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Lübbecker Land Die Altersarmut im Lübbecker Land nimmt zu

Bilanz: Lübbecker Land Tafel hat im vergangenen Jahr regelmäßig 1.401 Menschen mit Nahrungsmitteln und Essen versorgt. 170 Ehrenamtliche sind an den sechs Ausgabestellen im Einsatz

Karsten Schulz
21.02.2018 | Stand 21.02.2018, 12:36 Uhr

Lübbecker Land. Bei der Lübbecker Land Tafel ist Saure-Gurken-Zeit. Das, was Journalisten insbesondere während der Ferienzeiten und rund um Weihnachten kennen, treibt den Verantwortlichen an der zentralen Verteilstelle an der Beuthener Straße in Espelkamp einige Sorgenfalten auf die Stirn. "Aber das wird im Frühjahr und im Sommer wieder ganz anders, wenn es wieder viel frisches Obst und Gemüse in den Lebensmittelläden und Großmärkten sowie auf den Märkten gibt", weiß Magdalene König, stellvertretende Geschäftsführerin der Lübbecker Land Tafel. So gibt es aktuell Gurken eben nur noch sauer eingelegt in Gläsern - wenn überhaupt. Ansonsten läuft es bei der Lübbecker Land Tafel mit seinen sechs Ausgabestellen im Altkreis Lübbecke und den mehr als 170 Ehrenamtlichen ziemlich gut, wie auch Stella Gieseler vom Träger, dem Arbeitslebenszentrum aus Minden, im Gespräch mit der NW bestätigen kann. Jetzt war sie zu Besuch in der zentralen Sortier- und Lagerstelle in den von Gauselmann zur Verfügung gestellten ehemaligen Aumann-Hallen in Espelkamp. Dort ist auch vor etwa anderthalb Jahren ein Container neu aufgestellt worden, in dem vor allem eine komplette Küche eingebaut worden ist. Hier können täglich bis zu 100 Essen warm zubereitet werden. »Essen wird nur aus Lebensmittelspenden zubereitet« Gekocht wurde etwas ganz Feines, der Duft zog durchs gesamte Gebäude: Rehschnitzel mit Klößen und Rotkohl. Im Aufenthaltsraum, der auch gleichzeitig Sitzungsraum ist, war der lange Tisch bereits vor 12 Uhr gedeckt: "Der erste Durchgang ist für unsere Fahrer, wenn sie von ihren anstrengenden Lebensmittel-Sammeltouren wieder zurück sind", sagt Magdalene König. "Natürlich wird das Essen nur aus gespendeten Lebensmitteln zubereitet." Erst anschließend kommen Teilnehmer von Maßnahmen und die Ehrenamtlichen in den Genuss der eigenen warmen Küche. Die Zentralisierung der Lübbecker Land Tafel hat sich bewährt, bestätigen Magdalene König und Stella Gieseler. Hier können die Essen zentral ausgeliefert und alle Ehrenamtlichen direkt mit versorgt werden. Gleichzeitig seien Büros, Verwaltung und Sortieranlage, Lagerhaltung und die Kühlhäuser an einem zentralen Ort unter einem Dach. »Die Zahl der Singles unter den Kunden steigt« Es gibt auch Veränderungen bei der Land Tafel. So beobachten die Verantwortlichen seit dem vergangenen Jahr einen leichten Rückgang der Klientenzahlen. Versorgt werden aktuell insgesamt 586 Haushalte mit insgesamt 1.401 Personen, darunter befinden sich 852 Erwachsene und 549 Kinder. Unter den insgesamt 1.401 Personen befinden sich 279 alleinlebende Menschen. Und genau diese Zahl beunruhigt das Tafel-Team. Im Gegensatz zur Gesamtzahl, die etwas zurückgegangen ist, nahm die Zahl der Singles zu. Erstere sei vor allem durch den Rückgang der Flüchtlingszuweisungen zu erklären, so Stella Gieseler, die zunehmende Zahl der Alleinlebenden vor allem durch die immer deutlicher werdende Altersarmut. Sowohl Magdalene König als auch die Geschäftsführerin des Arbeitslebenzentrums aus Minden, Stella Gieseler, gehen ganz stark davon aus, dass in den kommenden Jahren genau diese Entwicklung weiter voranschreitet. In etwa gleich geblieben mit 219 ist die Zahl der Haushalte von Familien mit Kindern, dies gilt auch für die Alleinerziehenden-Zahl, die bei 69 liegt. Ebenfalls zunehmend ist die Anzahl der "Notfall-Kisten", die inzwischen bei 50 liegt. Auch hier zeigt sich die alarmierende Entwicklung bei den älteren Menschen. Hierbei handelt es sich vorwiegend um Senioren, die zusätzlich auch noch behindert oder schwer erkrankt sind und sich ihr Essen und die Lebensmittel nicht mehr selbst abholen können. Die Land Tafel hat für ein Jahr eine Stelle aus dem Bundesprogramm "Soziale Teilhabe" bewilligt bekommen. "Es handelt sich hier um einen Mann, der regelmäßig die Kisten vorbeibringt und sich auch mit den Kunden unterhält. Oft ist er für diese Menschen der einzige Kontakt nach außen. "Manchmal übernimmt er auch kleinere Reparaturen, wie das Auswechseln einer Glühlampe", sagt Magdalene König. Leider laufe diese Stelle zum 31. Dezember dieses Jahres aus. Es wäre "sehr schade, wenn das einfach so endet", so Stella Gieseler. »Lieber Arbeit finanzieren statt ALG II bezahlen« In jüngster Zeit bekommt die Land Tafel immer häufiger Arbeitslosengeld-II-Empfänger (ALG) zugewiesen. Viele hätten sehr viele Begabungen und wiesen Fertigkeiten auf, die sicherlich überall benötigt würden. Sie hielten nur dem enormen Druck und den Anforderungen der modernen Arbeitswelt nicht stand. Gieseler: "Man sollte lieber Arbeit finanzieren statt ALG II zu bezahlen. Das würde sich auch volkswirtschaftlich eher rechnen." Die Lübbecker Land Tafel beschäftigt im Augenblick auch zwei Bundesfreiwilligen-Dienstleistende (Bufdis) und zwei weitere Personen über befristete öffentlich finanzierte Projekte. Noch in diesem Jahr wird es als Ersatzinvestition ein neues Auto geben, das aus Spendengeldern finanziert wird. Zurzeit besitzt die Tafel drei Kühlfahrzeuge, einen Bulli und einen Kleintransporter. Durchschnittlich werden fünf Tonnen Lebensmittel gesammelt und verteilt. Sehr zufrieden sind die heimischen Aktiven der Land Tafel mit der Spendenbereitschaft. Dennoch wird sich in Zukunft beim "Auftritt" der Tafel in der Öffentlichkeit etwas ändern, um sich landes- und bundesweit weiter zu vernetzen. Zum einen wird der Name geändert. Demnächst heißt sie "Tafel Lübbecker Land". "Und es wird auch ein neues Logo geben", sagt Stella Gieseler.

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