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Die Menschen gehen zum Platz des 17. Juni, in der Pogromnacht 1938 wurde er nach Horst Wessel benannt. - © Michael Grundmeier
Die Menschen gehen zum Platz des 17. Juni, in der Pogromnacht 1938 wurde er nach Horst Wessel benannt. | © Michael Grundmeier

Lübbecke Mehrere hundert Lübbecker setzen Zeichen gegen Populismus

Die Veranstaltung in der Lübbecker Innenstadt führt durch dunkle Ecken der Geschichte und erinnert an das Schicksal der Jüdin Fanny Löwenstein

Michael Grundmeier
10.11.2019 | Stand 11.11.2019, 15:05 Uhr

Lübbecke. Lübbecke war keine Ausnahme. Auch hier wurden am 9. November 1938 jüdische Menschen angegriffen. Der von Schülern vorbereitete „Weg der Erinnerung" (Motto: „Verein(t)- Gleichgeschaltet-Ausgeschlossen") hat diese Geschichte lebendig werden lassen. Am Schützenplatz haben sich an diesem Morgen mehrere hundert Bürger eingefunden. Ein beeindruckendes Bild – im Grunde war die gesamte Stadtgesellschaft vertreten. Die Breite reichte vom Bürgermeister über die Gewerkschaft bis zu den Kirchen, dazu kamen Vertreter von Vereinen und von Firmen. Gemeinsam standen sie auf, um die Erinnerung an den Ausbruch von Hass und Antisemitismus wach zu halten. Sie setzten Zeichen gegen den aufkommenden Populismus von rechts mit einem „Nie wieder!" Schüler hielten großformatige Bilder hoch Der „Weg der Erinnerung" begann mit Fotos vom Offizierskorps des Lübbecker Bürgerschützen-Bataillons und Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr. Die großformatigen Bilder wurden von Schülern des Wittekind-Gymnasiums hochgehalten. Hier, am Schützenplatz, sollte an das „Miteinander in Lübbecker Zusammenschlüssen und Vereinen bis zur NS-Zeit" erinnert werden. Und tatsächlich: bis zur Nazizeit waren Menschen jüdischen Glaubens Teil der Vereinskultur in Lübbecke und in Deutschland. Erst in den 1930er Jahren wird deutlich, wie schnell aus einem „Vereint" (in Vereinen) ein „Ausgeschlossen" (aus der Gesellschaft) werden kann. Beim Synagogenbrand unterblieb jeder Löschversuch Die Schüler berichteten, wie in vielen Vereinen Juden nicht mehr geduldet werden. Das Ganze mündete in die Pogromnacht 1938. Als damals auch in Lübbecke die Synagoge brannte, unterblieb jeder Löschversuch. Man habe sich darauf beschränken müssen, die Nachbargebäude zu schützen, hieß es später lapidar. Nur die Umfassungsmauern blieben stehen, eine der Thorarollen befindet sich heute in der Synagoge Petershagen. Ganz anders hatte die Feuerwehr Ende des 19. Jahrhunderts reagiert: damals war die Synagoge vor dem Brand in einem angrenzenden Gebäude geschützt worden. Männerturnverein bot ein schlechtes Beispiel Ein schlechtes Beispiel (für die Gleichschaltung) bot seinerzeit der Männerturnverein Lübbecke, der seine Vereinsführung ganz nach dem „nationalsozialistischen Führer-Prinzip" ausrichtete. Der Vereinsvorsitzende hieß ab sofort Vereinsführer, die Turnbrüder Kameraden. Später verpflichtete sich der Verein sogar beim Bau der „Gau-Schulungsburg" mitzuhelfen. Ehrenamtlich natürlich. Zusammen mit anderen Vereinen „durften" die Sportler das Fundament ausschachten. Das Gebäude, in dem die künftigen Kader der NSDAP Gau Westfalen-Nord, ausgebildet wurden, steht übrigens heute noch – ganz in der Nähe des Schützenplatzes. Es wurde nach dem Krieg von den Briten beschlagnahmt und bis vor kurzem als „Church House" genutzt. Der „Weg" führte weiter zur zweiten Station, dem „Platz des 17. Juni" zwischen Schützenstraße und Wartturmstraße. Hier sollte an „NS-Propaganda und Gleichschaltung" gedacht werden, diesmal von Schülern der Stadtschule. Ein bisschen unheimlich dürfte vielen geworden sein, als sie von der früheren Widmung des Platzes erfuhren. Hier stand einmal ein Stein, der an Horst Wessel, den Dichter des Liedes „Die Fahne hoch" erinnern sollte. Wessel, der in Bielefeld geboren wurde, starb in den 20er Jahren an den Folgen einer Schussverletzung. Die Nazis machten ihn zu einem Märtyrer. Platz und Stein sind übrigens am Abend der Pogromnacht 1938 nach Horst Wessel benannt worden. "Die Schüler müssen wissen, was damals hier geschehen ist" Es ging weiter durch die Stadt, vorbei an Fotos von Umzügen, die die NSDAP in Lübbecke veranstaltet hat. Am „Platz der Synagoge", dem Ziel des „Wegs der Erinnerung", ging es um die „Folgen der Gleichschaltung" am Beispiel von Fanny Löwenstein. Schüler des Berufskollegs haben diesen traurigen Fall aufgerollt und trugen ihn jetzt den Zuhörern vor. Obwohl Fanny Löwenstein eine aktive Rotkreuzlerin war (seit 40 Jahren im örtlichen Roten Kreuz und seit etwa 30 Jahren im Vorstand tätig), sollte sie aus der Vereinigung „rausgeschmissen" werden. Die Kreisleiterin machte entsprechend Druck. Dabei war die Schwiegermutter Löwensteins sogar Mitbegründerin der Lübbecker Organisation gewesen. Immerhin: es gab Widerstand. Unter anderem Emma Mencke setzte sich in einem Schreiben für den Verbleib Löwensteins im Vorstand ein. Sollte das nicht geschehen, wollte die 1. Vorsitzende selbst zurückzutreten. Einige Tage später mussten alle Zweigvereine des Deutschen Roten Kreuzes die vollen Namen ihrer Vorstandsmitglieder angeben – zusätzlich mit der Information, ob dieses Mitglied in der NS-Frauenschaft oder NSDAP war. Der Druck auf die Vereine stieg weiter. Im Oktober 1933 erklärte Fanny Löwenstein sowohl ihren eigenen, als auch den Austritt aller noch verbliebener Juden aus dem Verein. Emma Mencke initiierte daraufhin die Verleihung des Verdienstkreuzes 2. Klasse des Preußischen Roten Kreuzes. Juden wurden aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen So wie Fanny Löwenstein sei es vielen tausenden Jüdinnen und Juden ergangen, berichteten die Schüler des Berufskollegs. Sie wurden aus Vereinen, überhaupt aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen. Auch hier in Lübbecke, in Lübbecker Vereinen. Umso wichtiger sei es, die Erinnerung wachzuhalten, sagten die Schüler. „Wir müssen daran erinnern, wozu Denkweisen, wie die von Hitler, führen können." Das findet auch Franziska Plate, die am „Weg der Erinnerung" teilnahm. „Man darf diese Dinge nicht verharmlosen", meint sie mit Blick auf die neue Rechte in Deutschland. Damit habe es damals auch begonnen, „ganz langsam". Besonders beeindruckt hätte sie das Projekt, „weil man sieht, was hier direkt vor unserer Haustür passiert ist". "Wir müssen früh genug hinschauen" Christel Droste (Arbeitskreis „Weg der Erinnerung") sieht das ähnlich. „Wir müssen früh genug hinschauen und Stop sagen. Früher hat man gedacht, so schlimm wird es schon nicht und irgendwann war es zu spät." Umso wichtiger sei es wachsam zu bleiben und die Mechanismen zu begreifen, die zur Gleichschaltung geführt hätten. „Wir sehen und begreifen, dass so etwas überall passieren kann, in München, Hamburg oder eben in Lübbecke", argumentierte Droste. Die Arbeit mit den weiterführenden Schulen sei da ein wichtiger Baustein, so die Stadtarchivarin. „Die Schüler müssen wissen, was damals hier und anderswo geschehen ist."

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