Nie alleine: Thrall, der Ork-Häuptling aus dem Computerspiel "World of Warcraft", hat im Wohnzimmer des Autors Andreas Kasprzak Stellung bezogen. - © Heike von Schulz
Nie alleine: Thrall, der Ork-Häuptling aus dem Computerspiel "World of Warcraft", hat im Wohnzimmer des Autors Andreas Kasprzak Stellung bezogen. | © Heike von Schulz

Lübbecke Sein Harry-Potter-Backbuch ist der Renner

Spannend: Andreas Kasprzak teilt sich sein Zuhause mit Batman und Orks, unter deren Argusaugen er neue Fantasy-Kreaturen für seine Romane entwickelt. Gerade ist unter dem Pseudonym Tom Grimm sein „Inoffizielles Harry-Potter-Backbuch“ erschienen und prompt auf den Bestsellerlisten gelandet

Lübbecke. Die Angelegenheit klingt geheimnisvoll. Es geht um das „Inoffizielle Harry-Potter-Backbuch", das aktuell auf den Bestsellerlisten steht und von einem Autor aus Lübbecke stammt, der sich sein Domizil im, wie er sagt „träge schlagenden Herzen des Wiehengebirges" mit Orks, Gremlins und Batman teilt. Existiert im Mühlenkreis womöglich eine geheimnisvolle Parallelwelt, von der wir bisher nichts wussten? Wer ist der Mann, der sich mit einem Augenzwinkern selbst als „bekennender Prokrastinator" (Meister im Aufschieben wichtiger Aufgaben) und „Erfinder des Bratwurst-Sushi" bezeichnet? Vorbei an einem Teich führt ein Forstweg. Ein rostiges Eisentor öffnet sich wie von Geisterhand. Gesäumt von moosgrünen Steinmauern schlängelt sich zwischen Tannen ein Pflasterweg den Hang hoch. Andreas Kasprzak öffnet die Tür zu seinem Reich. Freundlich, zuvorkommend, sympathisch, eigentlich ganz normal. Doch etwas ist anders als in anderen Lübbecker Wohnstuben. Die schwarze Ledergarnitur wird von Batman in Lebensgröße und Thrall, dem Ork-Häuptling aus dem populären Computerspiel World of Warcraft, flankiert. In einer Ecke hockt Spiderman, in einer anderen ragt drohend und fast zweieinhalb Meter groß eine Teufelsfigur namens Horny aus dem Spiel „Dungeon Keeper" auf. Hunderte Kreaturen in kleineren Formaten aus den Genres Fantasy und Science-Fiction beanspruchen ihren Platz. Und mittendrin lebt und arbeitet überaus erfolgreich der 46-jährige Autor, Übersetzer, Herausgeber und Redakteur, der die Medienöffentlichkeit um die eigene Person seit vielen Jahren scheut. Eine ganze Bücherwand in seinem Büro füllen allein die Romane, Sachbücher und Stories, die er in den vergangenen 25 Jahren veröffentlicht hat. Basierend auf Serie "Game of Thrones" Andreas Kasprzak ist Steve Whitton, Andreas Merke, Carter Jackson, Rebecca Arquette, Cynthia Sandford, Robert Lamont und seit einiger Zeit eben auch Tom Grimm. Der Name sei eine Hommage an den Autor der Fantasy-Saga "Das Lied von Eis und Feuer”, George R. R. Martin, auf der die erfolgreiche HBO-Fernsehserie „Game of Thrones" basiert. "G.R.R.M. klingt im Grunde wie Grimm und spielt damit zugleich auf Grimms Märchen an. Das passt also ziemlich gut”, so Kasprzak, der Geschichtenerzähler, dessen Nachname aus dem Polnischen kommt und ein echter Zungenbrecher ist, weshalb er der „besseren Verkäuflichkeit" seiner Werke zuliebe häufig eingängigere Pseudonyme bevorzugt. Tom Grimm und Katja Böhm haben im Herbst 2018 das „Inoffizielle Harry-Potter-Backbuch" im riva Verlag veröffentlicht, das sich seit dem Erscheinen mittlerweile fast 25.000 Mal verkauft hat und sich neben einer Platzierung im Focus unter anderem im Buchreport über den vierten Platz der meistverkauften Kochbücher dieses Weihnachtsgeschäfts freuen konnte, gleich hinter den Bestsellern bekannter TV-Köche wie Tim Mälzer und Jamie Oliver. "Damit haben wir nicht gerechnet”, freut sich der Autor des mit