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Porta Westfalica Großbrand am Kraftwerk Veltheim: „Da stehst du mit Frust davor“

Thomas Lieske
11.07.2019 | Stand 11.07.2019, 22:12 Uhr
Dirk Haunhorst

Porta Westfalica-Veltheim. Der Mann vom Sicherheitsdienst steht vor dem Verwaltungsgebäude des Kraftwerks und wirkt nervös. „Die Geschäftsleitung ist in einer Besprechung und hat keine Zeit. Es gibt hier keine Informationen", sagt er und signalisiert, dass der Besucher am besten gleich wieder verschwinde. Nebenan auf dem Parkplatz steht Michael Horst und strahlt eine Bärenruhe aus. Er hat nur wenige Stunden Schlaf gehabt. Kurz nach vier Uhr schickte er den Medien seinen Bericht zu. Jetzt ist es 10.45 Uhr und Horst schildert in gesetzten Worten einem RTL-Reporter das Drama vom Mittwochabend, als die Rauchgasentschwefelungsanlage bei Rückbauarbeiten in Brand geriet und ein Teil des Gebäudes später einstürzte. Die Wehr konnte nur zusehen Der Feuerwehr blieb wegen der akuten Gefährdung für Leib und Leben nur übrig, das Unvermeidliche geschehen zu lassen. Mehr als hundert Einsatzkräfte rückten am Dienstagabend aus, gut gerüstet mit schwerem Gerät und konnte doch nichts machen. „Da stehst du mit Frust davor", sagt Horst. Es brennt, die Feuerwehr kommt und kann nicht löschen. Das hat der langjährige Pressesprecher so noch nicht erlebt. Im Gespräch mit dem Mindener Tageblatt spricht Horst von „einem der größten Brände" seit dem Feuer bei Tönsmeier 2011 und dem Brand des Kaiserhofes. „Die Flammenwalze, die aus dem Turm kam, war schon beeindruckend", schildert der Feuerwehrmann und Sprecher seine Erlebnisse des Vorabends. Die Trümmerteile rauchen tags darauf noch immer. Daneben ragt die verbrannte Turmruine empor. Der Haupttrakt der Rauchgasentschwefelung gilt als einsturzgefährdet, das verbietet Nachlöscharbeiten etwa mithilfe der Drehleiter, die wegen des riesigen Schutthaufen auch gar nicht genug Platz hätte. Weiträumig abgesperrt Aus großer Entfernung sind mehrere Menschen in gelben Warnwesten zu sehen, die den Brandort inspizieren. Auch Statiker sollen dabei sein, die die Standsicherheit des Gebäudekörpers einschätzen. Die Sicherheitskräfte haben das Kraftwerk weiträumig abgesperrt, auch die Straße Herrenwiesen ist davon betroffen. Dort liegt das Umspannwerk Veltheim. Ein Mitarbeiter schaut zur Brandruine herüber, inzwischen ist sein Blick etwas entspannter. Gestern Abend habe er noch befürchtet, dass es eine Kettenreaktion geben könnte: Der brennende Gebäudekörper fällt auf einen Schornstein und der kippt auf die Hochspannungsleitung. Diese sei deshalb vorsichtshalber freigeschaltet worden. Am Dienstagabend spekulierten einige Beobachter munter drauflos, ob der dem Brandherd nächstgelegene Schornstein gefährdet sei. „Die Perspektive hat hier viele getäuscht", meint Horst, Der Schornstein sei weit genug entfernt. Brandursache noch völlig unklar Über die Brandursache und die rasche Ausbreitung der Flammen kann auch der Feuerwehrmann vorerst nur spekulieren. Ein große Rolle spiele dabei möglicherweise der „aggressive Kleber", mit dem eine Gummischicht im Innern des Turms befestigt werde. Bereits früher sei bei Revisionsarbeiten in der Rauchgasentschwefelungsanlage wegen der Feuergefahr immer besondere Vorsicht geboten gewesen. Wie gefährlich dieser Bereich ist, zeigt ein schlimmer Unfall im Jahr 1995: Am 23. Februar kam es in der Rauchgasentschwefelungsanlage zu einer Verpuffung. Ein 45-jähriger Mann aus Hameln kam dabei ums Leben, zwei weitere Arbeiter erlitten schwere Verletzungen. Sie gehörten