Ganz legal: An der Marktstraße in Blasheim steht eine alte Apfelbaum-Allee, die bald nachgepflanzt werden soll. Hier können saftige Äpfel geerntet werden. - © Foto: Melissa Petring
Ganz legal: An der Marktstraße in Blasheim steht eine alte Apfelbaum-Allee, die bald nachgepflanzt werden soll. Hier können saftige Äpfel geerntet werden. | © Foto: Melissa Petring

Lübbecker Land Obstbäume laden zum "Mundraub" ein

Früchte ernten ohne eigenen Garten: Ein Internetportal hat sich der Entdeckung von heimischem Obst im öffentlichen Raum verschrieben. Für das Lübbecker Land wurden bislang elf Fundorte gemeldet

Melissa Petring

Lübbecker Land. Wenn die Birnen wie in Theodor Fontanes Gedicht "Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland" weit und breit leuchten, möchte wohl jeder am liebsten zugreifen und hineinbeißen. Es ist verlockend, reife Früchte direkt vom Baum oder Strauch zu pflücken und zu naschen. Leider ist es nicht jedem vergönnt. Wer trotzdem Obst aus der freien Natur dem oft in Plastik verpackten aus dem Supermarkt vorzieht, muss sich in seiner Umgebung auskennen, um zu wissen, wo geerntet werden darf. Die Internetseite www.mundraub.org erleichtert die Suche: Kai Gildhorn und Katharina Frosch hatten 2009 die Idee zum Portal. Ihr Ziel ist es, jedermann Obst im öffentlichen Raum zugänglich zu machen. "Mehrere zehntausend Menschen engagieren sich sowohl online als auch im realen Leben, um Fundorte miteinander zu teilen, gemeinsame Pflanz- und Ernteaktionen durchzuführen oder in regionalen Gruppen auszutauschen", heißt es auf der Seite. Teilen und ernten, damit nichts verkommt Nachhaltigkeit steht bei "Mundraub" im Fokus: Damit das Fallobst nicht verdirbt, können sich die Nutzer informieren, wo frei zugängliche Bäume stehen. Wer möchte, kann sich dann für den Eigenbedarf eindecken. Mehr als 48.500 Fundorte wurden bereits veröffentlicht. Selbst aus Melbourne ist eine Meldung für einen Apfelbaum auf der digitalen Landkarte vermerkt, die die ganze Welt umfasst. In Lübbecke und Umgebung ist die Plattform "Mundraub" mit insgesamt elf Fundorten vertreten. In Hüllhorst können Naturfreunde neben Birnen-, Apfel- und Kirschbäumen auch Pflaumenbäume finden. Auf einem Spielplatz in Rahden findet man außerdem einen Baum mit Mirabellen. Zentral in Lübbecke stehen auf einer großen Wiese an der Straße Auf dem Gallenkamp ein paar Walnuss- und einige Obstbäume. In Richtung Blasheim befindet sich eine alte Apfelbaum-Allee an der Marktstraße, die laut Armin Feiler, Leiter der Fachabteilung "Grün und Umwelt", bald sogar nachgepflanzt werden soll. "Generell gibt es in unserer Region viele Obstbäume, die für Bürger frei zugänglich sind. Wir bekommen immer wieder Anfragen, ob von bestimmten Bäumen geerntet werden darf. Das erlauben wir gerne. Denn es wäre zu schade, wenn das Obst einfach verfaulte. Allerdings mussten wir auch schon schlechte Erfahrungen machen", erklärt er. Einige Male seien Bäume durch falsches Ernten beschädigt worden. "Äste wurden durch rüdes Anpacken beispielsweise herausgerissen." Daher solle man stets nur die Früchte ernten, die auch leicht vom Baum gepflückt werden können oder ohnehin bereits am Boden liegen, sagt Feiler: "Man muss die Bäume auch würdigen." Nicht immer legal Mundraub ist aber nicht immer legal: Steht der Baum beispielsweise auf einem Privatgrundstück, empfiehlt es sich, den Besitzer zu fragen, ob Obst gepflückt werden darf. Das Problem des Obstdiebstahls ist den Verantwortlichen der Webseite bekannt, sie distanzieren sich davon. Damit sich niemand strafbar macht, bitten die Macher darum, die Eigentumsrechte vorm Eintragen in die digitale Landkarte zu klären. Im Zweifelsfall solle man sich an die zuständigen Behörden wie die Untere Naturschutzbehörde, das Grünflächenamt oder die Straßenverkehrsbehörde wenden. Schon ein kurzer Anruf könne Klarheit schaffen. In der Regel gebe es keine Probleme: Nur 0,3 Prozent der Fundorte seien "als in Privateigentum befindlich gemeldet", heißt es auf der Webseite. Wer behutsam pflückt und nur für den Eigenbedarf erntet, steht in der Regel auf der sicheren Seite. Was passiert, wenn jemand von der Leiter fällt? Aber wer haftet, wenn der rechtmäßige Besitzer dem "Mundraub" zwar zugestimmt hat, dann aber beim Ernten auf dem Privatgrundstück etwas passiert, zum Beispiel jemand von einer Leiter fällt? Allgemein gilt für Grundstücksbesitzer die sogenannte Verkehrssicherungspflicht, erklärt Thorsten Post, Geschäftsführer des Eigentümervereins Haus & Grund in Minden. Das bedeutet, dass Hausbesitzer dafür Sorge zu tragen haben, dass für Dritte von ihrem Grundstück keine Gefahr ausgeht. "Es muss aber immer der Einzelfall betrachtet werden." An sich gelte beim Besteigen einer Leiter immer ein allgemeines Lebensrisiko, dessen man sich bewusst sein müsse, sagt Post. Für alle Fälle empfiehlt er Eigentümern, eine Haus- und Grundbesitzerhaftpflicht abzuschließen. Vor allem in Norddeutschland reiften die Früchte durch den heißen Sommer angenehm süß heran. "Die Bäume hängen voll mit Kirschen, Äpfeln und Pflaumen", sagt Martin Wickemeyer vom Obsthof Wickemeyer in Bad Holzhausen. Mit Ernteausfällen habe sein Betrieb nicht zu kämpfen. Viele heimische Obstsorten haben Saison: Traditionell startet Anfang September etwa die Apfelernte. Ebenso tragen Walnussbäume bereits reife Nüsse.

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