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Übermäßige oder falsche Mediennutzung kann sich bei Kindern auch auf das Schlafverhalten auswirken. - © picture alliance / Hans Wiedl/dpa-Zentralbild/ZB
Übermäßige oder falsche Mediennutzung kann sich bei Kindern auch auf das Schlafverhalten auswirken. | © picture alliance / Hans Wiedl/dpa-Zentralbild/ZB

Minden Daddeln bis der Arzt kommt: Experten warnen vor übermäßiger Mediennutzung bei Kindern

Immer mehr Kinder kommen mit Entwicklungsauffälligkeiten ins sozialpädiatrische Zentrum in Minden

Nicole Sielermann
18.04.2017 | Stand 17.04.2017, 18:44 Uhr

Minden. Der jüngste Betroffene war gerade einmal sechs Monate alt und schon ein Profi am Smartphone. Und er ist kein Einzelfall. Immer früher beginnt bei Kindern die Mediennutzung. „Wir stellen das auch daran fest, dass Kleinkinder über die Bilderbuchseiten wischen", sagt Armin Pampel. Er ist ärztlicher Leiter des sozialpädiatrischen Zentrums am Johannes-Wesling-Klinikum in Minden. Die Folge bei den Kindern: kognitive Störungen, Unruhe, Unausgeglichenheit und eine schlechtere emotionale Regulierung. „Der Medienkonsum ist mittlerweile eine Standardfrage, wenn entwicklungsverzögerte Kinder zu uns kommen", erklärt Pampel. Oftmals führe ein Fernsehverzicht zu einem enormen Entwicklungsschritt. Medien gehören zum Alltag dazu. Selbst in der Grundschule wird schon am Computer gearbeitet. Seit etwa 2005 beobachtet der Diplom-Pädagoge Eberhard Freitag eine wachsende Abhängigkeit bei Kindern und Jugendlichen. 2008 gründete er deshalb in Hannover die Fachstelle Mediensucht „return", die Beratung und Hilfe beim Ausstieg aus der Sucht bietet. Mediennutzung an Reifegrad des Kindes anpassen „Vielfach wird die Dramatik nicht wahrgenommen", sagt Freitag. „Eltern fällt es immer schwerer, zwischen schulischer und privater Nutzung zu unterscheiden." Er selbst sieht Handy- und Smartphonenutzung im Grundschulalter kritisch. „Das sind kleine PCs. Die können alles. Und alle Inhalte. Auch Jugendgefährdende." Deshalb sollte, so Freitags Meinung, Jugendliche frühestens mit 13, 14 Jahren ein Smartphone bekommen. Eltern müssten die Nutzung an den Reifegrad des Kindes anpassen. „Schauen Sie, wo Ihr Kind steht, und geben Sie ihm das Gerät zur Probe." Man könne die Reife nicht beschleunigen." Kinder im Vorschulalter zu einem kritischen Umgang mit den eigenen Daten im Netz erziehen zu wollen, ist eine Illusion." Außerdem sollten Eltern die Geräte einstellen, das Internet nicht freischalten und bestimmte Apps sperren. „Wenn Kinder trotzdem nicht verantwortlich damit umgehen, müssen Eltern eventuell die Verfügbarkeit zurückdrehen", rät Freitag. Er weiß, dass viele Mütter und Väter diese Gespräche und die potenziellen Konflikte scheuen. „Natürlich ist das anstrengend, aber es braucht Offenheit in der Kommunikation mit Kindern. Keine Lügen, kein heimliches Kontrollieren." Stattdessen müssten Eltern ihre Entscheidungen transparent machen und begründen. „Geben Sie Ihren Kindern nicht sofort die ganze Freiheit im Internet, öffnen Sie das Netz nur stückchenweise", rät er. "Abendliches Fernsehen beeinflusst den Schlaf" Im sozialpädiatrischem Zentrum in Minden wird Tag für Tag deutlich, welche Folgen exzessiver Medienkonsum auf Kinder hat. „Das abendliche Fernsehen beeinflusst das Schlafverhalten", betont Pampel. „Und wenn nur Biene Maja von der Blüte fällt." Selbst das könne bei kleinen Kindern Einfluss auf Traum- und Schlafverhalten haben. „Kinder haben keine Distanz zu den Bildern, die sie sehen. Sie müssen sie sehen", erklärt Pampel. „Beim Vorlesen dagegen können sie sich selber vorstellen, wie die Hexe aussieht oder sie auch ausblenden." Das Fernsehen sei ein Diktator. „Auch Jugendliche, die daddeln, schlafen weniger", weiß der Fachmann. Sein Rat: „Im Kindergartenalter so wenig wie möglich am und vorm Bildschirm verbringen. Auch das Sandmännchen ist schon zu spät für die Kinder". "Computerspiele werden entwickelt, um Kinder süchtig zu machen" Wenn die schulischen Leistungen sinken, sich der Tag-Nacht-Rhythmus verschiebt, sämtliche Freizeitaktivitäten verdrängt werden – dann wird es Zeit zu handeln. „Die Belohnungswirkung von PC-Spielen ist so intensiv – da kann der Rest nicht bestehen", weiß Freitag. Das führe zu einer Lustlosigkeit an Angeboten, die sonst Spaß gemacht hätten. Das Problem der Elterngeneration: „Immer mehr Eltern nutzen das Internet genauso wie ihre Kinder", betont Freitag. Deshalb sollten Eltern zuerst reflektieren, wie sie selbst mit den Medien umgehen, wie ihre Maßstäbe aussehen. „Kinder schauen sich ihr Verhalten bei den Eltern ab." Letzteren müsse klar sein, dass hinter der Verknüpfung Bildung und PC wirtschaftliche Interessen ständen. „Computerspiele werden entwickelt, um Jugendliche süchtig zu machen. Punkt." Eltern müssten ihrem Kind Entfaltungsmöglichkeiten in der realen Welt bieten: „Kinder wollen an Grenzen kommen, sich beweisen können, echte Helden sein, auch mal scheitern dürfen. Wenn sie das in der realen Welt tun können, sind sie weniger anfällig für virtuelle Missionen". Natürlich sei bei Jugendlichen der PC ein Teil der Freizeitgestaltung. „Aber es muss im Rahmen bleiben." Vor allem Jungs erlägen der Faszination der PC-Spiele, Mädchen hätten ein Faible für soziale Netzwerke. „Die Jungs haben es eh schwerer in Schule und Ausbildung – wir können es uns nicht leisten, hier einen weiteren Teil zu verlieren."

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