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Pr. Oldendorf Wenn sich die Falschen schämen

Sexuelle Gewalt: Ellen und Siegfried Rachut lesen heute in der Mediothek

VON SINA WOLLGRAMM
17.11.2014 | Stand 16.11.2014, 19:28 Uhr
Seit in einer Therapie ihre Erinnerungen an den sexuellen Missbrauch zurückgekehrt sind, setzt sich die Autorin mit dem Thema auseinander und hilft anderen. - © FOTO: SINA WOLLGRAMM
Seit in einer Therapie ihre Erinnerungen an den sexuellen Missbrauch zurückgekehrt sind, setzt sich die Autorin mit dem Thema auseinander und hilft anderen. | © FOTO: SINA WOLLGRAMM

Pr. Oldendorf. Sie schleichen sich in das Umfeld eines jungen Menschen, benutzen ein wehrloses Kind für ihren Machtgewinn durch sexuelle Befriedigung. Am Ende bleibt nur einer mit Schuld- und Schamgefühlen zurück: Das Opfer. Sexueller Missbrauch passiert häufiger als bekannt wird. Eine jahrelange Therapie, über die Ellen Rachut Tagebuch führte, hat ihr und ihrem Ehemann Siegfried geholfen, den Missbrauch zu verarbeiten, den sie als Kind und als Jugendliche erlitten hat. Nun möchte Ellen Rachut anderen Betroffenen helfen.

Heute Abend um 20 Uhr stellt Ellen Rachut ihr Buch "Durch dichte Dornen - Geschichte einer Therapie nach sexueller Gewalt" in der Mediothek in Lübbecke vor. Mit dabei ist auch ihr Therapeut, der für Fragen zur Verfügung stehen wird.

Ellen Rachut spricht offen über die sexuellen Übergriffe, die sie als kleines Kind und in der Pubertät erlebt hat. Der Weg in diese Offenheit war dabei alles andere als leicht. Geholfen haben ihr eine Therapie, das Führen eines Tagebuches und viele vertrauensvolle Gespräche mit Ehemann Siegfried.

Weil sie weiß, wie es in den Betroffenen aussieht und welche Fragen und Gedanken ein Mensch mit sich alleine auszumachen versucht, der ähnliches erlebt hat, ist Ellen Rachut noch einen Schritt weitergegangen. Einen mutigen Schritt. Sie möchte Betroffenen und deren Angehörigen zeigen, dass es Wege der Verarbeitung gibt und vor allem: Dass sie nicht alleine sind mit dem, was sie erlebt haben.

"Was liegt so schwer in mir? Ich will nicht daran denken, die Verletzung war zu groß. Aber immer wieder Ekel, Grauen, und ich kann es nicht verdauen. Irgendetwas fault zwar weiter in mir, aber schließlich bekomme ich diese seltsame Krankheit, die jedes Mal nur einen Tag anhält, in den Griff. Die Abstände werden immer größer. Irgendwann hört sie ganz auf. Ich habe zwar nichts verdaut, aber mein Körper hat ganz einfach alles faulen lassen. Er hat sich selbst gerettet - ich habe überlebt." So steht es in Ellen Rachuts Buch. Was Ellen Rachut in dieser Passage beschreibt, ist der Prozess des Verdrängens.

Aus der Psychologie ist bekannt, dass der Mensch besonders im Bereich der Traumata auf diese Verdrängung zurückgreift, wenn ein Ereignis nicht anders verarbeitet werden kann.

Mit Ellen Rachut ist genau das geschehen. Ihr Körper hat sie vor den eigenen Erinnerungen geschützt - jedoch nicht ohne Folgen. "Ich hatte ständig unerklärbare Kopfschmerzen", berichtet Rachut in ihrem Klavierzimmer sitzend. Hier hängen Bilder, die sie später, während ihrer Therapiephase malte. Sie drücken aus, was Rachut erlebt hat, besonders während der bewussten Auseinandersetzung mit dem, was ihr widerfahren ist.

"Mein Hausarzt scheint sich etwas gedacht zu haben. Er schickte mich zu einem anderen Arzt, und erst als ich dort war, fiel mir auf, dass es sich dabei um einen Therapeuten handelte", erklärt die 74-Jährige.

Im Laufe der Gespräche kamen die Erinnerungen zurück: Mit 13 Jahren verging sich der Musiklehrer an ihr. Er manipulierte Ellen Rachut so weit, dass geschah, was mit den meisten Missbrauchsopfern passiert: Sie geben sich die Schuld. Sie schämen sich. Schuld hat jedoch nur einer: Der Täter.

"Meine Frau hat sich lange schuldig gefühlt", bestätigt Siegfried Rachut. Er hat seine Frau begleitet, ihre Tagebucheinträge lesen dürfen und ihr sogar Briefe hineingeschrieben, wenn sie nicht mehr wusste, wie sie weiter machen sollte. "Mir hat das sehr geholfen", sagt Ellen Rachut dankbar.

Gemeinsam hat das Paar ein weiteres Buch geschrieben: "Folgen sexueller Gewalt" beleuchtet neben der Schuldfrage auch die Situation von Angehörigen und zeigt Möglichkeiten zur Hilfe auf.

Wenn flackernde Erinnerungen hochkommen, ist es nicht leicht, sich auf eine Therapie einzulassen. "Ich möchte den Betroffenen helfen und auch die Rolle des Therapeuten erklären", berichtet Ellen Rachut den Hintergrund zu der Lesung. Betroffene, Angehörige und Interessenten sind daher eingeladen, heute um 20 Uhr in die Mediothek zu kommen.

Bei der Veranstaltung handelt es sich um einen Teil der Reihe "Keine Gewalt an Frauen", organisiert von der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Lübbecke, Angelika Lüters-Wobker.

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