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Rückblick: Ewald Schwarze (106) lebt im Vitalis Wohnpark in Pr. Oldendorf und erinnert sich sehr gut an 1948. Die Fotos aus seiner Kindheit und die anderen Schwarzweiß-Bilder mit Eltern, Großeltern und Ehefrau Edith betrachtet er immer wieder gern. - © Foto: Frank Hartmann||
Rückblick: Ewald Schwarze (106) lebt im Vitalis Wohnpark in Pr. Oldendorf und erinnert sich sehr gut an 1948. Die Fotos aus seiner Kindheit und die anderen Schwarzweiß-Bilder mit Eltern, Großeltern und Ehefrau Edith betrachtet er immer wieder gern. | © Foto: Frank Hartmann||

Pr. Oldendorf Erinnerungen an die Währungsreform 1948: "Die Geldtruhe war rappelvoll"

NW-Buch: Als Bankkaufmann bei der Kreissparkasse Lübbecke erlebte der Pr. Oldendorfer Ewald Schwarze, wie 1948 die Einlagensumme über Nacht von 21,2 auf 1,4 Millionen Mark schrumpfte

Frank Hartmann
14.11.2018 | Stand 14.11.2018, 12:42 Uhr

Pr. Oldendorf. Ewald Schwarze, mit 106 Jahren der älteste Einwohner des Lübbecker Landes, verfügt über ein phänomenales Gedächtnis. Die eine oder andere Begebenheit ist ihm im Laufe der Jahrzehnte zwar entfallen. Zahlen und Summen aber, die hat der 1912 im Pr. Oldendorfer Ortsteil Getmold geborene Bankkaufmann noch im Kopf. Bei einem Besuch im Vitalis Wohnpark, wo an den Wänden seines Zimmers viele Familienbilder hängen, nennt Ewald Schwarze, ohne eine Sekunde nachzudenken, die Bilanzsumme von 1948, den damaligen Umstellungskurs von Spareinlagen und die Zahl der Kunden der "Hauptzweigstelle" Pr. Oldendorf. Dort hatte er nach der Übernahme der Amtssparkasse Pr. Oldendorf durch die Kreissparkasse Lübbecke und die Umwandlung von einer Zweig- in eine Hauptzweigstelle mit eigener Kontoführung 1929 seine dreijährige Lehre begonnen. Und er brachte es bis zum kommissarischen Leiter, "bevor ich 1940 Soldat werden musste". Auch das Datum, an dem er nach dreijähriger Kriegsgefangenschaft aus Russland nach Pr. Oldendorf zu seiner Frau Edith in ihre bescheidene gemeinsame Wohnung zurückkehrte, weiß er noch, natürlich: Es war der 28. Mai 1948 - gut drei Wochen vor der Währungsreform, die er, im Nachhinein betrachtet, als "lückenhaft" und "unsozial" bezeichnet. So erinnert er sich noch sehr gut an eine Witwe mit fünf Kindern. Die Kundin habe nur einen geringen Reichsmarkbetrag als Guthaben auf dem Konto gehabt, den sie einige Tage vor der Umstellung anmelden musste: "Nach dem Tausch im Verhältnis 10:1 unter Anrechnung des Kopfgeldes von 40 DM, später weitere 20 DM, hatte sie nichts mehr." "Erster Schritt zur Trennung von DDR und Bundesrepublik" Hinzu kam, dass Kontenbesitzer nur über die Hälfte des umgewandelten Betrages verfügen konnten. Die andere Hälfte sei zunächst auf einem Festkonto blockiert gewesen. Einige Wochen später habe das Festkontengesetz dann ein Umstellungsverhältnis von 100 zu 6,5 festgelegt. Das hätten einige Kunden als Enteignung empfunden, was Schwarze nachvollziehen kann. Da die Russen der von den Westalliierten beschlossenen Reform nicht zugestimmt hätten, bewertet er die Umstellung der Reichsmark in D-Mark am 20. Juni 1948 zudem als "ersten Schritt zur Trennung von DDR und Bundesrepublik". Abgesehen davon tauchten in den Pr. Oldendorfer Geschäften von einem Tag auf den anderen wieder Waren in den Schaufenstern auf, die offiziell über Jahre nicht erhältlich waren. Durch