Ein echter Hingucker auf der Gamescom: Die umgebauten Gehäuse der Casemodder treffen in Köln auf ein interessiertes Publikum - © Viktor Kröker
Ein echter Hingucker auf der Gamescom: Die umgebauten Gehäuse der Casemodder treffen in Köln auf ein interessiertes Publikum | © Viktor Kröker

Espelkamp Auf der Gamescom tüftelt Matthias Streser mit anderen Teams an neuen PC für weibliche Kunden

Espelkamp/Köln. Es ist wieder ein Jahr mehr, in dem die Gamescom in Köln mit einem neuen Besucherrekord bewiesen hat, dass Videospiele und Unterhaltungselektronik in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Neben zahlreichen Entwicklerstudios und Elektronikkonzernen präsentiert sich hier jedes Jahr auch die Deutsche Casemod Meisterschaft (DCMM). Zum neunten Mal hat auch Matthias Streser aus Espelkamp an diesem Wettkampf der Computerbastler teilgenommen und versucht, an seinem Erfolg aus den Vorjahren anzuknüpfen. Seit 2008 hat es Matthias Streser stets in mindestens einer Kategorie der DCMM auf das Siegertreppchen geschafft, bevor im vergangenem Jahr der Erfolg plötzlich ausblieb. "Eigentlich habe ich schon darüber nachgedacht im Wettbewerb ein bisschen kürzer zu treten, doch zu dem Zeitpunkt hätte es ausgesehen, als würde ich aufgeben", so der studierte Elektrotechniker im Vorfeld der diesjährigen Casemod Meisterschaft. Dieses Jahr konzentriert sich Streser voll und ganz auf das Live-Modding. Auch wenn diese Disziplin handwerklich besonders herausfordernd ist, da sich unter erheblichen Zeitdruck und Live-Bedingungen keine Fehler einschleichen dürfen, malt sich Streser hier die größte Chancen aus. Denn mit der Szene wächst auch der Anspruch an mitgebrachte Cases. Bis zu 500 Stunden Arbeitszeit investiert hier die Konkurrenz in ein einzelnes Gehäuse. Das diesjährige Thema beim Live-Modding dreht sich um "Beauty"-Cases. Es sollen also Computer gebastelt werden, die an die Bedürfnisse einer weiblichen Zielgruppe appellieren. Das ist aber auch schon alles, was Streser im Vorfeld über sein Projekt weiß, denn der Lebensalltag von ihm und seinem Teampartner Henning Wolter aus Koblenz lassen Planungen im Vorfeld kaum zu. Das stört Team "Chaosmodder" aber eigentlich nicht: "Beim Live-Modding kommt es darauf an, flexibel auf spontane Gegebenheiten reagieren zu können. Ein fester Plan, an dem man sich verbeißt, kann einem dabei im Weg stehen." Beim Ausladen am Dienstagabend gibt es dann ein herzliches Aufeinandertreffen. Da die Teilnehmer aus ganz Deutschland kommen, hat man sich seit der letzten Gamescom nicht mehr gesehen und tauscht sich über Neuigkeiten aus. Dazu gehören auch neue Kreationen und Entwicklungen in der Szene, über die man sich in den eigenen Foren im Internet auf dem Laufenden hält. Noch sind die Messehallen leer und man hat den DCMM-Stand ganz für sich. Kaum vorstellbar, dass sich hier in den nächsten Tagen Hunderttausende Menschen über die Gamescom und auch an den Live-Moddern vorbei laufen werden. Dann geht es mittwochs um 10 Uhr los. Nachdem der 24 Stunden Countdown gestartet wird, dürfen die Teams ihre Blankogehäuse auspacken. Doch nur kurz werden diese in Augenschein genommen und abgemessen, dann widmet man sich den Eigenbauten. Kreissäge und Bandschleifer erklingen, Späne fliegen durch die Luft: Schnell zeigt sich, dass die meisten Teams auf Holz setzen. Dieses Material birgt nicht nur viel Potenzial für verschiedene Bearbeitungstechniken, sondern sieht auch schick aus und soll damit die Damenwelt ansprechen. Zwei Teams bauen ganze Schminktische um ihre PC-Gehäuse herum. Ein so großes Mobiliar unter Zeitdruck fehlerfrei zu verarbeiten ist schon ein ehrgeiziges Ziel. Doch als Streser sieht, wie der gelernte Schreiner eines dritten Teams sein Holz in eine besonders extravagante Formen