Zufunft: Matthias Horx zeigt die Einwohnerentwicklung an einer Karte. - © Joern Spreen-Ledebur
Zufunft: Matthias Horx zeigt die Einwohnerentwicklung an einer Karte. | © Joern Spreen-Ledebur

Rahden Zukunftsforscher sprach bei Kongress in Rahden über ländlichen Raum

Initiativen der Bürger sind Trumpf

Rahden. Ein Dorf ist ein soziales Netzwerk. Darin waren sich alle einig, die am Samstag während des Kongresses "Ländlicher Raum 4.0" auf der Bühne im Rahdener Gymnasium auf der Bühne standen. Der prominenteste Redner war dabei wohl der renommierte Zukunftsforscher Matthias Horx. Er brachte es auf den Punkt: "Wenn die sozialen Netzwerke nicht mehr funktionieren, dann nutzen auch die schönste Kirche und die besten Kühe nichts mehr". Horx, der als einer der bedeutendsten Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum gilt, malte während seines Vortrags nicht in Schwarz-Weiß, er zeichnete ein differenziertes Bild zur Zukunft der Dörfer. Und deren Zukunft war Schwerpunkt des von der Bürgerstiftung Pr. Ströhen organisierten Kongresses. 1.000 Freunde auf Facebook zu haben, das heiße eigentlich, gar keine Freunde zu haben, merkte Horx an. Menschen reproduzierten soziale Bindungen und eine Formel sage, dass "wir mit maximal 120 Menschen soziale Beziehungen unterhalten". Nach Einschätzung von Horx "werden wir auf einen urbanen Planeten zugehen". Rund 3,2 Prozent der Erde seien bewohnt, das gebe auch Platz für Natur oder Landwirtschaft. "Eigentlich ist die Verstädterung des Planeten gut für die Erde, wenn wir intelligente Lösungen für die Gestaltung der Städte finden", ist Horx überzeugt. Nun gehe ein Deutscher aber nicht ins Bett, ohne vorher eine "Apokalypse-Talkshow gesehen zu haben - sonst kann er nicht schlafen". Aber jeder Trend habe einen Gegentrend und daraus entstehe Zukunft. Horx nannte da die "Glokalisierung". Immer mehr Menschen verorteten sich in einer Heimat, hätten aber den weiten Blick. "Sie sprechen Dialekt und Englisch." Die Globalisierung habe in den vergangenen zehn Jahren auf extrem niedrigen Löhnen in anderen Ländern basiert, aber das werde sich ändern, sagt Horx voraus. "Wir empfinden uns als grün und umweltbewusst, weil wir ganz viel Produktion ausgelagert haben - etwa nach China." Horx geht aber davon aus, dass etwa viele Bereiche der Textilproduktion wieder in Deutschland ansässig werden. Der Mittelstand hierzulande werde sich positiv auswirken. "In zehn Jahren werden viel weniger Container im Hamburger Hafen angelandet werden." Horx: "Wir wollen immer raus und den Horizont überschreiten. Gleichzeitig wollen wir Sicherheit und Bindungen." In Frankreich etwa hätten ländliche Bereiche deutlich Einwohner gewonnen, "weil auch eine Frau mit drei Kindern ganz klar Karriere machen kann". In Deutschland gebe es eine andere Kultur. Frage man etwa, wer einen schwulen Bürgermeister habe, dann gingen ganz viele Hände nach oben. "Wenn Sie fragen, wo die Frau mehr verdient als der Mann, dann meldet sich kaum einer." Alle Hochrechnungen "zur demografischen Katastrophe der vergangenen 15 Jahre seien falsch, machte Horx deutlich. "Die Deutschen sterben aus - das ist eine beliebte Angstvorstellung, aber sie stimmt nicht." Bildung sei ein Schlüssel zum Erfolg, Menschen gingen dorthin, wo das Leben interessant und abwechselungsreich sei. "Wir möchten die soziale Dichte der Dörfer und das Angebot der Stadt." Das zu kombinieren, darin sieht Horx eine Aufgabe, um Dörfer zukunftsfähig zu machen. Gemeinschaftliche Lebensformen seien wieder zunehmend gefragt, verwies Horx auf Beispiele etwa aus Tübingen und anderen Städten. Das Begrüßen von Flüchtlingen werde in Talkshows derzeit zwar negativ gesehen. "Aber wir machen das wieder", sagte Horx, blickte aufmunternd in die voll besetzte Aula und erhielt viel Applaus. "Die Dörfer kann man nicht mit den Dörflern allein retten", betonte Horx. Die französische Region Limousin etwa habe viele Einwohner verloren. Nun werde dort aber Lebensqualität propagiert und Slow Citys sowie Genuss - die Einwohnerzahl steige wieder. Auch die Wahl eines Themas könne ein Dorf retten, nannte er als Beispiel das spanische Fanzara. Das war fast ausgestorben, bis es sich der Kunst zuwandte. In Kalabrien hätten Flüchtlinge ein fast leeres Dorf wieder aufgebaut. Horx: "Das sind die dörflichsten Dörfler, weil sie dort Heimat fanden." Wenn ein Dorf Zukunft haben solle, dann brauche man engagierte Bürger und Vereine, einen visionären Bürgermeister. Stärken müssten konsequent gestärkt und Schwächen anerkannt werden. Kooperieren müssten Dörfer, sonst hätten sie keine Zukunft. Eine Allianz zwischen Städtern und Dorf sei wichtig. Vor allem auf eigenständige Initiativen der Bürger setzt Horx. "Wenn es die nicht gibt, dann sollte man ein Dorf auch mal in Würde sterben lassen." Mitunter müsse man auch mal ein Dorf aufgeben, um ein anderes zu retten. In Rahden könne man sich Gedanken über Themen-Ortschaften machen, ein lukullisches Dorf etwa, so Horx. Das griff in einer anschließenden Podiumsdiskussion Bürgermeister Bert Honsel auf. Wer denn über Themendörfer entscheide, wollte Moderatorin Christina Harland von ihm wissen. Honsel mit einem Schmunzeln: "Das können wir selber entscheiden, ob etwa Sielhorst zum Kifferdorf wird." Ernst fügte er dann hinzu: "Wir hier vor Ort müssen uns um unsere Ortschaften selbst kümmern."

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