das neue Geld waren sie plötzlich wieder zu kaufen, zu üblichen Preisen. Doch es gab Ausnahmen. So erzählt Ewald Schwarze schmunzelnd, dass er und vier Freunde sich zum Besuch des Blasheimer Marktes in Lübbecke eine teure Flasche Wacholder genehmigten. Leisten konnten sie sich das hochprozentige Getränk nur, weil jeder von ihnen sechs Mark locker machte. Mehr war für Schwarze, dessen Monatsgehalt 220 Mark betrug, nicht drin. "Das Gehalt für meine Frau und mich reichte nicht. Ich habe uns mit Überstunden über Wasser gehalten", berichtet Schwarze. Und die fielen im Zusammenhang mit der Währungsumstellung reichlich an. 2.100 Anträge seien in Pr. Oldendorf "abzuarbeiten" gewesen, weiß er noch. "Pro Tag bekamen wir 200 Gramm Brot" Ebenso eingeprägt hat sich der erste Einkauf mit dem neuen Geld: "Wir haben Brot gekauft und Lebensmittel. Denn ich hatte immer Hunger." Ewald Schwarze vermutet, dass das mit seiner Kriegsgefangenschaft in Russland zusammenhing. Die Verpflegung sei trotz seiner schweren Arbeit im Straßenbau nicht sehr üppig gewesen: "Pro Tag bekamen wir 200 Gramm Brot." Manchmal "Suppe, in denen ein paar Kohlblätter schwammen", manchmal auch Hirsebrei. Weitgehend verschwunden sind seine Erinnerungen an das erste Weihnachtsfest zu Hause nach der Währungsreform. In jedem Fall bescheiden sei die Zahl der Geschenke gewesen. Womit er seine Frau überraschte, weiß der 106-Jährige nicht mehr. Er selbst bekam "irgendetwas zum Anziehen". Ewald Schwarze spricht lieber über die Währungsreform und ihre Folgen für die Kunden der Sparkasse. Der Einlagenbestand am 20. Juni 1948 betrug ihm zufolge 21,2 Millionen Mark. Am nächsten Tag waren davon noch 1,4 Millionen übrig geblieben. Verschließbare Geldtruhe zur Aufbewahrung der alten Reichsmark "Die Konten mit dem niedrigsten Stand wurden als erste umgestellt", erzählt Schwarze. Zur Aufbewahrung der alten Reichsmark habe in der Bank eine verschließbare Geldtruhe gestanden: "Die war rappelvoll", erinnert der damals älteste Mitarbeiter in der Sparkasse Pr. Oldendorf sich. Sie sei dann zu einem Ableger der Landesbank über Lübbecke oder Bünde nach Minden gebracht worden. Jeder Umtausch von Sparguthaben, der durch eine Verordnung der Militärregierung bald auslief, weil die restlichen Guthaben ersatzlos gestrichen wurden, erforderte drei Formulare: "Eines blieb bei uns, eines bekam das Finanzamt und eines der Kunde", weiß Schwarze noch. "Finanziell sehr schmerzhaft" sei die Währungsreform auch für Gebietskörperschaften gewesen. So seien etwa 15 kommunale Konten überhaupt nicht bearbeitet worden, das Guthaben auch nicht in die Übergangsbilanz eingegangen. Doch auch die Sparkasse selbst war betroffen. Und zwar durch die damalige "Hypothekengewinnabgabe". Von einem Darlehen über 10.000 Euro beispielsweise seien der Bank nur zehn Prozent geblieben. Schwarze: "Der Rest ging an den Staat." Die letzten zehn Jahre seines Berufslebens arbeitete Ewald Schwarze als Anlageberater in der Hauptstelle der Sparkasse Minden-Lübbecke in Lübbecke, bevor er 1976 mit 64 Jahren in den Ruhestand verabschiedet wurde. Danach fanden er und seine Frau mehr Zeit, ihrem Lieblings-Hobby nachzugehen - dem Wandern. Und auch dabei hat er natürlich wieder gerechnet und herausbekommen: "Die Erde, die haben wir zusammen mehrfach umrundet."

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