen und Erwartungshaltungen seinen Beruf professionell ausüben zu können.

Mehr über die Radiogruppe "Die Aufnehmer" und wen sie sonst noch mit ihren kritischen Interviewfragen beehrt hat, finden Sie, liebe Leser, unter www.facebook.com/mit.uns.wird.radio.aktiv

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