Massive Einbußen: Dominik Schmedt und sein Vater Joachim konnten in diesem Jahr nur die Hälfte des üblichen Ertrags bei der Maisernte einbringen. - © Melissa Petring
Massive Einbußen: Dominik Schmedt und sein Vater Joachim konnten in diesem Jahr nur die Hälfte des üblichen Ertrags bei der Maisernte einbringen. | © Melissa Petring

Lübbecker Land Landwirte aus dem Lübbecker Land beklagen "katastrophale" Ernte

Dürreschäden: Lange Trockenheit sorgt vor allem bei Landwirten nördlich des Mittellandkanals für Probleme. Was die Ernteausfälle für den Verbraucher bedeuten, erklären Experten

Melissa Petring
Noah Brümmelhorst

Lübbecker Land. Der heiße Sommer hat seine Spuren hinterlassen. Viele Landwirte klagen bundesweit über massive Ernteschäden durch die Trockenheit. Ursächlich für die lang anhaltende Hitze soll eine Blockadewetterlage sein, die sich über den Sommer hinweg gebildet hat. "Ein stabiles Hoch über Skandinavien, das sich eben auch bis zu uns vorarbeitete, führte die heiße Luft vom osteuropäischen Festland nach Deutschland, und das sogar seit Februar", erklärt Friedrich Föst, Meteorologe aus dem Lübbecker Land. Ob und wann Dürrehilfen vom Staat kommen, ist unklar. Agrarministerin Julia Klöckner hatte den Landwirten vor wenigen Wochen 340 Millionen Euro zugesagt. "Das Notprogramm von Bund und Ländern wird voraussichtlich bei Einkommensverlusten von minus 30 Prozent greifen", sagt Werner Weingarz, Geschäftsführer der Landwirtschaftskammer in Minden-Lübbecke und Herford, gegenüber der Neuen Westfälischen. In Westfalen seien die Bauern aber vergleichsweise "glimpflich davongekommen", erklärt er weiter. Allerdings sieht er im Lübbecker Land eine deutliche Ungleichheit: "Während der Süden bei der Getreideernte Verluste zwischen minus fünf und minus zehn Prozent - die noch im Rahmen der normalen Witterungsschwankungen liegen - verkraften muss, sieht es oberhalb des Mittellandkanals schlechter aus." Dort seien erhebliche Ernteschäden entstanden, "die bei minus 30 bis minus 40 Prozent und zum Teil sogar bei Totalausfällen liegen". Verluste in Höhe eines hohen fünfstelligen Betrages erwartet Am schlimmsten habe es die Futterbaubetriebe getroffen. Beim Grünland gebe es erhebliche Einbußen von bis zu minus 60 Prozent. Im gesamten Altkreis sei außerdem der Mais betroffen. Im April und Mai gepflanzt, konnte der durch die Dürre von Anfang an nicht gut wachsen. "Die Lage ist katastrophal. Bei der Maisernte, die in diesem Jahr aufgrund der Trockenheit sechs Wochen eher beginnen musste, hatten wir massive Verluste. In den letzten Jahren konnten wir im Schnitt gut 45 Tonnen ernten. 2017 war mit 55 bis 60 Tonnen ein besonders gutes Jahr. Im Vergleich sieht es dieses Mal anders aus: Wir konnten gerade einmal gut 23 Tonnen ernten, was einen Verlust von 40 bis 50 Prozent ausmacht", bestätigt Joachim Schmedt aus Stemwede, Landwirt und stellvertretender Kreisverbandsvorsitzender des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes Minden-Lübbecke. Entweder waren die Kolben zu klein oder gar nicht vorhanden. Das Futter fürs Rindvieh wird dementsprechend knapp - insbesondere wenn, wie zu befürchten ist, auf den heißen Sommer ein langer Winter folgt. Finanziell machen sich die Ernteschäden für einen mittleren Betrieb in einem hohen fünfstelligen Betrag bemerkbar, "der am Ende auf dem Konto fehlt". Landwirte können Futtermittelbedarf nicht decken Das ganze Ausmaß der Dürre wird anhand einer Weisheit sichtbar, nach der viele Landwirte arbeiten: "Eine Ernte auf dem Konto, eine auf dem Feld und eine auf dem Dachboden, sagt man. Das ist 2018 aber nicht machbar." Wie die