viel Liebe zum Detail und großem Hintergrundwissen über die magische Welt von Harry Potter & Co. gestalteten Backbuchs. Über 50 verführerische Rezepte "frisch aus dem Honigtopf”, von Kesselkuchen bis Felsenkekse, von Würgzungen-Toffees bis Blätterteig-Hexenhüte, lassen die Herzen von Harry-Potter-Fans und anderen Leckermäulchen höherschlagen. Das Nachbacken gelingt garantiert auch ohne Zauberstab, verspricht der Klappentext. Andreas Kasprzaks Kreativpartnerin Katja Böhm (43), studierte Klinische Linguistik, ist versierte Hobbybäckerin, Fotografin und Liebhaberin der fantastischen Literatur. Sie entwickelte die meisten Rezepte und bebilderte sie. "Kochbuch für Minecrafter" Nach dem "Ultimativen offiziellen Kochbuch für Minecrafter” und dem "Halloween-Backbuch” ist das "Inoffizielle Harry-Potter-Backbuch” das dritte Themen-Kochbuch aus der Feder von Andreas Kasprzak. Und weitere sind in Planung. "Aktuell planen wir ein weiteres Harry-Potter-Kochbuch, aufgemacht wie ein klassisches Schulkochbuch, das schon viele Jahre durch die unterschiedlichsten Hände von Schülern und Lehrerin gegangen ist, mit handschriftlichen Kritzeleien, Korrekturen, Ausleihstempeln", so Kasprzak. Andreas Kasprzak entdeckte schon früh seine Liebe zu Büchern, schrieb mit zwölf Jahren sein erstes Hörspiel und veröffentlichte mit 15 erste Geschichten in John-Sinclair-Heften. "Ich war in der Schule ein absoluter Fünferkandidat in Deutsch und Englisch, bis ich mit dem Lesen angefangen habe”, erinnert er sich. Zuerst verschlang er Groschenhefte, dann entdeckte er die fantastische Literatur für sich, weshalb er später auch beruflich die Nähe zu Büchern suchte und Buchhändler wurde. Allerdings hat er diesen Beruf nie ausgeübt, weil er feststellte, dass man als Buchhändler „letztlich bloß ein Verkäufer" ist. Also wechselte er vor nunmehr 25 Jahren quasi auf die andere Seite des Verkaufstresens und begann, aus seinem Talent fürs Geschichtenerzählen Kapital zu schlagen. Dabei erweisen sich einige seiner Werke als überraschend düster und bisweilen auch recht blutrünstig. "Ich habe unglaubliche Angst vorm Sterben”, verrät er und erklärt damit seine Faszination für menschliche Abgründe, dunkle Mächte und seine Vorliebe für Thriller, Horror und realistische Fantasy. "Das zieht sich wie ein Faden durch meine Bücher und gibt mir die Möglichkeit, mich mit dem Tod aus verschiedenen Perspektiven auseinanderzusetzen, in der Hoffnung, vielleicht ein bisschen besser damit zurechtzukommen”, sagt der Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Lieblingsband ist Rammstein Sobald die Kinder aus dem Haus sind und Ruhe einkehrt in das Haus oben im Wald, bringt sich der Fan von Batman und James Bond mit Musik aus Streifen wie "Der Herr der Ringe” und „Braveheart", aber auch mit den harten Klängen seiner Lieblingsband Rammstein in Stimmung und recherchiert, schreibt, verwirft und überarbeitet mit dem ihm eigenen Hang zum Perfektionismus seine Stoffe. Dabei spinnt er die zwischenmenschlichen Dramen und die Machenschaften der Charaktere in seinen Romanen voller Sprachgewalt, stilistischer Ästhetik und Imagination. Diese Hingabe dauert. Obwohl er sonst ein „schneller Arbeiter" ist und für die Übersetzung eines Romans von 500 Seiten kaum einen Monat braucht, arbeitet er seit nunmehr sechs Jahren an seinem „Magnum Opus", der High Fantasy-Trilogie "Blut und Asche”, die „hoffentlich irgendwann 2020" bei Penhaligon in der Verlagsgruppe Random House erscheinen wird – natürlich unter dem Namen Tom Grimm. Und seine Fans können es kaum erwarten.

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