Erzählte frei von der Leber weg: Carla Berling mag die "knorrige Art" der Ostwestfalen und nahm während der Lesung immer wieder Kontakt auf zum Publikum. Fotos: Michael Grundmeier
Erzählte frei von der Leber weg: Carla Berling mag die "knorrige Art" der Ostwestfalen und nahm während der Lesung immer wieder Kontakt auf zum Publikum. Fotos: Michael Grundmeier

Lübbecke Auftakt der Krimitage mit Carla Berling: Eine Lokaljournalistin ermittelt

Auftakt der Krimitage: Carla Berlings "Tunnelspiel" sorgt bei der Lesung in der Bücherstube für eine gehörige Portion Gänsehaut. Früher hat sie für die NW gearbeitet

Michael Grundmeier
21.01.2019 | Stand 21.01.2019, 11:57 Uhr

Lübbecke. Bei der Premierenlesung in der "Bücherstube" muss Carla Berling viele Hände schütteln. Die Gäste kennen die frühere Lokaljournalistin - entweder aus eigenem Erleben oder durch ihre Arbeit für die Neue Westfälische. Die Geschichten, die sie da erlebt hat, sind Material, aus dem sie bis heute schöpfen könne, wie sie sagt. Ihre Verbundenheit zur Region zeigt sich an kleinen Details. Etwa, dass sie ihren Kriminalroman "Tunnelspiel" als erstes in Lübbecke vorstellt - und nicht in Bad Oeynhausen oder Köln. "Das ist eine Ehre für uns, dass Sie ihr neues Buch als erstes bei uns vorstellen", begrüßt Andreas Oelschläger die Autorin. Zum Auftakt der 4. Lübbecker Krimitage habe man offensichtlich "alles richtig gemacht": "Das zeigt sich auch daran, dass so viele Gäste gekommen sind". Bis in den April hinein werden Autoren in der Bücherstube aus ihren Werken lesen. Darunter auch Joe Bausch, der am 18. Februar in der Stadthalle lesen wird. "Wenn Carla Berling das nächste Mal bei uns ist, werden wir sicher auch die Stadthalle brauchen", so Oelschläger. Die Autorin nahm diese Vorlage gerne an: "Im nächsten Jahr werde ich 60 Jahre alt, wenn das kein Anlass ist...". Die Bücherstube hat gegenüber der Stadthalle Vorzüge Dabei hat die Bücherstube auch ihre Vorzüge, wie sich bei der Lesung zeigte. Berling nahm immer wieder Kontakt zu den Gästen auf, erzählte frei von der Leber weg. Dass sie so kurz und knapp schreibe, weil sie Ostwestfale sei. Und dass ihre Krimis nicht fürs Feuilleton seien - "ich will unterhalten". Dass ihre Bücher durchaus mehr sind als "pure Unterhaltung", wird den Zuhörern schon während der ersten Minuten klar. Berlings alter Ego Ira Wittekind, eine Lokaljournalistin für die Zeitung "Tag 7", wird zu einem barbarischen Mord gerufen. Die Polizei hat einen Toten gefunden - im alten Schlachthof in Bad Oeynhausen. Lorenz Brenner ist auf eine bizarre Weise ermordet worden - an seinen Geschlechtsteilen hängen schwere Christbaumkugeln. Von wegen kuscheliger Regionalkrimi - der Berlingsche Realismus sorgt für eine gehörige Portion Gänsehaut. Wohl auch deshalb ist es der Autorin wichtig, ihren Roman von Experten gegenlesen zu lassen. Wer Brenner letztendlich ermordet hat? Das ist vielleicht gar nicht so entscheidend, wenn auch in der Herleitung extrem spannend. Fast noch interessanter als der Plot sind die Psychogramme, die Berling in "Tunnelspiel" gelingen. Da sind beispielsweise Tante Friedchen und Tante Sophie, die "kalte Zigarrenstumpen" rauchen und einen lustigen Dialekt sprechen ("Ach, du krichst die Tür nich zu"). "Ich habe ganz viele Briefe von Lesern bekommen, die mich gebeten haben, dass die beiden alten Damen nicht sterben dürfen", erzählt Carla Berling. Und tatsächlich wachsen einem die beiden Damen sofort ans Herz. Wo sonst gibt es Romanfiguren, die nach jedem Essen erst einmal ihre Stumpen anzünden und Kringel in die Luft blasen? Und hinterher zwei Gläschen "Brakenschnaps" (ein Wacholder) trinken, denn: "Auf einem Bein kann man schließlich nicht stehen". Überhaupt sind Berlings Ostwestfalen zwar kurz angebunden, aber liebenswert. "Wenn der Ostwestfale ein Kleidungsstück wäre, dann ein Tweedmantel", bringt es die Kölnerin auf den Punkt. Als Smalltalk gelte in OWL folgendes: "Na wie isses? Und selbst? Muss ja!" Carla Berling kennt ihre Pappenheimer, spätestens seitdem sie in den 90ern als Lokaljournalistin auch für die NW gearbeitet hat. "Das war eine Arbeit, die ich sehr gerne gemacht habe", sagt sie heute. Einmal, weil ihr der "Menschschlag" gefalle ("ich mag das knorrige, das die Leute hier haben"), zum anderen, weil es ihr viel Inspiration für ihre Romane geliefert habe. Noch heute findet sich im Archiv der NW ein Bericht, den Berling geschrieben hat. Sein Titel: "Dienstbeginn bei einem Toten". Diese Geschichte habe sie lange umgetrieben, erzählt Berling im Gespräch. Sie sei dazu gekommen, als ein Toter in einer Wohnung gefunden wurde. Im Blitzlicht habe sie dann einen Totenschädel gesehen. "Das hat mich lange nicht losgelassen - so etwas muss man sich dann von der Seele schreiben", sagt Berling. Mehr Raum zu haben und auch mehr Zeit: Das ist es, was sie an der Buchform schätzt. Einem Lokalreporter sei es oft nicht derart möglich "in die zu Tiefe gehen, nachzuhaken". Für den "Toten" "bei Dienstbeginn" hat sie genau das getan. In einem ihrer Romane hat sie diese Geschichte aufgegriffen und dem Mann eine - erfundene - Biografie gegeben.

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