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Eine Chance als neuer Schiedsrichter des SV Schnathorst bekommt der 20-jährige David (vorn im Bild). Trikots bekommt er von Hans-Jürgen Bremenkamp, Ralf Noltemeyer, Friedrich Waldmann und Rainer Kütemann (v.l.n.r.) Daniel Öpping (Mitte) schenkt dem Neuen im Team im Namen der Schiedsrichtervereinigung Lübbecke die erste Schiedsrichterausrüstung. - © FOTO: ANJA SCHWEPPE
Eine Chance als neuer Schiedsrichter des SV Schnathorst bekommt der 20-jährige David (vorn im Bild). Trikots bekommt er von Hans-Jürgen Bremenkamp, Ralf Noltemeyer, Friedrich Waldmann und Rainer Kütemann (v.l.n.r.) Daniel Öpping (Mitte) schenkt dem Neuen im Team im Namen der Schiedsrichtervereinigung Lübbecke die erste Schiedsrichterausrüstung. | © FOTO: ANJA SCHWEPPE

HÜLLHORST-SCHNATHORST/HERFORD Gute Karten für ein neues Leben

Junger Strafgefangener wird als Schiedsrichter des SV Schnathorst eingesetzt / "Wichtiges Projekt"

VON ANJA SCHWEPPE
30.08.2012 | Stand 29.08.2012, 20:54 Uhr

Hüllhorst-Schnathorst/Herford. Dass sich der Einsatz für soziale Projekte lohne, hätte auch das Projekt "Container Kids" in Schnathorst gezeigt, erzählt Rainer Kütemann vom SV Schnathorst. Zusammen mit Daniel Öpping von der Schiedsrichtervereinigung Lübbecke und Ralf Noltemeyer, Vizepräsident der Handwerkskammer OWL, trafen sie in der JVA Herford auf ihren neuen Schiedsrichter David.

Der 20-Jährige ist der erste Inhaftierte, der hier im Kreis als jugendlicher Strafgefangener für den SV Schnathorst in naher Zukunft Fußballspiele pfeifen darf. Möglich wurde dieses Projekt durch die Sepp-Herberger-Stiftung, die das Projekt "Anstoß für ein neues Leben" 2008 ins Leben gerufen hat.

Information

Olli Kahn als Pate

Erstes Pilotprojekt im Rahmen der Sepp-Herberger-Stiftung war 2008 in Iserlohn, um den jungen Inhaftierten eine Perspektive für die Arbeitswelt nach der Entlassung zu geben. ´Inzwischen wird das Projekt in 14 Jugendstrafanstalten in fünf Bundesländern angeboten, an dem zurzeit rund 150 Strafgefangene teilnehmen.

Zunächst wurde das Projekt versuchsweise in NRW gestartet, an dem alle Jugendanstalten teilgenommen haben; einschließlich der Fußball spielenden jungen Mädchen in der JVA Köln.

In der JVA Herford haben dieses modulare Fortbildungs-Angebot bereits 50 Strafgefangene absolviert. Pro Gruppe durchlaufen rund 14 junge Inhaftierte diese Ausbildung.

Pate der Sepp-Herberger-Stiftung ist Oliver Kahn, ehemaliger Nationalspieler und Ex-Torwart des FC Bayern München. Er betreut dieses Projekt auch in Herford und hilft auch durch seine eigene Stiftung, straffällig gewordene Jugendliche wieder auf den richtigen Weg zu bringen.

Der SV Schnathorst und die Schiedsrichtervereinigung Lübbecke haben sich dazu bereit erklärt, diesen Strafgefangenen die Möglichkeit zu geben, während ihrer Inhaftierung Spiele zu leiten.

Hier gibt es weitere Informationen: www.sepp-herberger.de/Resozialisierung(schw)

Vor gut drei Jahren hat Noltemeyer den SV Schnathorst über dieses Projekt informiert und dann "haben wir im Vorstand beschlossen, uns zu beteiligen." Im Mai 2011 fand der erste Besprechungstermin mit der JVA statt und jetzt kann dieses Projekt erstmalig realisiert werden. "Es gab schon mal jemanden, der für uns als Schiedsrichter hätte pfeifen können, aber als es soweit war, konnte er zum Glück vorher entlassen werden", erzählt Kütemann den Werdegang. Und jetzt ist es der 20-jährige David, der sich in der JVA Herford als Schiedsrichter hat ausbilden lassen und hier in der Region pfeifen darf.

Seit einem Jahr und 10 Monaten ist der fußballbegeisterte David in der JVA und wird in rund acht Monaten mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung zum Tischler entlassen. Auf dieses Projekt haben ihn andere Gefangene aufmerksam gemacht, erzählt der Auszubildende. Aber es geht mehr als nur ums Fußballspielen: "Mit im Boot sind viele Projektpartner", erzählt Noltemeyer, der sich auch ehrenamtlich seit 2009 hier engagiert: "Wir führen Gespräche, vermitteln Praktika, Lehrstellen und sogar feste Arbeitsplätze."

Die Mitarbeiter der Handwerkskammer, die für die JVA zuständig sind, schauen im Vorfeld, welcher Bereich für die Jungs passen könnte. Zu den Berufen gehören die Ausbildungszweige Tischler, Maler, Maurer, Metallbauer, aber auch Sozialkompetenz- und Bewerbungstrainings, die von anderen Einrichtungen mit angeboten werden, wie die IKK-classic sowie andere namhafte Handwerksbetriebe."

"Es geht hier ja nicht nur um die berufliche Perspektive für die Zukunft", hebt JVA-Leiter Friedrich Waldmann hervor, "wir versuchen über den Freizeitbereich unsere jungen Gefangenen für den Zeitpunkt der Entlassung vorzubereiten". Besonders die sozialen Kompetenzen könnten hier "extensiv erlernt werden", so Waldmann weiter und betont, "dass wir dieses Projekt nicht einfach machen, sondern auch ernsthaft leben."

Allerdings müsse von den Jungs auch was kommen: Voraussetzung ist, eine Berufsausbildung anzufangen, bereit zu sein, in einem Team zu arbeiten, sich in einer Mannschaft einzufinden und alle Maßnahmen auch ernsthaft zu durchlaufen, um dann auch die Schiedsrichterausbildung machen zu dürfen.

Spiele gibt es derzeit auch aktuell in der JVA. So fänden gerade die Betriebsmeisterschaften statt, bei denen die jungen Inhaftierten gegeneinander antreten. Hier konnte David bereits seine ersten Erfahrungen als neuer Schiri sammeln. "Das ist wichtig", erzählen Waldmann und Bremenkamp, denn "dadurch lernen sie, sich mit ihrem Betrieb zu identifizieren".

Hans-Jürgen Bremenkamp wünscht sich für David in erster Linie eine berufliche Perspektive. "Schön, wenn er auch in einem Verein nach der Haft Fuß fassen könnte - am liebsten hier in der Gegend, damit man auch nachher mal was von ihm hört."

Und was wünscht sich David selbst? "Auf jeden Fall einen Arbeitsplatz als Tischler, dass ich eine Familie gründen und mein Leben vernünftig leben kann." Einen Tipp für die Jugendlichen draußen hat er auch: "Den Jüngeren empfehle ich, unbedingt ihre Schule zu Ende zu machen und dann eine vernünftige Berufsausbildung. Das ist das Wichtigste." Und den Älteren rät er, "ruhig zu bleiben und sich um eine Arbeit zu kümmern."

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