Landgericht Bielefeld: Gegen das Urteil - 30.000 Euro Schmerzensgeld für die Hinterbliebenen - haben sowohl die beklagte Gynäkologin als auch die Anwältin der Familie Berufung eingelegt - © Jens Reddeker
Landgericht Bielefeld: Gegen das Urteil - 30.000 Euro Schmerzensgeld für die Hinterbliebenen - haben sowohl die beklagte Gynäkologin als auch die Anwältin der Familie Berufung eingelegt | © Jens Reddeker

Lübbecke Fall B.: Auch hinter den Kulissen geht es heftig zur Sache

Frank Hartmann

Der Fall der an Brustkrebs erkrankten und 2013 gestorbenen Lübbeckerin B. und die sich anschließende jahrelange juristische Auseinandersetzung, die ja noch nicht beendet ist, sind an sich schon tragisch genug. Doch das Verhalten einiger Beteiligter gibt dem Fall auch hinter den Kulissen eine Dimension, die man als Berichterstatter selten erlebt. Einschließlich die von mehreren Seiten unternommenen Versuche, die Berichterstattung zu erschweren oder gar zu verhindern.

Das 35 Seiten lange Urteil des Landgerichts Bielefeld ist für einen medizinischen und juristischen Laien kaum zu verstehen. Seitenlang werden beispielsweise hoch komplexe Ausführungen von Gutachtern der Medizinischen Hochschule Hannover widergegeben. Und ergänzt mit juristischen Bewertungen, die einen ratlos zurücklassen - obwohl Urteile ja "im Namen des Volkes" gesprochen werden. Dieser Satz steht unübersehbar auch über dem ausgedruckten Urteil.

Alte Wunden sollen nicht wieder aufgerissen werden

Um zu verstehen, was, wann, wie passiert ist, habe ich die Anwältin der Hinterbliebenen in Herford aufgesucht und mir den Grund für die Klage gegen die Gynäkologin und das Radiologische Versorgungszentrum erklären lassen. Außerdem wollte ich gern mit einem der beiden Kinder der Verstorbenen Kontakt aufnehmen, was mit Hilfe der nicht in allen Punkten uneigennützigen Anwältin auch gelungen ist. Die Tochter war so freundlich, uns die zwei im Blatt veröffentlichten Fotos ihrer Mutter zur Verfügung zu stellen. Mit uns sprechen wollten aber weder sie noch ihr Bruder, um den gewonnenen emotionalen Abstand zum damaligen Geschehen nicht zu gefährden. Man könnte auch sagen: Um alte Wunden nicht wieder aufzureißen.

Die journalistisch korrekte Vorgehensweise ist, auch einem Beschuldigten Gelegenheit zu einer Stellungnahme zu geben. Der Radiologe schied aus, weil der inzwischen nicht mehr tätig ist. Der Gynäkologin habe ich einen Brief geschrieben und um einen Gesprächstermin - entweder mit ihr oder ihrem Anwalt - gebeten. Um die Chance auf eine Zusage zu erhöhen, habe ich außerdem erwähnt, dass ich bereits Kontakt mit der Anwältin der Kläger hatte.

Versuche, eine Berichterstattung zu verhindern

Zwei Tage später meldete die Gynäkologin sich telefonisch und wir verabredeten uns bei ihr. Offensichtlich hat sie darüber ihren Münchener Anwalt informiert, der übrigens auch neu hinzugekommen ist. Vorher hatte sie einen anderen. Am nächsten Tag erhielt ich ein Fax des Anwalt, in dem er mit Verweis auf das laufende Verfahren - die Sache liegt inzwischen beim Oberlandesgericht in Hamm - eine Stellungnahme ablehnte.

Ich bin trotzdem am vereinbarten Tag zu seiner Mandantin gegangen. Die Ärztin war überrascht mich zu sehen, stimmte einem Gespräch in ihrem Wohnzimmer aber zu. Unter der Voraussetzung, dass ich nichts davon für eine Berichterstattung verwenden würde. Daran halte ich mich. Nur soviel: Das Gespräch dauerte etwa 1,5 Stunden und war geprägt von diversen Versuchen mit diversen Mitteln, die von charmant bis knallhart reichten, uns von einer Berichterstattung zum jetzigen Zeitpunkt abzubringen.

Zynische Begründung für das Schmerzensgeld

Auch der Anwalt der Gynäkologin wurde aktiv. Er schrieb der Anwältin der Kinder einen bitterbösen Brief und machte ihr Vorhaltungen, dass sie mit mir gesprochen hatte. Diese Reaktion muss auch die Tochter der Verstorbenen erreicht haben, denn die rief mich kurze Zeit später sehr aufgebracht an und sagte wörtlich, sie wolle auf keinen Fall, dass etwas über ihre Mutter in der Zeitung stehe. Glücklicherweise konnte ich sie beruhigen und ihr klar machen, dass wir die getroffene Entscheidung nicht rückgängig machen werden.

Eine letzte Anmerkung: Als ich die Begründung des Bielefelder Landgerichts über die Höhe des Schmerzensgeldes las - 30.000 Euro -, habe ich gedacht: Wie zynisch. Die Frau hat unter Schmerzen gelitten, jahrelang Todesangst gehabt, eine Brust verloren, sich an jeden medizinischen Strohhalm geklammert - und ist schließlich mit 46 Jahren gestorben. Genau deshalb hält das Gericht ein Schmerzensgeld in dieser Höhe für angemessen. B. habe in den letzten vier Jahren ihres Lebens "keine Möglichkeit mehr gehabt, ein erfülltes Leben zu führen". Dieser Logik kann wohl nur ein Jurist folgen.

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