nicht zur Stammbelegschaft, sondern waren für eine Fremdfirma in Niedersachsen tätig. Luftmessung ergibt keine Belastung Beim spektakulären Großbrand am Mittwoch waren zum Glück keine Opfer zu beklagen. Auch die dicke Rauchwolke, die anfangs gen Süden zog und später östlich in Richtung Veltheim und Eisbergen, sah offenbar gefährlicher aus, als sie tatsächlich war. Das brennende Gummi war offenbar Auslöser der tiefschwarzen Wolke, die hunderte Meter in den Himmel stieg. „Mehrere Male fuhren die Messwagen der Feuerwehr durch die Ortsteile. Zuletzt auch, als der Trümmerhaufen bei Dunkelheit wieder aufflammte und erneut eine große Rauchsäule verursachte." Auf einer Karte habe die Feuerwehr die Zugbahnen der enormen Rauchsäule festgehalten. Nach dieser Karte haben die Messwagen aus Paderborn und Porta dann die Umgebung erkundet. Die Luftmessungen hätten aber keine erhöhten Schadstoffwerte ergeben, berichtet Michael Horst. „Eine Gefahr für die Gesundheit bestand in den Ortsteilen nicht. Nur wer sich direkt in die Rauchsäule gestellt hätte, wäre betroffen gewesen." Gegen 9.30 Uhr am Donnerstag rückte der letzte Einsatzwagen der Feuerwehr dann ab. „Da haben wir die Einsatzstelle an das Ordnungsamt und den Eigentümer übergeben", berichtet Horst. Zuvor arbeitete die Feuerwehr im Schichtsystem: „Die erste Ablösung für die Wehrkräfte am gegen 2 Uhr. Um 8 Uhr haben wir dann noch einmal ausgetauscht", erklärt der Feuerwehrsprecher. Zahlreiche Schaulustige Zahlreiche Schaulustige haben das Feuer beobachtet, Videos gedreht, Fotos gemacht und verschickt. Einer, der von Anfang an – allerdings unfreiwillig – dabei war, ist Daniel Kapteina. Als der Brand gegen 18 Uhr ausbrach, war er gerade im Hafen, der nur rund 200 Meter vom Kraftwerk entfernt liegt. „Meine Frau machte mich auf die plötzlich aufsteigende Rauchsäule aufmerksam", erinnert sich Kapteina, der im Hafen ein Boot liegen hat, an den Moment. „Sie lief hoch und sah, dass es vom Kraftwerk kam. Ich habe dann den Notruf gewählt und bin in der Leitstelle in Herford gelandet", sagt Kapteina. Parallel riefen offenbar weitere Menschen an. Die schwarze Rauchsäule soll über Dutzende Kilometer sichtbar gewesen sein. „Das war eine komische Atmosphäre. Gott sei Dank wussten wir, dass das Kraftwerk stillgelegt war." Die Zeit, bis die ersten Feuerwehrwagen eintrafen, sei ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen. Dann sei alles Schlag auf Schlag gegangen. Etwas Sorge hätten er und die anderen Leute im Hafen um das Naturschutzgebiet gehabt, in dem auch der Hafen liege. „Bei dem Rauch haben wir gleich an möglicherweise kontaminiertes Löschwasser gedacht, das hier versickern könnte", erzählt Kapteina. „Und dann haben wir an das Festival Umsonst&Draußen gedacht, das hier in drei Wochen stattfinden soll." Tatsächlich: Vom 2. bis 4. August ist das Festival, das jährlich Zehntausende Besucher anzieht, geplant. In sozialen Netzwerken kursieren bereits etliche Gerüchte, dass die Veranstaltung abgesagt sei. Dem tritt Philipp Spitzok entschieden entgegen: „Wir haben nichts abgesagt." Das Festival finde ohnehin nicht auf dem Werksgelände, sondern hinter dem Bahndamm statt. Er habe bisher nicht gehört, dass das Festival aufgrund des Brandes nicht möglich sei. „Wir hoffen natürlich, dass wir das auch wie geplant stattfinden lassen können." Einziger Sorgenpunkt sei aus seiner Sicht die Bahndammbühne. „Das ist der Punkt, der am dichtesten am Kraftwerk liegt." Die Aufbauarbeiten sollen erst in zwei Wochen beginnen.

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