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Sieht ganz Deutschland als Tal der Ahnungslosen: Referentin Frigga Tiletschke stand in der Stadthalle fast drei Stunden am Rednerpult.
Sieht ganz Deutschland als Tal der Ahnungslosen: Referentin Frigga Tiletschke stand in der Stadthalle fast drei Stunden am Rednerpult.

Lübbecke AfD-Infoabend in Lübbecke: Geteiltes Echo

Referat über Asylbewerber umstritten / Staatsschutz, Polizei und Sicherheitsdienst vor Stadthalle

Frank Hartmann
30.05.2015 | Stand 28.06.2017, 12:19 Uhr

Lübbecke. Beobachtet von Staatsschutz, Polizei und privatem Sicherheitsdienst hat die Bielefelder Historikerin und Deutschlehrerin Frigga Tiletschke im Auftrag der AfD Minden-Lübbecke in der Stadthalle zu Asyl, offenen Grenzen und den Folgen gesprochen. Während die kleine Gruppe der AfD-Anhänger dem Vortrag nach fast drei Stunden applaudierte, gingen die Kritiker enttäuscht nach Hause. Die Gruppe der AfD-Kritiker, die vor der Stadthalle einen Stand mit Transparenten, Flyern, Buttons und Aufrufen zu Toleranz und Solidarität mit Flüchtlingen aufgebaut hatte, wollte "eigentlich mit Flüchtlingen ein großes Grillfest feiern". Sie hätten aber "zu wenig Zeit gehabt", erläuterten Mitglieder des Bündnisses "Minden gegen Rechts" und der "Hilfe für Flüchtlinge Porta". Drinnen forderte AfD-Kreissprecher Thomas Röckemann die mit etwa 50 Personen zahlenmäßig weitaus größere Zuhörergruppe der Kritiker auf: "Seien Sie Demokraten." Dann stellte er die Referentin vor: Frigga Tiletschke, Studium in Bielefeld (Geschichte, Englisch, Philosophie), 1992 Magister in Geschichte, mehrjährige Projektarbeit für das Historische Museum, Anfang 2000 Aufbaustudium für Geisteswissenschaftler in Bielefeld und Kassel in DaF - Deutsch als Fremdsprache. Heute unterrichtet sie Migranten, vor allem Mütter und Kinder. Ihre Zielgruppe: "Anerkannte Asylbewerber und EU-Ausländer", so Röckemann.60 Zuhörer Die ersten 70 Minuten ihres Vortrages über "Asyl, offene Grenzen und die Folgen" verliefen ruhig. Frigga Tiletschke, die auf Einladung der AfD Minden-Lübbecke aus Bielefeld in einen Nebenraum der Lübbecker Stadthalle gekommen war, konfrontierte die etwa 60 Zuhörer mit einer Vielzahl von Zahlen, Statistiken, Medienberichten und Zitaten. Demnach läuft in Sachen Asyl auf europäischer Ebene so ziemlich alles falsch, insbesondere in Deutschland: Die Asylgesetze sind zu großzügig, das Verteilverfahren ist gescheitert, die finanzielle Unterstützung zu üppig, die Klagewege bei Ablehnung zu lang, das gesamte System intransparent. Und für all das, diesen versteckten Vorwurf ließ sie immer wieder durchblicken, müsse der deutsche Steuerzahler aufkommen. Kommentieren oder gar bewerten wollte sie das Vorgetragene angeblich nicht: "Die Zahlen sprechen für sich." Dennoch fasste sie die Statistiken oft zusammen mit Aussagen wie "Ganz Deutschland lebt im Tal der Ahnungslosen", "Flüchtlinge und Integration sind das wichtigste Thema für Deutsche", "Deutschland ist Weltmeister im Zahlen" und "die gesamte Weltbevölkerung könnte in Deutschland Asyl beantragen".Empörte Zwischenrufe Irgendwann riss einem Anwalt, einer Tierärztin, einem Kenner der Friedensbewegung, Vertretern von Kirche und Diakonie und Mitgliedern des Bündnisses "Minden gegen Rechts" der Geduldsfaden. Es gab empörte Zwischenrufe, kritische Nachfragen, deutliche Gegenmeinungen zu ihren Behauptungen "aus Afrika kommen nicht die Armen, die können es sich nicht leisten", "die Mitleidsquote in Deutschland geht rasant runter", "Hochqualifizierte verlassen in Scharen Deutschland, denn ihnen bleibt zu wenig Netto vom Brutto" und "die deutsche Gesellschaft zerfällt zu Staub, wer bleibt, hängt am Versorgungssystem". Tiletschke reagierte nur scheinbar gelassen. Der Druck, unter dem sie nach Vorwürfen der "Manipulation" und