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Kenan (l.) und Hussein verkaufen Trödel zugunsten des CVJM Rahden. - © Heike von Schulz
Kenan (l.) und Hussein verkaufen Trödel zugunsten des CVJM Rahden. | © Heike von Schulz

Rahden Warum manche für den Trödelmarkt in Rahden sogar aus London anreisen

Einmal im Jahr verwandelt sich die Rahdener Innenstadt in eine bunte Meile der Raritäten. Viele Händler kommen seit Jahrzehnten, weil dieser Markt so beliebt ist.

Heike von Schulz
15.09.2019 | Stand 15.09.2019, 10:45 Uhr |

Rahden. Es gibt Dinge, die gibt es eigentlich gar nicht mehr. Beim Trödelmarkt in Rahden kommen sie aus den verborgenen Ecken, hervorgekramt aus Dachboden und Keller, wieder zum Vorschein. Das gute Teeservice in bayrisch-blau mit Goldrand, ein Telefon von 1961, das für die Smartphone-Generation etwas Außerirdisches an sich haben muss, eine Etage mit dezentem Blümchenmuster. Bunt leuchten die Römer in der Sonne, diese besonders schönen Weinkelche der Marke Nachtmann. Ein Teddybär - vor lauter Liebe seiner Besitzer sind seine Pfoten abgewetzt - sucht auf seine alten Tage nach einem neuen Wirkungskreis. So wie all die vielen gebrauchten Spielzeuge, die jetzt andere Kinder glücklich machen möchten. Der Trödelmarkt in Rahden macht seinem Namen alle Ehre und hat Tradition. Das wissen die Händler und die Besucher allemal. Bei bestem Altweibersommerwetter wird gestöbert, gebummelt und gefeilscht. So unterschiedlich wie die Waren auf den Tischen in der Innenstadt, sind die Geschichten ihrer Verkäufer. Sandra Seifert wohnt in Barsinghausen in der Region Hannover. Seit 20 Jahren kommt sie jedes Jahr zum Rahdener Trödelmarkt und baut ihren Stand auf, weil es ihr hier so gut gefällt. Die 40-Jährige sammelt Tierfiguren des Spielzeugherstellers Schleich – am liebsten Pferde. Ihr Mann Gerald sammelt Lego. „Ich habe 2.000 Schleichtiere zu Hause. Alle doppelten biete ich auf dem Trödelmarkt an", sagt sie. Die Figuren sind handbemalt und sehen naturgetreu aus. An ihrem Stand stöbern die Liebhaber und Sammler von Bauerhof- und Wildtieren aus Hartgummi nach Schnäppchen. Zwei echte Tiere haben die Seiferts auch dabei: Mischlingshund „Hugo" und „Tiffi" aus Rumänien. Dem strubbelige Tierheimhund ist die Dankbarkeit anzusehen, die er empfindet, seit er vor drei Monaten in seinem neuen Zuhause eingezogen ist. Darth Vader rangelt mit Frankenstein Natalie Neufeld und Helene Nens aus Rahden lassen sich an ihrem Stand die Sonne ins Gesicht scheinen und verkaufen eine bunte Mischung aus von allem etwas. „Es macht Spaß zu handeln und wir möchten unseren Trödel los werden", sagen die beiden. Auf Hochglanz gewienert wie in einem Antiquitätengeschäft sind die Auslagen von Anita (76) und Heinz Heibrock (78) aus Bad Salzuflen. Ein Tiger aus Porzellan steht stolz neben Arzberger-Geschirr „Blaueblüten", einer Waage von 1870 und vielen anderen edlen Stücken aus längst vergangenen Zeiten. „Trödel halt jung", meinen die beiden und kommen seit zehn Jahren regelmäßig zu dem beliebten Markt in der Innenstadt. Sayed ist auch ein Stammhändler auf dem jährlich stattfindenden Markt. Er kommt aus Rahden, ursprünglich aus Afghanistan, und lebt jetzt in London. Wenn Trödelmarkt ist, ist er dabei und das seit 20 Jahren. Bei ihm rangelt Darth Vader mit Frankenstein und anderen Action-Figuren. Zwischen Nintendospielen, Controllern für Konsolen und Videokassetten glänzt ein Saxofon ohne Mundstück. Feilschen für den guten Zweck Dass „die Welt ein Taschentuch ist", wie eine spanische Redensart sagt, wird am Stand des CVJM vorm Gemeindehaus deutlich. Kenan (13) und Hussein (12) bieten antike Fotos, ein ausgestopftes Bisam und andere Raritäten an. Abdul (23) aus Syrien trifft auf Clara (18) aus Brasilien und Mattheu (40) aus Sierra Leone. Jeder hat seine Geschichte zu erzählen. Abdul kam vor vier Jahren nach Rahden und hat hier echte Integration erfahren, wie er sagt. Jetzt lebt er in Dortmund und möchte Journalistik studieren. Clara kam als Austauschschülerin und macht jetzt eine Ausbildung als Vermessungstechnikerin in Stemwede. Mattheu lebt in Bo in Sierra Leone. Der CVJM Rahden pflegt seit vielen Jahren eine lebendige Partnerschaft mit dem dortigen YMCA. Seit 1983 gibt es das „Café für Bo" im Gemeindehaus und erwirtschaftet Geld für Hilfsprojekte wie das Schneider- und Nähprojekt für Frauen in Bo. Mattheu ist zu Gast bei der Familie von Angela Wiegel in Rahden. Immer größer sei der Flohmarktstand zugunsten des CVJM in den vielen Jahren geworden, berichtet Rahdens Jugendreferent Oliver Nickel, der auch für die CVJM-Arbeit zuständig ist. Carsten Zimmermann, der vorm CVJM-Stand Glückspfennig verschenkt, wünscht: „Der Flohmarkt soll glücklich machen." Und dann ist da noch ein Tier, dass es eigentlich gar nicht geben kann und die Aufmerksamkeit von Trödlern und Besucher auf sich zieht. Aus der Handtasche von Sabrina Siekmann schaut ein süßes, kleines Hundeköpfchen. „Lara" ist elf Monate alt und das Ergebnis der Liebe zwischen einem Schäferhund und einem Chihuahua – unglaublich und unverkäuflich, wie sie den vielen neugierigen Trödelmarktbesucher immer wieder versichert.

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