1987 standen Punker aus ganz Deutschland Schlange, um Freibier zu bekommen. Die Pappbecher reichten ihnen jedoch nicht, sogar Eimer wurden befüllt. - © FOTOS: ARCHIV
1987 standen Punker aus ganz Deutschland Schlange, um Freibier zu bekommen. Die Pappbecher reichten ihnen jedoch nicht, sogar Eimer wurden befüllt. | © FOTOS: ARCHIV

LÜBBECKE Als das Bier in Eimern serviert wurde

"Du lebst schon lange in Lübbecke, wenn ...": du dich an das Bierbrunnenfest 1987 erinnerst

VON JESSICA KLEINEHELFTEWES

Lübbecke. "Nun ist aber ziemlich sicher, dass nie wieder Freibier aus dem Bierbrunnen fließt", titelte die Neue Westfälische 1993. Grund für das Beinahe-Aus des beliebten Festes: Ein Ereignis, das vor 25 Jahren seinen Lauf nahm. Im August 1987 gehörten Punks und Polizei während des 34. Bierbrunnenfestes zum ersten Mal zum Stadtbild – Chaos-Tage in Lübbecke.

Eingeladen hatte sich die Szene selbst – per Flyer wurden die Punks aus ganz Deutschland über das Bierbrunnenfest und das dort ausgeschenkte Freibier informiert. Etwa 100 kamen daraufhin in die Stadt.
"Ich erinnere mich genau an die Punker", sagt der gebürtige Lübbecker Kurt Mansfeld, der seit 25 Jahren mit dem Kaltblutgespann den Bierkönig Gambrinus sicher zum Fest chauffiert. "Sie belagerten die ganze Stadt." Die Besucher seien angebettelt und angepöbelt worden.
Das Auftauchen der ungewöhnlichen Gäste sei von den Besuchern und Einwohnern ganz unterschiedlich aufgenommen worden, erinnert sich Polizeisprecher Burghardt Lübker, der damals selbst in Lübbecke im Einsatz war.
"Im Zuge der Deeskalationspolitik wurden Kommunikationstrupps losgeschickt, die Konflikte zwischen den Beteiligten lösen sollten", erzählt Lübker. Eine Maßnahme, die für die Polizisten ganz neu war. "Das war eine Herausforderung, für die wir extra geschult wurden."
Im Vorfeld war die Anspannung vor allem bei den Geschäftsleuten groß. "Lübbecker Geschäfte wollen über Nacht das Licht brennen lassen, damit es in der Stadt nicht dunkel wird", schrieb die Neue Westfälische eine Woche vor dem Fest. Jennifer Syme erinnert sich in der NW-Facebook-Gruppe "Du lebst schon lange in Lübbecke, wenn...": "Und dann als die Punks kamen, wurden Türen und Fenster verrammelt."

Am Ende des Wochenendes stand fest: "Es war so ruhig wie selten." Das sagte am Tag nach dem Bierbrunnenfest der DRK-Einsatzleiter Ernst Labitzke. Auch der damalige Polizeidirektor Fritz Todte zeigte sich zufrieden: "Das Publikum war noch friedfertiger als im Vorjahr." Dass einige Bürger "ihre Kinder aus der Stadt gebracht oder einen Kurzurlaub angetreten hatten", konnte Todte nicht nachvollziehen. Rückblickend fand auch Andrea Becker den ungebetenen Besuch nicht so schlimm: "Die Punks waren nett und haben keinem was getan", schreibt sie im Internet. Diese Meinung wurde schon damals geteilt. "So sieht man die doch mal aus der Nähe", befand eine Besucherin.

Die Chaos-Tage 1987 sollten jedoch nicht die Letzten bleiben. "Für Aufsehen sorgten auch in diesem Jahr wieder die Punker, die sich schon am Freitag zum – wie sie es nannten – Probesaufen trafen", titelte die Neue Westfälische im August 1988.

Zwar verlief auch dieses Fest weitestgehend friedlich, der Leiter der Schutzpolizei Reinhard Stellke kritisierte im Nachhinein jedoch die "unsinnige Spendenfreudigkeit" der Lübbecker. "Dieses Verhalten begünstige nicht das Fernbleiben der Punker", wurde Stellke zitiert. Daran erinnert sich auch Christine Pösch noch. "Die waren doch immer cool drauf, es wurden nur irgendwann zu viele."

Ihren traurigen Höhepunkt fanden die Lübbecker Chaos-Tage schließlich 1990. "37. Bierbrunnenfest um 16:07 Uhr abgebrochen", lautete die Schlagzeile am 13. August.

Sogar ein Sonderkommando der Polizei aus Düsseldorf kam zum Einsatz, nachdem beschlossen wurde, dass kein Bier mehr an die Punker ausgeschenkt werden sollte.

Das 38. Bierbrunnenfest fand erst wieder im August 1994 statt. "Seit dem gibt es kein Freibier mehr", weiß Mansfeld. "Wie auch heute noch wird ein geringer Betrag genommen, der für einen guten Zweck gespendet wird. Damit blieben auch die Punker weg."

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