Rund vier Stunden dauerte der Polizeieinsatz in Todtenhausen. Symbolfoto: dpa - © Friso Gentsch
Rund vier Stunden dauerte der Polizeieinsatz in Todtenhausen. Symbolfoto: dpa | © Friso Gentsch

Minden SEK überwältigt 57-jährigen Straftäter in Minden

Dorothee Meinhardt
Nina Könemann

Minden-Todtenhausen. Bis zum Anschlag bewaffnet sind die Kräfte des Spezialeinsatzkommandos, die durch die Todtenhauser Siedlung zurück zu ihren Autos gehen. Etwa vier Stunden lang haben sie versucht, einen 57-Jährigen in seiner Wohnung im Dorfgemeinschaftshaus zur Vernunft zu bringen. Am Ende greifen sie zu und überwältigen ihn. Die Feuerwehr holt den Mann mit Hilfe einer Drehleiter durchs Fenster aus dem Haus. Er wird anschließend mit einem Krankenwagen abtransportiert. „Kurz vor dem Zugriff hat er sich mit einem Messer am Hals selbst verletzt", berichtet Polizeisprecher Ralf Steinmeyer. Weitere Personen seien nicht verletzt worden. Die Ermittler gehen mittlerweile davon aus, dass der Mann weder jemanden ermordet hat noch das Haus anzünden wollte. Um 10.20 Uhr hatte er sich telefonisch bei der Polizeileitstelle gemeldet und genau das behauptet. Der 57-Jährige ist der Polizei bereits als Gewalttäter bekannt Es folgte ein stundenlanger Großeinsatz mit Spezialeinsatzkommando und Verhandlungsführern aus Bielefeld, Feuerwehr, Notarzt und gesperrten Straßen. „Wir haben keine Hinweise gefunden, die seine Behauptungen stützen", so Steinmeyer. Eine Leiche gebe es nach bisherigen Erkenntnissen nicht. Bei dem 57-Jährigen handelt es sich laut Auskunft der Ermittler um einen als gewalttätig polizeibekannten Mann, der bereits mehrere Jahre inhaftiert war. Seit Juni soll er in der Wohnung im ersten Obergeschoss des Dorfgemeinschaftshauses gelebt haben. Die 76 Quadratmeter werden von der Vereinsgemeinschaft Todtenhausen vermietet und standen bis zu diesem Zeitpunkt leer. Der Rest des Hauses wird ausschließlich für Veranstaltungen und Vereinstreffen genutzt. Der Schützenverein hat im Keller seine Schießanlage. Von seinem Arbeitgeber wird er als korrekter und hochintelligenter Mann bezeichnet Vermittler der Wohnung war Karsten Eichner von der Baumpflege Minden OHG, für den der 57-Jährige seit Ende letzten Jahres arbeitete. Er berichtet, dass sein Mitarbeiter zunächst noch in Heimsen gewohnt habe und immer habe anreisen müssen, er bot ihm daher die Wohnung im Dorf an. Eichner kennt die Gefängnis-Vorgeschichte des 57-Jährigen, erlebte ihn aber nach eigener Aussage als korrekten und hochintelligenten Mann. „Er hat mich bestimmt 200 Mal im Schach geschlagen", sagt er und behauptet auch, sein Freund habe nicht aufgrund eines Gewaltdelikts, sondern wegen anderer Dinge im Gefängnis gesessen. „Er hat niemandem etwas getan. Ich würde das eher Wirtschaftskriminalität nennen." Die Polizei bestätigte das gestern auf Nachfrage nicht. Zuletzt gesehen hat Eichner den 57-Jährigen am Mittwochabend. „Ich wollte ihn überzeugen, am nächsten Tag zur Arbeit zu kommen", sagt er. Immer wieder habe es Streit unter den Mitarbeitern der Baumschule gegeben, weil der 57-jährige Osteuropäer nicht teamfähig gewesen sei. „Er hat einen super Job gemacht, aber mit anderen konnte er nicht so gut. Manchmal ist er dann zwei Wochen nicht gekommen." Eichner hielt trotzdem an ihm fest. Hat der Mann psyschiche Probleme? Bis gestern morgen dachte Eichner noch, er habe den Mann wieder eingefangen. „Ich hatte ein gutes Gefühl. Aber letztlich kam er mit seiner Freiheit einfach nicht klar", schildert er seine Einschätzung. Immer wieder habe er Probleme im Alltag gehabt. Auch von Mitgliedern der Vereinsgemeinschaft hieß es gestern, das Geld für die Wohnung sei stets vom Arbeitgeber überwiesen worden statt vom Mieter selbst. „Ich glaube, er wollte einfach zurück ins Gefängnis und hat einen Weg gesucht", sagt Karsten Eichner. Die Polizei hatte gestern Abend noch keine Hinweise auf ein mögliches Tatmotiv. Womöglich habe der Mann psychische Probleme, hieß es. Auch Eichner bestätigt, dass sein Freund sich bereits einmal freiwillig in die Psychiatrie in Lübbecke eingewiesen hatte. Dort holte er ihn nach zwei Wochen jedoch wieder ab, weil er sich selbst entlassen hatte. „Er hatte das Gefühl, sie helfen ihm da nicht." Der 57-Jährige soll gebürtig aus Osteuropa kommen und länger in Bayern gelebt haben, wo er auch noch Angehörige hat. Über seinen Lebenslauf ist sonst nicht viel bekannt. Anwohnern im Ort war er bisher nicht unangenehm aufgefallen, nur manchmal habe er sehr laut Musik gehört.

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