eines "falschen Welt- und Menschenbildes" stand, machte sich durch ein einsetzendes nervöses Zucken unter ihrem linken Auge bemerkbar. Weitere 90 Minuten später beklatschten einige Zuhörer das Ende des Tiletschke-Vortrages. Die übergroße Mehrheit der Kritiker ging hingegen enttäuscht nach Hause. Darunter eine Gruppe junger Leute vom Bündnis gegen Rechts, die bedauerten, dass keine richtige Diskussion möglich gewesen sei. "Ich denke, den Ängsten, die Menschen wie Frau Tiletschke schüren, begegnet man am besten im direkten Gespräch vor Ort. Hierauf und auf die Unterstützung der vielen Ehrenamtlichen möchte ich meine Energie verwenden - und nicht auf einen verbalen Schlagabtausch mit der AfD", sagte eine Teilnehmerin aus dem Umfeld des Kirchenkreises Lübbecke."Einseitige Fakten" Diakonie-Geschäftsführer Lutz Schäfer sieht sich entgegen dem Vorwurf der Referentin nicht als Teil der "Sozial- und Integrationsindustrie" von Caritas, Diakonie und Arbeiterwohlfahrt mit 40.000 Betrieben und 2,5 Millionen Angestellten. Er kritisiert Tiletschkes "einseitige Fakten". Zudem stellt er infrage, ob ihre eigenen Erfahrungen mit Asylbewerbern als Lehrerin und Reisende repräsentativ sind. Dass sie die Frage aufgeworfen habe, was ein Asylbewerber dem deutschen Steuerzahler nütze, hält er für "menschenverachtend". Dieter Wiegmann, als einziges Mitglied des Lübbecker Rates unter den Zuhörern, findet die Veranstaltung "überflüssig". Sein Fazit: "Man hätte es sich sparen können. Die eine Seite hat keinen AfD-ler überzeugen können, und die AfD hat keinen Gegner überzeugt." Aber einen Mann mittleren Alters, der einen Schal mit dem Aufdruck "Das deutsche Vaterland" um den Hals trug und nach der Veranstaltung seinem Gesprächspartner am Handy mitteilte: "... ein Grund mehr, die zu wählen". KOMMENTARWer auf Tiletschke steht, stolpert Angesichts des Wirbels um die abgesagte AfD-Veranstaltung im Hotel Borchard war die Erwartung an den zweiten Versuch eines Infoabends mit Referentin Frigga Tiletschke hoch. Erfüllt hat sie sich leider auch in der Stadthalle nicht. AfD-Mitglieder und -Sympathisanten und ihre Kritiker sind kaum miteinander ins Gespräch gekommen. Es entstand keine Diskussion. Beide Seiten kamen mit vorgefertigten Meinungen. Keiner ging um neue Erkenntnissen bereichert nach Hause. Woran lag das? Der Vortrag von Frigga Tiletschke war vollgepackt mit Zahlen, Fakten und Statistiken, die für eine Diplomarbeit gereicht hätten. Hinzu kamen diverse Zitate und Online-Leserkommentare, die sie vorlas. Das kann sich kein Mensch merken. Gelegenheit zu Zwischen- oder Nachfragen gab es zu wenig. So erdrückte die Masse an Material einen vertieften Meinungsaustausch an Stellen, die wichtig gewesen wären. Hinzu kam, dass die Referentin standhaft behauptete, sie präsentiere ja nur Fakten. Schlussfolgerungen daraus müsse schon jeder selbst ziehen. Zugleich rutschte ihr immer mal wieder die Maske der angeblich neutralen Wissenschaftlerin vom Gesicht. Wenn sie allzu sehr vereinfachte, maßlos übertrieb, nicht auf Einwände einging, zynisch antwortete und Beispiele in einen Zusammenhang stellte, wo es keinen gibt. Sie mag Historikerin und Deutschlehrerin sein, die weltweit gereist ist. Aber sie hat einen großen Fehler gemacht: Sie hat sich nicht aus der Rolle der Lehrerin gelöst, die Schülern etwas beibringt. Sie hat die kritischen Zuhörer an diesem Abend total unterschätzt und damit deren Intelligenz beleidigt. Schade. Denn es gibt ja einige Missstände im Zusammenhang mit der Situation von Asylbewerbern. Wenn Frigga Tiletschke und die AfD sich mit dem gleichen Engagement darum kümmern würden, mit dem sie Stimmung machen und Ängste schüren, wären wir einen Schritt weiter. Kontakt zum Autor: frank.hartmann@nw.de

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