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Gutes aus dem Mühlenkreis: Hermann Seeker und Holger Topp (r.) überreichen Uwe Bartels (l.) zum Abschluss des Abends einen Präsentkorb mit einheimischen Erzeugnissen. - © Klaus Frensing
Gutes aus dem Mühlenkreis: Hermann Seeker und Holger Topp (r.) überreichen Uwe Bartels (l.) zum Abschluss des Abends einen Präsentkorb mit einheimischen Erzeugnissen. | © Klaus Frensing

Lübbecker Land Agrarwende Thema beim 68. Kreisverbandstag der Landwirtschaft

68. Kreisverbandstag der Landwirtschaft: Für Uwe Bartels leidet die Landwirtschaft derzeit unter zwei riesigen Problemen. "Wir brauchen den gesellschaftlichen Dialog"

Klaus Frensing
11.03.2016 | Stand 10.03.2016, 18:59 Uhr

Lübbecker Land. Er sprach ihnen aus der Seele: Uwe Bartels, ehemaliger Niedersächsischer Landwirtschaftsminister und heute Vorsitzender des Agrar- und Ernährungsforums Oldenburger Münsterland, mahnte im voll besetzten Espelkamper Bürgerhaus zwar eine Agrarwende an, doch eine mit Augenmaß und auf einer wirtschaftlich vertretbaren Zeitachse. Der Sozialdemokrat aus Vechta war Hauptreferent auf dem 68. Kreisverbandstag im Altkreis Lübbecke des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Minden-Lübbecke. "Uwe Bartels macht seit über 40 Jahren Agrarpolitik und gilt über alle Parteigrenzen hinweg als äußerst kompetent", hatte SPD-Bundestagsabgeordnete Achim Post seinen Parteifreund vorgestellt. Der war an diesem Abend, wie er ausdrücklich betonte, nicht als Parteipolitiker, sondern als Agrarexperte nach Espelkamp gekommen. Die deutsche Landwirtschaft leide derzeit unter zwei riesigen Problemen, machte Uwe Bartels deutlich. Einerseits sei die wirtschaftliche Situation so schlecht wie schon lange nicht mehr. Das Preistief am Schweine- und Milchmarkt sowie wegbrechende Absatzmärkte durch das Embargo gegen Russland und den Konjunktureinbruch in China brächten die Höfe teilweise an den Rand ihrer Existenz. Bartels prognostiziert für 2016 Wertschöpfungsverluste von sechs Milliarden Euro. Andererseits habe die moderne Landwirtschaft ein massives Akzeptanzproblem. "Begriffe wie Massentierhaltung, Agrarfabriken, Antibiotikaeinsatz und Nährstoffüberschüsse lösen bei der Bevölkerung Ängste aus." Insbesondere die moderne Nutztierhaltung sei zu einem medialen Dauerbrenner geworden. Politik, Gesellschaft und NGOs (nichtstaatliche Organisationen) wie Tier- und Naturschutzverbände fordern einen Veränderungsprozess in der Landwirtschaft. "Hier findet ein Wettlauf an Aktivitäten statt, der zu Schnellschüssen, Kampagnen und Verordnungen auf Landes- und Bundesebene geführt hat", klagte Uwe Bartels. Er ist sich jedoch auch sicher: "Ein Weiter so wie bisher ist ebenso wenig sinnvoll wie ein Zurück zur Bauernhofidylle längst vergangener Zeiten. Zumal der Lebensmitteleinzelhandel die Bedingungen diktiere. Der eine Konzern will keine Eier mehr von schnabelgekürzten Hühnern, der andere kein Fleisch mehr von kastrierten Schweinen. "Wer nicht liefert, was gefordert wird, ist draußen. Sehr kritisch sieht er deshalb die von Wirtschaftsminister Gabriel genehmigte Übernahme von Kaisers Tengelmann durch Edeka. "Im Sinn von Wettbewerb und faire Verhältnisse auf dem Markt ist das keine gute Entscheidung!", unterstrich er unter dem Beifall der Landwirte. »Wer nicht liefert, was gefordert wird, ist draußen« "Bei aller Notwendigkeit für eine Agrarwende müssen die Umstellungen auf einer wirtschaftlich vertretbaren Zeitachse für die Betriebe erfolgen", sieht er die Politik gefragt, mit Augenmaß entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen. Gerade mittelständische Betriebe dürften nicht im Regen stehen gelassen werden. Er forderte von der Politik bundesweit einheitliche Tierwohlpläne, die mit Blick auf die internationalen Märkte auch europäisch abgesichert sein müssen. Manchmal habe er das Gefühl. dass die Politik noch gar nicht richtig wahrgenommen habe, dass wir in einem globalen Markt leben und in vielen Ländern gerade in der Tierhaltung massiv aufgerüstet wird. Ein Alleingang Deutschlands in Sachen Tierwohl würde wohl eine Produktionsabwanderung - und damit die Beförderung von Tierwohlproblemen - in andere EU-Staaten oder Drittländer bedeuten. Man müsse sich darüber klar sein, dass alle Tierwohl- und Umweltauflagen die Produktion von Lebensmitteln verteuern und ein Alleingang erst recht zu einer Beschleunigung des Strukturwandels führe. Aber auch die Landwirte sieht er gefordert: "Wir brauchen den Dialog über den gesellschaftlich gewünschten Kurs und müssen auch die berechtigte Kritik aufnehmen. Wir dürfen nicht in der Defensive verharren, sondern müssen aktiv die Probleme angehen und gemeinsam Lösungen entwickeln, die wirtschafts- und umweltverträglich sind." Eine solche Vorgehensweise und Mitwirkung der Landwirte werde in der Öffentlichkeit und in der Politik als glaubwürdig, seriös und zielführend wahrgenommen, ist Bartels überzeugt. So habe man in Niedersachsen gemeinsam mit der Landesregierung den Abbau innovationshemmender Hürden und Bürokratie vereinbart. Zum Schluss zeigte der Agrarexperte sich zuversichtlich, dass die Landwirtschaft in Deutschland auch zukünftig von großer Bedeutung ist. Man müsse aber auch bereit sein, neue Marktsegmente zu erschließen und sich mit Produkten "Made in Germany" von der verfügbaren Massenware abzuheben. Bartels: "Wir haben ideale Voraussetzungen, Nahrungsmittel auf höchstem Niveau und exzellenter Qualität ressourcenschonend zu produzieren und den Märkten weltweit anzubieten."

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