Verluste aufgefangen werden können, sei noch unklar. "Wir versuchen erst mal, irgendwie weiterzumachen", sagt Dominik Schmedt, der mit seinem Vater auf dem gemeinsamen Hof arbeitet. "Besonders im südlichen Teil des Altkreises waren die Ernteausfälle für die Getreidelandwirte deutlich geringer als im Norden", bestätigt der Vorsitzende Landwirt des Ortsvereins Pr. Oldendorf, Volker Brinkmeier. "Oberhalb des Mittellandkanals sind die Maispflanzen nur halb so groß wie normal." Da das Getreide als Futtermittel dient, können viele Landwirte ihren Bedarf nicht vollständig decken. Es muss zugekauft werden. Das ist zwar teuer und sorgt für Verluste bei den Landwirten, aber für den Verbraucher hat es wahrscheinlich keinerlei Auswirkungen. "Gerade beim Futtermittel- und Nahrungsmittelmarkt handelt es sich um keinen regional begrenzten Markt. Er orientiert sich an den Weltmarktpreisen, die nicht durch Ernteausfälle in Teilen Deutschlands beeinflusst werden. Zudem gab es in den USA und Australien eine Bombenernte", stellt Brinkmeier fest. Obwohl hiesige Landwirte vorerst keine Preiserhöhungen für den Verbraucher sehen, spricht Arno Simon, stellvertretender Obermeister der Bäcker-Innung Wittekindsland, von einer Erhöhung des Mehlpreises um durchschnittlich 20 Prozent - je nach Getreidesorte. "Dazu muss man sagen: Der Mehlpreis alleine könnte gepuffert werden. Schwieriger aufzufangen sind die gestiegenen Energiekosten sowie erhebliche Kostensteigerungen durch höhere Löhne und Gehälter, die in der Kalkulation kaum zu kompensieren sind. Ich habe eine Verantwortung für den ganzen Betrieb." Daher müssten Verbraucher in diesem Jahr mit steigenden Preisen rechnen. Keine Erhöhung der Preise beim Obst für den Kunden Den Obstbauern machte die Dürre weniger zu schaffen: "Wir hatten mit der Trockenheit gar keine Probleme. Unsere diesjährige Ernte fällt riesig aus", sagt Martin Wickemeyer vom Obsthof Wickemeyer in Pr. Oldendorf. Allerdings seien die Äpfel kleiner als gewöhnlich. "Im letzten Jahr mussten wir durch Hagelschäden und das kalte Wetter größere Einbußen verbuchen. Auch der Trockenstress hat unseren Bäumen keine Probleme bereitet. Zwar war die Trockenheit kein Segen, da die Böden schon ausgedörrt waren, dennoch ist bei uns aktuell alles richtig gut." Das bestätigt auch Nadine Glaesener von der Bioland Gärtnerei Duftgarten in Hüllhorst. Dort konnten die meisten Ausfälle durch das Bewässerungssystem abgewendet werden. "Natürlich sind dadurch auch Mehrkosten entstanden, die bei rund 1.000 Euro liegen werden. Für unsere Verhältnisse ist das schon viel." Einige Kulturen, insbesondere bei den Kräutern, mussten durch die Dürre komplett aufgegeben werden. "Bei Tomaten, Gurken und Bohnen mussten wir ebenfalls einige Ernteausfälle verkraften." Zucchini und Kürbisse seien hingegen sehr gut mit der Trockenheit zurechtgekommen. "Bei einigen Gemüsesorten hoffen wir noch darauf, dass sie in den nächsten Wochen was werden. Unser Sellerie ist aktuell zum Beispiel nicht mal so groß wie ein Tennisball." Preislich soll sich für den Verbraucher bei Obst und Gemüse aus der Region nichts ändern. Eine Mitarbeiterin des Edeka Wilczkowiak in Lübbecke konnte bisher keine Lieferschwierigkeiten feststellen, die Preiserhöhungen rechtfertigen würde. Auch im Marktkauf an der Strubbergstraße habe sich die Dürre nicht bemerkbar gemacht. "Da ist die Edeka-Gruppe eigentlich stabil. Natürlich gibt es immer wieder mal Fehlmengen, aber die waren in diesem Jahr nicht außergewöhnlicher als in den Jahren zuvor", sagt ein Mitarbeiter der Obst- und Gemüseabteilung.

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