bringt, wird ihm klar, dass es schon eine Auszeichnung ist, sich überhaupt zu den sechs teilnehmenden Teams qualifiziert zu haben. Auf das Siegertreppchen zu kommen, scheint fast unmöglich. Doch noch hat Streser seine eigene Kernkompetenz in der Hinterhand. Dazu gehört alles, was mit Elektronik zu tun hat. So soll das Case der "Chaosmodder" die Form eines Desktop-PCs aus den 90ern haben, mit ausfahrbaren Schubladen voller Nagellack ausgestattet sein und über eine Öffnung verfügen, in der man seine Nägel unter UV-Licht trocknen lassen kann. Während jedes Team versucht, die eigene Vision bestmöglich umzusetzen, läuft die Uhr gnadenlos weiter. Anfangs erscheint der Zeitdruck noch etwas abstrakt und die Bastler lassen sich gerne auf Gespräche mit Messebesucher ein. Für die Meisten ist der DCMM-Stand eine echte Entdeckung zwischen den überfüllten Bühnenshows und Videopräsentation, die in ähnlicher Form schon im Internet kursieren. Im Gegensatz dazu entsteht hier etwas vollkommen Neues direkt vor ihren Augen. Doch während die Messe immer überfüllter wird, nehmen die Teilnehmer immer weniger von ihren Zuschauern Notiz und schließlich ist es soweit: Die 24 Stunden sind vorbei. Bis in die letzte Minute tüfteln Streser und sein Teamkollege schwitzend, aber dann ist alles verkabelt. Doch als die Chaosmodder ihre Nagellackstation der Jury vorstellen, offenbart sich ein technischer Fehler: Die UV-Beleuchtung ist so an das Stromnetz des PCs verbunden, dass sie nur bei geschlossenen Schubladen funktioniert. Nach den drei vollen Arbeitstagen ist das ein echter Dämpfer. Kann sich das Endprodukt jetzt noch gegen die handwerklichen Meisterleistungen der Konkurrenz durchsetzen? Das Wochenende Bevor die Gewinner der diesjährigen Deutschen Casemod Meisterschaft bekannt -gegeben werden, folgt das Wochenende auf der Messe, an denen auch die Modder außerhalb der 24 Stunden Herausforderung ihre imposanten PC-Gehäuse ausstellen. Dazu reisen Teilnehmer aus Frankreich, Ungarn und sogar China an. Auch andere Espelkamper erscheinen am Samstag, um ihre Projekte auszustellen. Darunter befinden sich Daniel Streser, Melina Busch und Rafael Atalay Alabas, so wie ihre Begleitpersonen. Über 50 Exponate werden ausgestellt und untereinander begutachtet. Neben dem regen Austausch unter Kollegen, nimmt auch die Jury jedes Ausstellungsstück genau unter die Lupe und lässt sich die Ideen und Funktionsweise dahinter erklären. Für die Modder ist dies die einzigartige Gelegenheit ihr Projekt offiziell in der Szene vorzustellen. Daniel hat eine neue Fassung für eine Lavalampe so aus Glasfaserkunststoff geschnitten und lackiert, dass sie einem Artefakt aus dem Videospiel „Dead Space“ gleicht. Für Fans dieses Spiels ist es eine freudige Überraschung, diesen ikonischen Gegenstand so pfiffig umgebaut unter den Exponaten zu sehen und man kommt ins Gespräch. Auch Melina Buschs Projekt sorgt für Aufsehen. Sie hat einer Spardose das Gesicht eines „verfressenen Cyborgs“ verpasst und einen Bewegungssensor eingebaut, der den Münzschlitz in ausladende Kaubewegungen versetzt, sobald etwas eingeworfen wird. Auf die schriftliche Aufforderung „Fütter mich und schau, was passiert“ hin, werfen tatsächliche Besucher ihr Kleingeld ein. Die Reaktionen reichen von gebannter Faszination bis zu lautem Auflachen. Unter den Zuschauern befinden sich neben Internetreportern und Bloggern auch ganze Fernsehteams, denen auch die Espelkamper Rede und Antwort stehen. Es ist aufregend, hier eine so große Bühne für die eigenen Ideen vorzufinden und der Trubel hinterlässt Eindruck: „Die DCMM hat sehr viel Spaß gemacht und ich bin im nächsten Jahr auf jeden Fall wieder mit dabei“, ist sich Melina Busch jetzt schon sicher.

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