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Rinnsal: Im Bereich Fischerstatt in Varl fließt nur wenig Wasser durch den naturnah gestalteten Flussarm. Immer mehr Grün, darunter Kolk, breitet sich aus. - © Joern Spreen-Ledebur
Rinnsal: Im Bereich Fischerstatt in Varl fließt nur wenig Wasser durch den naturnah gestalteten Flussarm. Immer mehr Grün, darunter Kolk, breitet sich aus. | © Joern Spreen-Ledebur

Rahden Grün statt Wasser: An der Großen Aue in Rahden herrscht Ebbe

Experte bewertet Renaturierung in Rahden als gescheitert

Joern Spreen-Ledebur
22.08.2019 | Stand 21.08.2019, 19:25 Uhr

Rahden. Es ist derzeit nicht die regnerischste Zeit. Etwas Wasser führt die Große Aue aber immer. In den parallel angelegten Gewässern aber, Ende der 1980er Jahre als renaturierte Aue ein landesweit beachtetes Pilotprojekt, herrscht Ebbe. Statt Wasser gibt es Grünwuchs. Helmut Uphoff hat das alles im Blick. Der langjährige Vorsitzende des Fischereivereins für die Stadt Rahden und Umgebung hat die Renaturierung der Großen Aue von Anfang an begleitet. „Wir haben 1987 vor Beginn der Renaturierung Bedenken angemeldet", sagt Uphoff. Er habe damals einen langen Brief an das damalige Amt für Agrarordnung geschrieben. „Ich habe aber nie wieder was davon gehört." Uphoff sieht all seine Bedenken bestätigt All seine damals geäußerten Bedenken sieht Uphoff bestätigt. Aus dem Fluss sei ein teilweise stehendes Gewässer geworden, die Nebengerinne (Nebengewässer) seien zugewachsen und ausgetrocknet. „Alle unsere Befürchtungen sind eingetreten", sagt Uphoff. Schon damals habe der Fischereiverein davor gewarnt, dass das wenige Wasser in der Aue nicht für zwei Gewässer ausreiche. „Daraus kann man nicht zwei Gewässer machen". Die vorhandene Wassermenge sei schon für einen Fluss reichlich knapp. Darauf aber habe niemand im Kreis, bei der Bezirksregierung oder beim Land hören wollen. "Da fließt nichts mehr, das ist ein stehendes Gewässer" Der Flusslauf sei teilweise um das dreifache verlängert worden – und das bei tellerebenem Gelände. Nördlich von Rahden gebe es ein Gefälle von 0,26 Promille – in den Nebengerinnen noch weniger. Helmut Uphoff: „Da fließt nichts mehr, das ist ein stehendes Gewässer." Das sei einer der Punkte, die man ihm damals nicht habe glauben wollen. Nun ist das eingetreten und die Folgen sind gravierend. Die laut FFH-Richtlinie zu schützenden Fischarten wie Schlammpeitzger, Steinbeißer, Bitterling oder Quappe seien verschwunden. Auch Großmuschelarten wie die Dicke Flussmuschel oder die Malermuschel sind verschwunden. Nicht mehr vorhanden sind außerdem Wasserpflanzen der Froschbiss, das Quierlige Laichkraut oder Wasserschlauch. Auch der Moorfrosch hat sich verabschiedet In einem Polder nahe des Rohlfinger Staus in Pr. Ströhen habe in den vergangenen Jahren immer der Moorfrosch gelaicht. Das habe er dieses Jahr nicht mehr beobachten können, sagt Aue-Fachmann Uphoff. Der Polder sei zugewachsen. „Aber für das Laichen brauchen die Frösche Sonne und keinen Schatten." Auf die Missstände habe er vor kurzem die Bezirksregierung Detmold hingewiesen, aber die habe das ebenso ignoriert wie der Kreis. Banal habe es nur geheißen, dass man Geduld haben müsse und sich das Thema von selbst erledige, weil sich das Gebiet ja noch entwickele. "Da gibt es nur noch schwarz-blauen Schlamm" Uphoff schaut auf einen der Polder, der weitgehend zugewachsen ist – inklusive großer Distelfelder und dem Bärenklau, einer giftigen Pflanze. In einigen Poldern sei er gewesen, mit Taucheranzug, berichtet Uphoff. „Da gibt es nur noch blau-schwarzen Schlamm. „Dass da keine Fischart oder Muschelart überleben kann, das ist doch klar." Aus dem trockenen Umgehungsgerinne sei dennoch das Gewässer Nummer 1 gemacht worden, obwohl die alte Aue doch diese Nebengewässer verbinde und für die Vorfluter genutzt werde, kritisiert Uphoff. „Wir können die alte Aue nicht wegdiskutieren." Verdacht des Totschweigens geäußert Dem Hinweis des Fischereivereins, dass die Aue immer mehr zuwachse, verschlamme und deshalb Arten verschwänden, sei niemand nachgegangen, sagt Helmut Uphoff. Weder die für die Pflege der renaturierten Bereiche zuständige Biologische Station noch der Kreis Minden-Lübbecke und die Bezirksregierung Detmold würden tätig. „Eigentlich wissen alle, das das so nicht funktioniert, aber keiner macht was", merkt Uphoff an. Aus seiner Sicht wollten der Kreis Minden-Lübbecke und die Bezirksregierung Detmold das Thema totschweigen. „Deshalb liegt die Sache jetzt in Düsseldorf beim Land und soll dort besprochen werden."

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