Petershagen TV-Richterin Salesch lebt in OWL

Juristin arbeitet jetzt als Künstlerin

Petershagen. Eigentlich kennt sie jeder aus dem Fernsehen. Zwölf Jahre lang hat Barbara Salesch (63) in einer nach ihr benannten Sendung als Richterin fiktive Fälle aus dem Strafrecht präsentiert und so die Vorstellung vieler Menschen über die Abläufe in der Justiz geprägt. Ausgerechnet in einem abgelegenen Winkel von Ostwestfalen-Lippe will sie nun ihr "drittes Leben" beginnen und es der Kunst widmen. Von Hubertus Gärtner In Petershagen sind es nur noch wenige Kilometer bis zur niedersächsischen Landesgrenze. Verstreut liegen die mit roten Ziegeln gedeckten Häuser. Fast könnte man den Eindruck haben, als sei in den kleinen Ortschaften hier das Leben schon zum Erliegen gekommen. Doch ganz so ist es nicht. Vor einem wunderbar restaurierten alten Bauernhof mit grün gestrichenen Fensterrahmen stehen junge Johannisbeersträucher. Sie wurden von Barbara Salesch frisch angepflanzt. Als Salesch die Tür öffnet, ist es fast wie immer: der feuerrote wilde Wuschelkopf, die hellwachen dunklen Augen und das freundliche, lebensfrohe Lächeln. Nur die Richterrobe fehlt irgendwie. Dafür trägt Salesch jetzt einen riesigen Schal und ein schwarzes, kaftanähnliches Gewand.Neues Buch "Erst mal ankommen", sind ihre ersten Worte, dann bittet sie den Besuch herein. Sofort fällt der Blick auf viele großformatige, farbkräftige Bilder, die an den Wänden hängen, auf allerlei Werkzeug und auf die schweren Eichenbalken in der Diele. In der Küche hängen noch zahlreiche dicke Weihnachtskugeln. "Mein Heim, mein Glück", steht dort auch auf einer alten Stickerei. Salesch bringt Kaffee, holt etwas Süßes. Dann kommt ihre Rede ohne große Umschweife auf ihr neues Buch. Anfang März soll es zur Leipziger Buchmesse im Fischer-Verlag erscheinen. "Ich liebe die Anfänge! Von der Lust auf Veränderung" lautet der Titel. Der Verlag habe jemanden gesucht, "der das Wechseln glaubwürdig darlegen kann", sagt Salesch, und man spürt unweigerlich, dass sie "selbstbewusst aufgewachsen" und deshalb bis heute von sich durchaus überzeugt ist. Ihre Kindheit hat Salesch in der badischen Kleinstadt Ettlingen verbracht. Ihre Eltern besaßen eine Firma für Spezialbaustoffe. Die vier Jahre jüngere Schwester und sie seien "wohlbehütet und leistungsorientiert" erzogen worden, vor allem vom Vater habe sie sehr viel Unterstützung bei ihren Berufsplänen erfahren. Salesch studierte Jura. Zunächst zwei Semester in Freiburg. Dann wollte sie "unbedingt in eine Großstadt" und zog nach Hamburg. "Die süddeutsche Gemütlichkeit und Lebensfreude musste man dort schwer verteidigen", erzählt Salesch. Es habe lange gedauert, bis sie in der Elbmetropole "so richtig Fuß gefasst" habe. Dann aber begann die Karriere. Salesch wurde in Hamburg Richterin, Staatsanwältin und Abteilungsleiterin im Justizministerium. Als Richterin müsse man "mit den Leuten ins Gespräch kommen", lautete immer ihr Credo, deshalb dauerten ihre Verhandlungen "häufig doppelt so lange wie bei den Kollegen".Interesse an der Justiz bei jungen Leuten Als Salesch 1999 von der Hamburger Gerichtspräsidentin gefragt wurde, ob sie sich nicht auf die Stelle einer Fernsehrichterin bewerben wolle, sagte sie spontan zu. Die Sendung "Richterin Barbara Salesch" wurde ein Renner. Bisweilen von Fachkollegen geäußerte Kritik, wonach sie zu viel Klamauk enthalte und den wahren Alltag der Justiz "verfremde", hält Salesch bis heute entgegen, man dürfe "gut gemachte Unterhaltung nicht mit den wahren Abläufen in der Justiz verwechseln". Auch in ihrer Sendung sei sie "eine absolut seriöse Richterin" und sich also "immer treu" geblieben. Durch die regelmäßige Fernsehshow, die sie erst Anfang 2012 aus eigenem Entschluss beendet hat, sei das Interesse an der Justiz auch bei jungen Leuten "deutlich gestiegen". Als Fernsehrichterin lebte Salesch fünf Jahre in Köln, dann mietete sie eine Wohnung in der Eifel als Rückzugsort. Schon während ihrer Zeit in Hamburg besaß sie ein Atelier. Fast von Kindesbeinen an war Salesch künstlerisch tätig. Früher war die Bildhauerei ihr Faible, seit einigen Jahren sind es der Holzschnitt und die Ölmalerei. "Ich liebe klare Kontraste und kann Farben fressen", sagt Salesch und lacht. In ihrem "dritten Leben", das nun begonnen habe, ist sie "freiberufliche Künstlerin". Sie schaffe "hochwertige Arbeiten" und "keine Bastelnummern", sagt Salesch, die nebenbei auch an der privaten Kunstakademie in Bad Reichenhall studiert. Ihr neues Domizil, dessen exakte Lage Salesch nicht für die Öffentlichkeit preisgeben möchte, habe sie im Januar 2012 im Internet nach ein paar Klicks entdeckt, und schon wenige Tage später habe sie den Kaufvertrag unterschrieben. Die Zeit der Renovierung war hart. Salesch schlief "auf Schafsfellen in der ehemaligen Milchkammer". Nun aber ist alles wunderbar hergerichtet. "Die Leute hier sind sehr hilfsbereit, die Nachbarschaft ist sensationell", sagt Salesch, die "selbstverständlich" auch schon das Schützenfest besucht hat. "Hier wird gut gefeiert, das finde ich herrlich." Salesch lebt seit 30 Jahren allein. "Unabhängigkeit ist mir wichtig. Ich brauche meine Ruhe und lese viel. Ich habe meine Autonomie und muss nichts abstimmen", sagt die Ex-Fernsehrichterin. Unterstützung erfahre sie von vielen Freunden. Eine der liebsten unter ihnen sei ihr die inzwischen pensionierte Bielefelder Oberstaatsanwältin Ruth Dringenberg. "Ich tanze auf vielen Hochzeiten", sagt Salesch. Bei ihr klingt es tatsächlich so, als fange alles erst an.

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