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Zaun gezogen: Vor dem Eingang der Jahn-Realschule errichteten Donnerstagnachmittag Bauhofmitarbeiter eine Absperrung. Zuvor hatten sie noch verpackte Feldbetten im Foyer der Schule gestapelt. Sobald die Klassenräume gereinigt sind, werden dort die Schlafquartiere aufgebaut. - © Tyler Larkin
Zaun gezogen: Vor dem Eingang der Jahn-Realschule errichteten Donnerstagnachmittag Bauhofmitarbeiter eine Absperrung. Zuvor hatten sie noch verpackte Feldbetten im Foyer der Schule gestapelt. Sobald die Klassenräume gereinigt sind, werden dort die Schlafquartiere aufgebaut. | © Tyler Larkin

Lübbecke Notunterkunft für Flüchtlinge kommt hinter Gitter

Entscheidungen unter Zeitdruck

Frank Hartmann
18.09.2015 | Stand 17.09.2015, 20:36 Uhr

Lübbecke. Dass die Realschüler der Klassen 9 und 10 Hals über Kopf ihre Schule räumen mussten und ab nächster Woche in der Pestalozzi-Förderschule unterrichtet werden, damit an der Jahnstraße 300 Flüchtlinge untergebracht werden können, stößt bei Schulleitung und Eltern auf Unverständnis. Auch im Stadtrat fielen am Donnerstag kritische Anmerkungen zum hohen Zeitdruck. "Unmöglich ist das gelaufen", meint Marion Bienen, Leiterin der Jahn-Realschule: "Erst wurden Fakten geschaffen, jetzt wird diskutiert." Ihren Worten zufolge wurde sie am frühen Dienstagabend telefonisch ins Rathaus gebeten. Dort sei sie auf Bürgermeister Eckhard Witte, die Dezernenten und den Schulamtsleiter getroffen, die ihr drei Umzugsalternativen angeboten hätten: Die Stadtschule Lübbecke, das Wittekind-Gymnasium und das Berufskolleg. Bienen: "Ich hatte 30 Minuten Zeit, zu überlegen." Über die Köpfe der fünf, sechs Lehrer hinweg, die ihr als Personalstamm geblieben seien, habe sie das nicht entscheiden wollen, sagte Bienen am Donnerstag auf NW-Anfrage. Die Lehrer hätten kommen müssen, und dann habe man sich gemeinsam für die Pestalozzischule als "beste Alternative" entschieden. Wie die Schulleiterin weiter berichtet, habe sie am Mittwoch um 12.30 Uhr eine Vollversammlung für die 150 verbliebenen Schüler der auslaufenden Realschule anberaumt, sie kurz ins Bild gesetzt und ihnen mitgeteilt, dass sie bis 13 Uhr ihre persönlichen Sachen einsammeln müssten. Am Abend habe sich dann die Schulpflegschaft mit Kreisdirektorin Cornelia Schöder und Vertretern der Stadtverwaltung getroffen. Bienen: "Die Eltern sind hochgradig angefressen." Am Mittwoch halfen Bundeswehrsoldaten und Mitarbeiter des Bauhofes beim "Packen unter Zeitdruck". Mobiliar und Inventar müssten so schnell wie möglich in die Pestalozzischule gebracht werde, in der man freundlich aufgenommen worden sei: "Wir müssen uns arrangieren", so Bienen. Pestalozzi-Schulleiter Gerhard Witte, den Schulamtsleiter Rolf Kleffmann am Mittwoch informierte, hat mit den Kollegen der Jahn-Realschule einen Rundgang gemacht, um Räume für die Realschüler auszusuchen. Witte: "Wir haben uns gut geeinigt." Es werde ab kommender Woche zwar "richtig eng" und der Unterricht finde unter "erschwerten Bedingungen" statt, sei aber machbar. Wie Bienen, zeigte sich auch Witte überrascht, als Vertreter der Kreisverwaltung vor wenigen Tagen die Pestalozzischule an der Rahdener Straße in Augenschein genommen haben. Zunächst sei geplant gewesen, die Pestalozzischüler in die Jahn-Realschule umzusiedeln. Dass diese Entscheidung verworfen wurde, mutmaßt Bienen, liege wahrscheinlich daran, dass man Schülern mit einem Handicap einen solchen Umzug ersparen wollte. Als "gute Lösung" für die Flüchtlinge bezeichnete Bürgermeister Eckhard Witte die Auswahl der "vorübergehenden Notunterkunft". Obwohl die Fraktionsvorsitzenden die Entscheidung mittragen, kam Kritik am Vorgehen des Kreises am Donnerstagabend im Stadtrat auf. So bemängelte Dieter Fette (FDP), die Fraktionsvorsitzenden seien am Dienstag um 15 Uhr angerufen worden: "Ich habe mich überfordert gefühlt, denn ich musste mich innerhalb einer Stunde entscheiden." Dieter Wiegmann (WL) fühlte sich "sehr unter Druck gesetzt", und Manfred Muth (SPD) findet zwar die Entscheidung richtig, nicht aber den Weg dahin: "Gespräche über die Jahn-Realschule gab es schon letzte Woche. Es ist unmöglich vom Kreis, uns eine Woche lang nicht zu informieren." Einen anderen Kritikpunkt brachte Christoph Krüger (CDU) an. Er wohne in der Nähe der Schule und mit ihm sei nicht gesprochen worden. Der Bürgermeister räumte daraufhin ein, die Nordseite der Bohlenstraße sei wohl nicht informiert worden: "Tut mir leid."

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